Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 9 (9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Jahreswende Das alte Jahr neigt sich seinem Ende zu, und der Beginn des neuen Jahres gibt uns Veranlassung, allen Kollegen des jüdischen Handwerker- und Mittelstandverbandes ein herzliches leschonoh tauwoh zu wünschen. Neue Aufgaben von fast Unüberwindlichem Ausmaß warten unser, gesteigerte Anstrengungen in der Einordnung unserer Jugend im Handwerk, die Berufsumschichtung der a'lteren Generation bis zur Auswanderungsreife, die Unterstützung unserer Kollegen bei ihrer Auswanderung und nicht zuletzt die Fürsorge für unsere alten Kollegen, die nicht mehr zur Auswanderung gebracht werden können. Die Fülle dieser Aufgaben setzt restlose Einsatzbereitschaft aller Angehörigen des gewerblichen Mittelstandes voraus. Möge auch das neue Jahr uns bereit finden. Wilhelm Marcus Louis Wolff Glaube und Wirklichkeit Von George Goetz „... und von Deinen Verheißungen bleibt keine unerfüllt" Jedesmal wenn im Gotteshause die Verlesung des Prophetenabschnitts beendet ist, sprechen wir diesen Satz. Und nun stehen wir wieder an einer Jahreswende, blicken zurück auf das vergangene Jahr und die jüdische Wirklichkeit, die es uns brachte; blicken hinein in unser Festgebetbuch und all die zahllosen darin erwähnten Schriftsteilen von Israels besonderer Berufung und von seiner Zukunft; blicken vorwärts auf das kommende Jahr und die bangen Sorgen, mit denen wir es beginnen, und fragen: Jüdischer Glaube und jüdische Wirklichkeit — wie passen sie noch zusammen? Vermögen wir von den biblischen Verheißungen noch ehrlich zu glauben und zu sprechen, daß" sie Verheißungen einer Wirklichkeit sind? Da fällt uns zur rechten Zeit ein Wort ein, das für unsere Neujahrsstimmung so recht wie geschaffen ist: „Gedenke des ganzen Weges . . ." Gerade das Neujahrsfest mahnt uns ja, den Blick nicht auf den kurzen Augenblick nur zu richten, sondern auf die Dauer der Zeiten. Und schauen wir solcherart, mit umfassendem, die ganze jüdische Geschichte kennendem und umgreifendem Blick auf unsere heutige Wirklichkeit, so werden wir sagen: sie ist heute nicht anders, als sie immer war, und so gewiß unsere Väter zu allen Zeiten den Glauben an Israels Zukunft bewahrten und in diesem Glauben gerechtfertigt wurden, so gewiß auch wollen wir uns diesen Glauben bewahren und dürfen wissen in all unserer trübseligen, grauen Wirklichkeit: auch wir werden in diesem Glauben an die Zukunft gerechtfertigt werden. Aber: haben wir diesen Glauben? — das ist die Grundfrage, von der wir ausgingen. Und da müssen wir sagen: er ist vielen verlorengegangen, weil jener andere und tiefere Glaube ihnen verlorenging, der unsern Vätern Urkraft und Quell all ihres Hoffens war. Muß es noch eigens ausgesprochen werden, von welchem Glauben hier die Bede? Israels Zukunft hatte für alle jüdischen Geschlechter vor uns Immer nur einen Garanten —: Gott. Und, es ist wahr: es ist immer eine sehr große Schwierigkeit beim Verständnis der jüdischen Religionslehre gewesen: Wie kann Gott, der Schöpfer, Vater und Lenker aller Welten, des ganzen Universums aller Sternenheere, wie kann er zugleich der Gott eines besonderen Volkes auf dieser kleinen Erde sein, das er „erwählt" habe? „Auserwahltes Volk", wir haben dies Wort nur schwer glauben können, wenn wir, wie wir am Neujahrstage tun, an Gott als den Weltenschöpfer und Weltenlenker dachten; und wir haben, Jahrzehnte hindurch, dies Wort nicht hören mögen, da es allzu sehr uns nach Hochmut zu ..schmecken schien. Nun die heutige Wirklichkeit zu Hochmut und Ueberhebung keinen Anlaß mehr bietet, können wir dies Wort wieder unbefangen hören, können es vorurteilslos prüfen. Und da ergibt sich dies Seltsame: es mag