Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 8 (1915)
- Issue
- 1. u. 2. Juni-Heft
- Date
- 1915-06-01
- Page
- Seite 162 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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162 / IIANUIWERK UND GEWERBE I. u. 2. Juni-Heft lands auch an diesem Aufblühen immer mehr verdienen Würde.' Man vergißt nur gar zu gern, dal] in England wenige" dije wirtschaftliche als die politische und vor allem die maritime Machtentwicklung Deutschlands gefürchtet würde. Weniger, daß der Deutsche in der Welt draußen gtch in Handel und Industrie überhaupt betätigte, sondern dal! dies .injmermehr in der ausgesprochenen politischen Form, als deutscher Handel und deutsche Industrie geschah, das 'war den Engländern ein Dorn im Auge. Ebenso hat Rußland flicht erst seit heute seinen Ausdehnungsdrang und doch hat siclu dieser Ausdehnüngsdrang in/ früheren Jahrhunderten kauni je. gegen Deutschland gerichtet: wohl eher erfolgte dies gegen seine heutigen Bundesgenossen, gegen England und Japan. England hat gewiß schon in früheren Jahrhunderten die Machtgelüste Rußlands von sich auf andere Staaten abzulenken gesucht und doch ist es ihm niemals in diesem Maße gelungen, obwohl sich auch früher in Rußland einflußreiche Persönlichkeiten gefunden haben werden, die dieses* Streben Englands, unterstützten - Persönlichkeiten ä la Nlkolajewitsch wird es auch früher gegeben haben. Sie haben aber nie so die Oberherrschaft erlangt, daß sie ihr Streben in, die Tat umsetzen konnten. Ebenso Staatsmänner-ä la Grey und Poincare. Wir wissen, daß vor noch nicht langer Zeit derselbe Delcasse schon einmal den Weltenbrand zu -entzünden versuchte, aber damals von der Bühne abtreten mußte. Persönlichkeiten, die skrupellos genug sind, uanze Völker in blutige Konflikte zu jagen, sind immer, vorhanden, aber nicht immer finden sie ihre Zeit, ihre Pläne auch in die tat umzusetzen. Welche Faktoren" bei dem -gegenwärtigen Weltkriege mitgewirkt haben, um die Zeit heranreifen zu" lassen, in der solche Persönlichkeiten und Cliquen ihre Absichten auch verwirklichen konnten, das wollen'wir in einem nächsten Aufsatz untersuchen. Dr. O. Ehrlich, t Das deutsche Handwerk im Streiflicht der Geschichte. Die alten Germanen betrieben in der Urzeit wohl das Handwerk, kannten aber keinen eigentlichen Handwerkerstand und die handwerksmäßigen Verrichtungen der einzelnen Stammesgenossen galten den freien Germanen nichts weniger als würdig. Der Handwerker selbst errang seine Selbständigkeit erst bei Begründung der Städte und durch den Efntrftt des gegenseitigen Geldverkehrs d. h. beim Aufhören des; Tauschhandels. Je größer die einzelnen festen Plätze wurden, um so stärker wurde der Selbsterhaltungstrieb und das Streben nach möglichst günstigen Arbeitsbedingungen führte die Standesgenossen im Handwerk zur Gründung besonderer Vereinigungen, die man Zünfte nannte. Sie hatten den Zweck, ihre Mitglieder in jeder Weise zu unterstützen, ihnen Vorteile aller Art zu verschaffen, die Standesinteressen zu heben, die Ehre des Handwerks zu wahren und für gute Leistungen Sorge zu tragen. Lange währte dieser friedliche Zustand im Handwerk nicht, denn die politischen Kämpfe der damaligen Zeit, insbesondere die Reformation, führten zu Parteiungen und zum Verfall der Zünfte. Das Lehrlingswesen wurde vernachlässigt und hatte schließlich Kämpfe mit den Gesellen zur Folge. Die Lage, die hierdurch unter den Handwerkern geschaffen wurde, artete zur Unerträglichkeitaus und rief eine allgemeine Unzufriedenheit hervor; die Einrichtung der Zünfte.hatte sich überlebt. Die Vorschriften über die Innehaltung der Bannmeile, über die Art un.l Menge der Rohstoffe, über die Zahl der Gesellen und Lehrlinge, das Verbot der Einfuhr von Maschinen vertrugen sich mit der vorgeschrittenen Entwicklung von Verkehr und Technik nicht mehr. Die Zünfte mit ihren vielen Mißständen hatten die Handwerker an den