Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 2 (2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- Seite 1 (sequence 3)
- Language
- German
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In einem Aufsatz über „Vorbereitung der Berufsausbildung durch das 9. Schuljahr" wurden in dieser Zeitschrift (Der zeraber 1937) die Gesichtspunkte dargelegt, die bef einer -Berufswahl unserer jüdischen Jugend heute zu beachten Sind. Aber obwohl etwa ebenso viel Mädchen wie Knaben im April zur Schulentlassung kommen, wird in diesem Aufsatz nur von den 2000 jüdischen „Jungen" gesprochen, und die Ausführungen schildern lediglich das Berufsschicksal der männlichen jüdischen Jugend. Dabei wird gerade in den Kreisen der jüdischen Handwerker die Auffassung, daß auch jüdische Mädchen ein Anrecht auf Berufsausbildung und -Ausübung haben, Verständnis finden, und die Tatsache, daß die Redaktion dieses Blattes den Mädchenberufen einen besonderen Aufsatz widmen will, bestätigt diese Annahme. Für die Mädchen hat das gleiche wie für die Jungen zu gelten: Bei der Berufswahl ist entscheidend, daß ein großer Teil unserer Jugend später auswandern, d. h. in der Lage sein muß, in der Fremde eine Existenzgrundlage zu finden. In der letzten Zeit ist durch die jüdische Presse auf Mißstände hingewiesen worden, die sich dadurch ergeben haben, daß bisher überwiegend männliche Jugendliche ausgewandert sind, denen die Möglichkeit fehlt, sich in der Fremde ein jüdisches Heim zu gründen. Es wurde dabei auf Grund vorliegender Erfahrungen betont, daß g e,m e i n s a m e' Auswanderung nicht nur seelisch den besten Halt gewährleistet, sondern daß in sehr vielen, ja vielleicht den meisten Fällen der weibliche Teil eher einen Broterwerb findet, so daß auch der materielle Existenzkampf durch eine Eheschließung vor der Auswanderung eher e r ■ leichtert als erschwert wird. Tatsächlich war die Berufsschichtung der jüdischen Frauen und Mädchen auch vor 1933 gesünder als die der männlichen jüdischen Bevölkerung, und zwar galt das besonders für die handwerklichen Berufe. Aber auch die Tätigkeit, die jeder Frau zunächst ein Existenzminimum sichert, die sie instand setzt, das Leben der eigenen Familie sparsam und gesund einzurichten — die limWImtrr lfmrn- und IMrild»rbrrrl PVGRÜNFELD 10t Ijlnrn. rtljrhr I UlpUj«r Sn«lle 2(1-33 l 331 ■ n-n Hauswirtschaft wurde zwar als eigentlicher Beruf \on unseren Mädchen vielfach abgelehnt, aber dank der Bemühungen des jüdischen Frauenbundes und der jüdischen Berufsberatungsstellen wurde doch vielen eine haus- .wirtschaftliche Schulung zuteil, die sich nun als nützlich erweist. Heute wird vom Hilfsverein der Juden in Deutschland, der auf diesem Gebiet in enger Verbindung mit dem Jüdischen Frauenbund arbeitet, eine Auswanderung nur bei denjenigen Mädchen in die Wege geleitet, die ein Mindestmaß an hauswirtschaftlichem Können nachweisen und bereit sind, zunächst in eine Haushaltsstelle tu gehen. Deshalb ist die erste Forderung, die an die Berufsausbildung der Mädchen zu stellen ist: Erlernung der Hauswirtschaft. Hierbei liegt der Nachdruck auf der Forderung des Erle r n e n s! Eine solche Lehre kann der elterliche Haushalt oder ein anderer Privathaushalt sein, wenn — genau wie beim Handwerk — eine verantwortliche, sachgemäße Anleitung gewährleistet ist, die zur Selbständigkeit führt. D i e Haustochter, die immer nur „helfen" soll, die keine geregelte Arbeits- und Freizeit hat, kann ihre Anlernung nicht als wirkliche Ausbildung betrachten. Ja, auch eine gewisse und geregelte geldliche Entschädigung für die im elterlichen Haushalt arbeitende Tochter sollte unbedingt zur Regel werden. Unerläßlich ist, daß auch beim Haushaltlehrling — sei es die eigene oder fremde Haustochter — die allgemeine und jüdische Fortbildung wichtig genommen wird, daß sie Sprachen lernen, Sport treiben und Anschluß an Altersgenossen finden kann. Mädchen, die im Haushalt auf- — richtiger: „unter"- — gehen, werden weltfremd Und verlieren den Elan. Sie sind entweder zu behütet oder zu angespannt, und beides macht sie untauglich für das Leben. Die für die Jugend dieser Altersstufe gemäße Lebensform wird durch Kollektivausbildungsstätten, die es auch zur Erlernung der Hauswirtschaft gibt, leichter gewährleistet. Man erfährt dort auch leichter jene Bindung an die Gemeinschaft, die bei der Wahl des Berufes neben, ja über den individuellen Wünschen entscheidend sein sollte. In den jüdischen Haushaltungaschulen (in Berlin, Breslau, Frankfurt a. Main, Mamburg, Leipzig, Wolfratshausen) wird neben praktischer Anleitung auf allen Oebieten der Hauswirtschaft auch theoretischer Fachunterricht erteilt. Dort gibt es Sprachkurse, Fortbildung in jüdischen Fächern und vor allem kommt in den mit einem Internat verbundenen Schulen (die Berliner Haushaltungsschule hat kein Internat) das frohe Gemeinschaftsleben zu seinem Recht. Daneben bilden eine Reihe von Kinderheimen Hauswirtschaftsschülerinnen aus, und für die zionistische weibliche Jugend kommen auch die Ausbildungsstätten der Mittleren-Hacnscharah in Frage. Während die Haushaltungsschulen und Heime lediglich der Mädchenausbildung zur Verfügung stehen, nehmen die Kibbuzim und Bathe chaluz der Mittleren-Hachscharah, aber auch Ausbildungsstätten wie Ahlem, Neuendorf und das jüdische Auswandererlehrgut Groß-Breeser», Mädchen und Jungen auf. Die hauswirtschaftliche Ausbildung dauert in der Regel ein