Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 12 (12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Das gute jüdische Buch Jüdisches Buch und jüdisches Publikum Von Dr. Werner Cahnmann (München). Im Frühjahr 1933 schien es, als ob sich unter äußerem Druck eine Art von innerer Wiedergeburt der Judenheit in Deutschland anbahnen wollte. Das „Ja-Sagen zum Judentum" war ein gewaltiger Stimmungsmotor geworden. Man griff zum jüdischen Buch, man lernte hebräisch. Bald aber zeigte sich, daß eine generationenlange Entfremdung nicht in einem einzigen spontanen Akt der Vereinigung überbrückt werden konnte. Den meisten von uns war Judentum bis dahin eine Angelegenheit des Religionsunterrichts und bestenfallsder hohen Feiertage gewesen. Schon das bloß« Lesen der hebräischen Buchstaben fiel uns herzlich sauer, kaum der eine oder andere wußte den gelesenen Gebetstext auch zu übersetzen. Selbst das deutsch geschriebene jüdische Buch schuf sich nur langsam eine Gemeinde. Es ist das heute schon historisch gewordene Verdienst von Martin Buber, Generationen von Juden des deutschen Sprachbereichs wieder den Zugang zu einer jüdischen Welt eröffnet zu haben. Es war ein langsamer Prozeß, der längst von der Reife abgebrochen worden ist. Heute ist die Not des äußeren Lebens für viele so groß geworden, daß sie die Kraft geistiger Bemühung bei den einen schon erstickt hat, bei den anderen mit Erstickung bedroht. Das jüdische Buch in deutscher und hebräischer Sprache hat keinen Markt: Alte Verlage, nicht zu reden von zahlreichen Buchhandlungen, stehen vor dem reinen Nichts, wenn das jüdische Publikum dem jüdischen Buch nicht zu Hilfe kommt. „Das Buch ist des Lesers Werk wie das Theater das des Zuhörers". Dieser Satz schließt für jeden, der Leser sein könnte und es nicht ist, -sine Verantwortung ein, die nicht groß genug vorgestellt werden kann. Damit soll den Gebildeten unter den bisherigen Verächtern jüdischer Geistigkeit nicht zugemutet werden, Dostojewski, Balzac, Bernard Shaw und Gottfried Keller untT die Horizontlinie sinken zu lassen. Die Kultur der Umwelt fließt uns durch das Medium der gesprochenen und gedruckten, nicht zuletzt der auf der Leinwand der Kinos erscheinenden europäischen Sprachen mühelos zu. Wollen wir uns als Juden behaupten in dieser Umwelt — sie sei deutsch, englisch, spanisch oder wie immer —, wollen wir uns selbst und unsere Kinder vor dem Versinken in die Sorgenwelt des Alltags bewahren, so genügt die leichte Hingabe nicht. Das Jüdische will wie in alten Zeiten, wenn auch in neuer Form, „gelernt'' sein. Das Jüdische muß man lieben, wenn man durch alle Verkrustungen seines historischen Daseins zu seinen ihftsrsten Kern vordringen will. Dem ersten jüdischen Buch müssen viele jüdische Bücher folgen, den deutsch geschriebenen die hebräischsprachigen. Die Belohnung wird nicht gering sein: Wenn der Schlüssel zum innersten Gemach ins Schloß fährt und die eingerostete Tür aufspringt, empfängt den müden Wanderer der Woche die Prinzessin Sabbath, und wir sind Könige im Reich des Gedankens. Um die Aufmerksamkeit unserer Leser auf interessante jüdische Bücher hinzulenken, beginnen wir heute mit einigen kurzen Buchbesprechungen, deren Zweck lediglich darin besteht, zum Lesen anzuregen. Zwischen Neuerscheinungen und alten, aber noch heute lesenswerten Werken wird daher kein Unterschied gemacht. Jenny Radt, Die Juden'in New York. Jüdische Lesehefte. Schocken-Verlag, Berlin 1937. Der Blick vieler Auswanderungswilliger, die eine neue Heimat suchen, ist gegenwärtig nach den Vereinigten Staaten gerichtet. Denn dort finden sie bereits ein blühendes, weitverzweigtes jüdisches Leben vor, in das sie sich einordnen können. Jenny Radt schildert in dem kleinen, aber sehr lesenswerten Heft „Die Juden in New York" das Werden dieses neuartigen für uns nicht immer leicht verständlichen jüdischen Lebens während der letzten 300 Jahre. Sie schildert, wie die Nationenstadt New York das große Auffangbecken geworden ist, nicht nur für die Juden, sondern auch, für alle Fremden, die über den Atlantik in die Vereinigten Staaten gelangt sind. In knappen, aber stets aufschlußreichen Ausführungen wird uns die Wirtschaft New Yorks und werden uns im Anschluß hieran die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der New Yorker Juden vor Augen geführt. Schließlich streift die Verfasserin noch die Frage, ob für die einwandernden Juden drüben die Gefahr einer feindlichen Haltung der Umwelt besteht, und welche Lösungen das jüdische Kulturproblem «uf diesem besonderen Boden finden kann. Die Darstellung hält sich stets sorgsam von allgemeinen Redensarten und Oberflächlichkeiten fern. Mit größter Kürze wird das Wesentliche und Charakteristische