Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 11 (11.1937)
- Date
- 1937-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der gegenwärtige starke Andrang der in Deutschland lebenden Juden zum Handwerk steht zweifellos in engstem Zusammenhange mit der für den überwiegenden Teil dieser Juden zwangsläufigen Notwendigkeit, auszuwandern und sich draußen neue Existenzgrundlagen zu schaffen. An dieser Stelle ist an Hand praktischer Beispiele häufig dargelegt worden, daß eine gute handwerkliche Ausbildung für die auf die Auswanderung sich vorbereitende jüdische Jugend — soweit sie nicht bereit und befähigt ist, sich auf den landwirtschaftlichen Beruf umzustellen — heute die weitaus wichtigste, ja oft nahezu die einzige Möglichkeit darstellt, sich die erforderliche Auswanderungsfähigkeit zu erwerben. Der in den handwerklichen Berufen der Metall- und Holzbearbeitung sachgemäß ausgebildete junge Jude findet trotz aller Auswanderungsbeschränkungen beinahe überall in der Welt offene Türen und ausreichende Existenzmöglichkeiten. Denn fast überall, und ganz besonders in den überseeischen Ländern erzeugt die schnell fortschreitende Industrialisierung einen wachsenden Bedarf an leistungsfähigen, die Produktion fördernden Fachhandwerkern und Facharbeitern. Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, bedeutet die auf Anregung des Zentralverbandes jüdischer Handwerker im Februar d. J. erfolgte Errichtung der Lehrwerkstatt für Kunst- und Bauschlosserei durch die Jüdische Oemeinde zu Berlin und die Reichsvertretung der Juden in Deutschland eine wertvolle Ausgestaltung der konstruktiven jüdischen Sozialarbcit. Wenn die Gründung dieser Lehrwerkstatt auch zunächst aus dem aktuellen und dringenden Bedürfnis heraus entsprang, dem Mangel an Einzellehrstellen abzuhelfen, der angesichts der plötzlich notwendig gewordenen Berufsumstellung einer so großen Zahl jüdischer Jugendlicher eintreten mußte, so kann heute schon festgestellt werden, daß die Schaffung jüdischer Lehrwerkstätten für handwerkliche und landwirtschaftliche Berufe eine der wichtigsten und vordringlichen Aufgaben der jüdischen Gemeinden und zentralen Organisationen geworden ist. Sicherlich wird man die mannigfachen Vorzüge einer jüdischen Einzellehre im Handwerk anerkennen und würdigen müssen. Aber ihnen steht die Tatsache gegenüber, daß gute und geeignete handwerkliche Lehrstellen nicht in genügender Zahl zur Verfügung stehen, auch zweifellos in absehbarer Zeit nicht werden bereitgestellt werden können. Dem Grundgedanken jeder handwerklichen Arbeit gemäß steht die berufserzieherische Tätigkeit der Lehrwerkstatt der jüdischen Oemeinde unter dem Leitsatz, daß es weniger auf die Quantität als auf die Qualität der .Leistung ankommt. Zur Zeit werden 39 Jugendliche in der Kunst - und Bauschlossere! ausgebildet, und zwar IQ Berliner und 20 Auswärtige. Die auswärtigen Lehrlinge sind fast ausnahmslos in einem von der Reichsvertretung betreuten und beaufsichtigten privaten Wohnheim untergebracht. Die Auslese der Befähigten Selbstverständlich muß jeder, der in die Lehrwerkstatt aufgenommen werden will, zunächst geprüft werden, um festzustellen, ob er sich für den erwählten Beruf eignet, und ob er außer dem guten Willen auch die erforderlichen Eigenschaften und Fähigkeiten mitbringt. Ein Teil der zur Zeit in der Ausbildung befindlichen Berliner Lehrlinge hat bereits die Vorlehre-Kurse der jüdischen Oemeinde besucht und hier die Eignung für einen der Berufe der Metallbearbeitung erwiesen. Gewiß soll in. der Vorlehre noch keine endgültige Entscheidung über die Berufswahl getroffen werden. Aber die hier vorgenommenen Prüfungen und Beobachtungen sind für die endgültige , Feststellung der Berufseignung außer-1 ordentlich wertvoll. Die anderen Berliner Lehrlinge haben sich vor der Aufnahme einer Eignungsprüfung bei der Berufsfürsorgestelle der jüdischen Oemeinde unterziehen müssen. Sie sind hierbei aus einer großen Anzahl von Bewerbern ausgelesen und auf Grund der Prüfungsergebnisse zur Ausbildung in der Lehrwerkstatt zugelassen worden. Die während der Ausbildungszeit bereits gemachten praktischen Erfahrungen haben gezeigt, daß die auf Grund der Eignung»- BERLIN-SCHONEBERG, HRUPTSTR.1 Prüfungen vorgenommenen Bewertungen der Anlagen und Fähigkeiten der Zugelassenen im allgemeinen zutreffend waren. Denn die Leistungen der Lehrlinge in der Werkstattarbeit stimmen im wesentlichen' mit denen bei der Eignungsprüfung überein. Die Eignung eines Teils der auswärtigen Bewerber wurde durch die Vorlehre Niederschönhausen ermittelt. Der Wert der vorgenommenen Eignungsprüfungen wird schon durch die Tatsache bestätigt, daß von den im Februar d. I. aufgenommenen Lehrlingen fast alle in der Werkstatt geblieben sind und ihre Lehre durchführen. Nur drei, die aber ebenfalls die nötige Berufseignung besaßen, sind aus Gesundheitsrücksichten ausgeschieden, und ein Lehrling besucht jetzt ein Technikum im Auslande.