wahr sein, daß Gott — der Gott aller Welten — kein Volk hat; aber ebenso wahr kann es sein und ist es sogar, daß ein Volk — auf besondere Weise — Gott hat Wir lesen vom Bunde Gottes mit Abraham, welcher Bund dann auch mit den zwei andern Stammvätern Isaak und Jakob erneuert wurde; wir lesen vom Bundesschluß Gottes mit dem Volke Israel am Sinai, und da fällt uns ein: mit dem Schrifttum von Gott und also mit dem Gottesgedanken ist dieses Volk Israel von je und für immer verbunden! Merkwürdig genug: einzelnen unter uns mag dieser Gedanke in Frage gestellt erscheinen, so wie er einer materialistischen Philosophie oder einer atheistischen Zeit in Frage gestellt erscheint (und man kann, blickt man auf die Gesamtheit der heutigen Völkerwelt in allen fünf Kontinenten, keineswegs sagen, daß Materialismus und Atheismus schon überwunden seien), aber mit Israel als Ganzheit, als durch die Geschichte schreitendem Volk, ist der Gottesgedanke untrennbar verbunden. Daß Israel auf besondere Weise berufen sei, Gott zu dienen, dieser Glaube war es, der unsern Vorfahren, so oft sie auch zum Wanderstabe greifen mußten, jenen andern Glauben ermöglichte: den Glauben an ihre Zukunft Und dieser Glaube auch ist es, der von uns wiedergefunden werden muß, sollen wir an unsere Zukunft glauben! Glaube und Wirklichkeit — sie sind im Judentum keine Gegensätze. Unser Glaube ist unsere Wirklichkeit, und unsere Wirklichkeit, unser schweres jüdisches Sonderschicksal, ist Ausdruck und Verkörperung der im jüdischen Glauben enthaltenen, einzigartigen jüdischen Idee. Ganze Zeitalter und Erdteile, viele Einzelmenschen und selbst einzelne Juden können die Gottesidee verleugnen oder vergessen, Israel als Ganzes kann es nicht. D a s ist die Auflösung des scheinbaren Widerspruches: daß der niigpm<>tn-mMM<'hH',h«» höchste Gottesgedanke zugleich auf besondere Art die Idee des Judentums ist, das darum, geknüpft ans Ewige, selber auch dauert. Das mag, das muß mit jenen Schriftstellen gemeint sein, die uns zu allen Zeiten Trost und Aufrichtung gewesen sind und die uns auch jetzt, am Feste der Zeitenwende, hinübergeleiten vom vergangenen Jahr ins kommende Jahr. Wir sehen nicht den kurzen Augenblick nur, den wir ~ jetzt in schwerer Sorge um die Existenz so vieler der Unsern' durchleben; wir .gedenken des ganzen Weges, den der Ewige dich in der Wüste geführt hat, ... er ließ dich hungern und er' speiste dich mit Manna, das du nicht gekannt und das deine Väter nicht gekannt hatten . . . um dich durch Leiden zu prüfen und um am Ende dir wohlzutun" (5. B. Mose, Kap. 8). Auf solchem Weg, auf solcher Wanderung wie unsere Vorfahren sind auch wir. Längst Ist es nicht mehr so, daß nur die Jungen hinausziehen, sondern wie Moses ausrief, so suchen wir alle „mit unsern Jungen und mit unsern Alten" neue Heimat Suchen den neuen Himmel, unter dem wir schaffen, die neue Erde, auf der wir arbeiten und uns unser Leben erobern dürfen. Und glauben zuversichtlich: dies alles geschieht im Dienste einer helligen und unvergänglichen Idee. Mögen die Bestimmungen, die uns die Einwanderung ermöglichen, täglich wechseln, mögen die Schwierigkeiten noch so unüberwindbar erscheinen, mögen bei alledem die Scharen unserer Wanderungswilligen täglich wachsen: Wir kennen nun die Idee, und so schauen wir den ganzen Weg bis ans Ende: „Denn so wie der neue Himmel und die neue Erde, die Ich schaffe, vor Mir bestehen, ist der Spruch des - Ewigen, so werden bestehen eure Nachkommen und euer Name" (Jes. 68"). So klingen Glaube und Wirklichkeit, Rückschau und Festtagsgebet und Zukunftsausblick zu einem großen, zuversichtlichen Worte uns zusammen: Wdawar echad mldd' warecha achor lo-jaschuw rekam — „und von Deinen Verheißungen bleibt keine unerfülltI" . . 1