Bettelstab gebracht und das Ansehen der deutschen Handwerker dem Auslande gegenüber geschädigt. Es wurde von dem Handwerk wirklich produktives nicht mehr geleistet und die Fabriktätigkeit in Holland, Frankreich, Belgien und England hatte .das deutsche Handwerk vollkömmen überflügelt. Von allen Seiten wurde nunmehr auch in Deutschland die Begünstigung des Fabrikwesens gefordert und speziell Preußen unterstützte die Gründung von Fabriken und die Einführung von Zöllen. . Der Zunftzwang fiel in Frankreich im Jahre 1791 und Preußen folgte durch die Verordnungen vom 2. November1 1810 und( 7. September 1811. Nunmehr durfte jeder ein Gewerbe treiben, wann und wo er wallte. Der Nachweis der Befähigung war nicht mehr nötig, nur die Lösung eines Gewerbescheines und die Zahlung einer Gewerbesteuer genügte. Diese Maßregel Hatte zunächst einen erzieherischen Einfluß zur Folge; sie wirkte als Ansporn für die Gesellen, die sich selbständig machen wollten. Doch bald zeigten sich auch die Mißstände, die sich aus dem übermäßigen Gebrauch der Gewerbefreiheit ergaben. Dem reellen Handwerksmeister erstand eine ungeheure Konkurrenz durch die minderwertigen Handwerksgenossen und das im Jahre 1848 infolge der Mißstände in Frankfurt a. M. zusammenberufene Handwerkerparlamentj forderte die Rückkehr zu den Zuständen des 13. Jahrhunderts, d. h. die Wiedereinführung der Zünfte. Die Regierung gab den Anträgen des Handwerks nach und erließ i die Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes, die bei Neugründung des deutschen Reiches als Reichsgesetz übernommen wurde. Diese Verordnung wurde durch neue Gesetze erweitert und ergänzt, ihre letzte Fassung datiert vom 26. Juli 1910. Wenn auch in dieser Zeit manche Zweige des Handwerks vom fabrikmäßigen Großbetriebe zunichte gemacht wurden, der lebenskräftige Baum des deutschen Handwerks hat neue Aeste ► getrieben und seine Zweige sind heute wieder trotz des Krieges stärker denn je. Gerade der gegenwärtige Krieg bringt dem Handwerk Arbeit in Hülle und Fülle und in allen Betrieben begegnet man der Spur des deutschen Handwerkers. Das deutsche Millionenheer ist auch mit Hilfe der deutschen Handwerker auf das Sorgfältigste ausgerüstet,' insbesondere sind hierzu die Bekleidungs¬ und Waffenbranchen herangezogen worden. Tausende von Schneidern, Schuhmachern, Kürschnern, Sattlern sind an der Ergänzung und Bereitstellung von Ausrüstungen für die zur Frönt gehenden und bereits im Felde stehenden Truppen beschäftigt. Selbst die größte Waffenfabrik der, Welt „Unser Krupp" ist auf Gehilfen angewiesen, die ihre erste Ausbildung bei einem Handwerksmeister genossen haben. Zudem erfordert der gewaltige Fuhrpark unserer Truppen die. Mitarbeit von Tischlern, Drechslern, Stellmachern, Schmieden und Schlossern, und auch die Befestigungen der größeren Plätze, sowie die Ausrüstung der Lazarette sind auf die tätige Mithilfe des Handwerks angewiesen. Hätte unser Eisenbahnwesen die erstaunlichen Großtaten in den Mobilmachungstagen wirklich leisten, können, wenn nicht, das unermeßlich große Heer gewerbsmäßiger Handwerker dem gewaltigen Betrieb zur Verfügung gestanden hätte?! Gerade die Leistungen dieser Kategorien von Handwerkern werden den Krieg mit entscheiden helfen. Was sind die Eisenbahn-, Pionier- und Telegraphen-Regimenter anderes, als bei der Truppe ausgebildete Handwerkerregimenter? Wer versorgt, unsere braven Jungens draußen an der Front mit Speis und Trank, der deutsche Fleischer, Bäcker und vor allem der deutsche Koch. So hat eben der Weltkrieg den deutschen Handwerker auf eine bisher nie dagewesene Höhe gebracht und durch seine Leistungsfähigkeit mit Recht die Bewunderung der ganzen Welt erweckt. Die Handwerker unserer gesamten Monarchie ringen in der Werkstart und auf dem Felde der Ehre mit den übrigen Berufsständen um die Palme des Sieges; sie bilden einen unentbehrlichen Teil unserer Wehrmacht, ^der in so kompakter Masse in den i •' 1