über die angeschnittenen Fragen gesagt. Das Heft gibt daher auf seinen 42 Seiten weit mehr, als es zunächst den Anschein hat. Gut ausgewählte Literaturangaben ermöglichen ein tieferes Eindringen in die Probleme. Wegen seines interessanten Inhalts und seines billigen Preises (33 Pfg.) sollte das Heft recht viele Leser finden. Berthold Auerbach Spinoza. Ein Denkerleben. Stuttgart- Berlin, 7^.Buchhandlung. Vor hundert Jahren lenkte die in Romanform veröffentlichte Biographie Spinozas von Berthold Auerbach die Aufmerksamkeit des Judentums und der gesamten Oelehrtenwelt auf den jungen Dichter, der diesem- Werk später noch eine Uebersetzung aller philosophischen Traktate des Amsterdamer Weltweisen folgen ließ. Es ist bekannt, daß der junge Spinoza, gleich manchen jüdischen Gelehrten der Vorzeit, seinen Lebensunterhalt als Optiker, als Schleifer feinster Glaslinsen, gefunden hat, der es ihm ermöglichte, in seinen Mußestunden sein großes philosophisches Lebenswerk zu vollenden. Aber weniger bekannt dürfte folgende Stelle in Auerbachs „Spinoza" sein, die in poetischem Gewand ein «herrliches Lob des Handwerks enthält: „Nur wer die Gebilde des Lebens neu formt und bindet, nur der hat das wirkliche Leben empfangen. Welch tausenfältiger Segen liegt in der Arbeit wie in ihrer Hervorbringung! Und eine Hand faßt die andere und ein Denken strömt in das andere aus dem geschaffenen Gebilde. Die ganze Menschentätigkeit ist eine unermeßliche brüderschafthche Werkstätte." In denp-Btiefwechsel, den der Dichter mit seinem Freund «nd—V»tfrj?r jirnh Ainrhacfy dem verdienstvollen Religionslehrer am Frankfurter Philanthropin, zeit seines Leeens untere hielt, finden wir nächst mehrfachen Andeutungen über jüdische Geschichten, die des alternden Dichters Phantasie lebhaft beschäftigten, wie „Ben Zion oder Schliach Mizwa" auch die interessante Mitteilung, daß er eine Schrift über allerlei Hantierungen und ihren Einfluß auf den Charakter der Menschen herauszugeben gedenke. Andere Stoffe haben die Veröffentlichung dieser Arbeiten in den Hintergrund gedrängt. Doch ist uns in der Meisternovelle „Edelweiß" eine treffende Schilderung des Schwarzwälder Uhrmacherhandwerks und seiner durch genossenschaftlichen Zusammenschluß errungenen Erfolge erhalten. M. Samuel-Ruest. Karl Emil Franzos »Der Pojaz". Eine Geschichte aus dem Osten. Berlin, Brandus'sche Verlagsbuchhandlung. Zu den klassischen jüdischen Büchern, die für jeden Leser geistigen Gewinn und hohen künstlerischen Genuß bedeuten, zählt in erster Linie Karl Emil Franzos' Roman „Der Pojaz". Der Dichter hat dieses, sein wichtigstes und schönstes Buch nicht bei Lebzeiten veröffentlicht, sondern es wurde als sein Testament — und Denkmal — aus dem Nachlasse herausgegeben. Es schildert das podolische Ghetto (Mitte des 19. Jahrhunderts) und das erschütternde Schicksal eines armen jüdischen Jungen, in dem ein großer Kunstler steckt, und den deshalb die Sehnsucht nach einer höheren, geistigen Welt aus der Enge des Ghettos treibt. Aber die Anstrengung seines Lebenskampfes, die damit verbundenen körperlichen und seelischen Qualen untergraben seine Oesundheit, sodaß er sein Ziel nur noch als Sterbender — im letzten Erfüllungstraum — erreicht. Dieser Held der Erzählung ist in seinem unermüdlichen Streben nach Vollendung auch in gewissem Sinne eine symbolische Gestalt für das nach, allem Hohen ringende Judentum. Ebenso ist das ganze, außerordentlich fesselnde und lebendige Buch mit seinen vielen jüdischen Episoden, kleinen eingestreuten jüdischen Humoresken, buntbewegten Ghettogestalten — jede auf das schärfste erfaßt und in kulturhistorischer Betrachtung wiedergegeben — ein wundersames Gesamtgemälde des galizischen Judentums, Wie es heute nicht mehr existiert. In diesem unvergänglichen Meisterwerk hat der Dichter alle seine Jugenderinnerungen und -erfahrungen zusammengefaßt Alle charakteristischen Gestalten, Gebräuche und Vorurteile des damaligen Ohettos kehren wieder, nur ballt der Dichter nicht, wie in manchen seiner früheren Erzählungen, zornig die Faust, sondern sieht mit dem wehmütig lächelnden Humor, den ihm die Milde des Alters eingibt, in die geistige Enge seiner Heimat und grüßt mit Freude die kleinen Hoffnungen, die in weiter Ferne aufleuchten. Niemand wird sich dem außerordentlichen Reiz dieses einzigartigen Romans entziehen können. D. Es ist beabsichtigt, am Jahresende ein gedrucktes Inhaltsverzeichnis des Jahrgangs 1937 des „Jüdischen Handwerkers" unsern Lesern zur Verfügung zu stellen. Dieses Verzeichnis wird das Auffinden bestimmter Artikel wesentlich erleichtern. Der gesammelte Jahrgang wird dann ein nützliches Nachschlagewerk für den praktischen Gebrauch unserer Leser darstellen. 10 \