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Der jüdische Handwerker · 1937-09-01 · 9 (9.1937) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
29 (1937)
Issue
9 (9.1937)
Date
1937-09-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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die positiv wirken, aber auch solche, die in ihren Ansätzen sich noch immer in den Bahnen einer überlebten Ideologie bewegen. Der jüdische Handwerker- und Mittelstand in seinem praktischen Denken hat immer wieder darauf hingewiesen, daß wir eine ins Gigantische steigende Uebersetzung an akademisch-theoretischen Erörterungen über jüdisch-wirtschaftliche Fragen feststellen können, die oftmals mangels ausreichender Sachkenntnis ins Unfruchtbare verlaufen. Die Folgen sind enttäuschte Hoffnungen und, was noch schlimmer ist, Hineintragen von Verwirrung und Unruhe in weiteste Kreise, von denen die zuständigen Beratungsstellen ein kein sehr angenehmes Lied singen können. Es muß leider festgestellt werden, daß die Mobilmachung und Heranziehung der berufenen Kreise zur Mitarbeit sich oftmals auf das notwendigste Maß beschränken, und es scheint so, als ob die Erfahrungen der letzten Jahre in der überkommenen Denkweise bestimmter Kreise keinerlei Wandlungen herbeigeführt haben. Der Handwerker- und Mittelstand hat gleichfalls seine Sorgen. Aber seine jahrzehntelange organisierte Arbeit war stets getragen von der Verantwortung für die Allgemeinheit, von der Verpflichtung zum Klal-Oedanken. Er war der Boden, äuTdenV~ die Einrichtungen der Kredit- und Dahrlehnskassen zur Stützung und Sicherung von Existenzen in ihren ersten Keimen gepflanzt wurden. Er war der ernste Mahner an das Gewissen der Juden in Deutschland, der erste Forderer der Umstellung in der Denkart weitester Kreise. Heute ist der Blick auf uns gerichtet. Aeltere und Jugendliche seufzen unter der Berufsnot. Die Zukunft, besonders unserer Jugend, wird zum gewaltigen Problem. Wir öffnen dieser Jugend, soweit im gesetzlichen Rahmen die Möglichkeit gegeben ist, weit unsere Werkstätten. Wir stellen unsere ideellen, materiellen und fachlichen Kräfte zur Errichtung und Erhaltung von Ausbildungsstätten zur Verfügung. Was fruchtbar gestaltet werden soll, erfordert aber nicht nur Arbeit, sondern Hingabe und Einsatz. Je sorgenbefreiter der Mensch, desto konzentrierter ist er in seiner verpflichtenden Arbeit Das ist eine Binsenwahrheit, die auch auf den Handwerker- und Mittelstand zutrifft. Auch er ist belastet mit den Problemen dieser Zeit und ringt schwer um seine Existenz. Es liegt in der Macht eines jeden Einzelnen, ohne Opfer die Last des Anderen zu erleichtern, indem er ihn in seinem Erwerb unterstützt und ihm damit die Möglichkeit gibt, in weitestem Umfange Brot und Arbeit anderen jüdischen Menschen zu geben. Bekennen ist nicht nur bloßer Lippendienst, sondern heißt auch verpflichtend: Wollen. Möge uns der Jörn Kippur mit seinem Ernst und seiner Mahnung zu diesem Wollen verpflichten. Die jüdische Heimstätte Dm. verflossene Jahr hat für uns Juden eine Reihe schicksalsschwerer Ereignisse gebracht. Das schwerste und niederdrückendste unter ihnen war die Entscheidung über die künftige Gestaltung Palistinas, die durch den amtlichen Bericht der Peel-Kommission herbeigeführt worden ist Werfen wir einen Rückblick auf die Entwicklung, die zu diesem Bericht und seinen Vorschlägen geführt hat, so stellt sich diese, kurz zusammengefaßt, folgendermaßen dar: Am 12 Oktober 1936, also vor nunmehr 11 Monaten, wurde nach sechsmonatiger Dauer der Generalstreik beendet, durch den die Araber die Durchführung der Balfour-Deklaration. zu verhindern versuchten. Das Ergebnis war, daB zwar Streik und Terror eingestellt wurden, daB aber nunmehr die von der englischen Regierung eingesetzte „Königliche Untersuchungskommission" uire Tätigkeit begann. Ihr war die Aufgabe gestellt, das Palästina-Problem zu klären und •der englischen Regierung eine Grundlage für schwerwiegende und langfristige Maßnahmen zu geben. Am 18. Januar 1937 waren die Beratungen der Kommission zum Abschluß gebracht, nachdem 30 öffentliche und 11 nichtöffentliche Sitzungen stattgefunden hatten. Der veröffentlichte Kommissionsbericht gipfelt in der Feststellung, daB die von England einerseits den Juden andererseits den Arabern gegenüber übernommenen Verpflichtungen miteinander unvereinbar seien. Deshalb wird vorgeschlagen, das englische Mandat über Palästina zu beenden und das Land in je einen selbständigen jüdischen und arabischen Staat aufzuteilen. Jerusalem und Bethlehem sollen weiter unter englischer Verwaltung bleiben. Der arabische Staat soll durch einen Korridor nach Jaffa, der mitten durch den jüdischen Staat führt, Verbindung mit dem Mittelmeer erhalten. Zu diesen Vorschlägen der Kgl. Kommission haben sowohl -der 20. Zion is te n k ongr ess ab auch die 5. Council-Tagung der Jewish A g e n c y in Zürich Stellung genommen. Das Ergebnis der schwierigen und verantwortungsvollen'Beratungen war die Annahme einer Resolution mit einer Zweidrittelmehrheit des Zionistenkongresses, in der die Exekutive ermächtigt wird, nach festgelegten Richtlinien Verhandlungen mit der englischen Regierung Ober die Verwirklichung der Vorschläge der Kgl. Kommission zu führen. Dieser Resolution hat auch die Jewish Agency zugestimmt. Es ist nicht unsere Aufgabe, über die gewiß sehr interessanten und auf dem hohen Niveau grundsätzlicher Anschauungen geführten Verhandlungen der beiden Tagungen hier zu berichten. Bedeutungsvoll für alle Leser unserer Zeitschrift, welcher jüdisch-politischen Richtung sie auch angehören mögen, ist die Beantwortung der Frage: Was wird aus der jüdischen Heimstitte Palästina und welche Aussichten bestehen künftig für die bedrängten Juden In Europa, auf palästinensischem Boden eine neue Heimat und Existenzmöglichkeit su linden? Hierzu ist in Zürich eine Reihe wichtiger Tatsachen mitgeteilt worden, die für das künftige Schicksal der zur Auswanderung genötigten Juden Europas von entscheidender Bedeutung sind. Zunächst zu der Frage: Was ist zu erwarten, wenn der Vorschlag der Teilung Palästinas nicht angenommen wird? Für diesen Fall hat die Kgl. Kommission selbst bereits angekündigt, daß dann in den nächsten 5 Jahren nur h öcn - stens 1 2 000 Einwanderer jährlich nach Palästina zugelassen, und daß außerdem Maßnahmen gegen weiteren Bodenerwerb ergriffen werden sollen. Für die Zeit von August 1937 bis März 1938 ist demgemäß bereits die Zahl der jüdischen Einwanderer auf 8000 Deschränkt Worden. Man wird auch kaum hoffen dürfen, daß in diesem Falle nach Ablauf der 5 Jahre die jüdische Einwanderung wesentlich erhöht werden wird, da bis dahin zweifellos andere, unübersehbare Entscheidungen über das fernere Schicksal Palästinas erfolgen werden. Wie sind aber andererseits die Aussichten der jüdischen Einwanderung nach Palästina in dem Falle, daß der Teilungsplan verwirklicht wird, zu beurteilen? Der Jüdische Staat, der nach dem Teilungsplan der Kgl. Kommission geschaffen werden soll, wird etwa 5 bis 6000qkm Flacheninhalt haben. Er wird also noch nicht einmal so groß sein wie etwa das Land Oldenburg, das 6424 qkm Flächeninhalt und rund 600 000 Einwohner hat. In dem palästinensischen Gebiet, das zum jüdischen Staat gehören soll, leben aber nach den Berechnungen Dr. Ruppins bereits 394 000 Juden und etwa 300000 Araber. Hieraus geht klar hervor, daß für ehe jüdische Masseneinwanderung in diesem Judenstaate nicht mehr sehr viel Raum bleibt. Nun wurde allerdings in Zürich die Aufnahmefähigkeit des neuen jüdischen Staats recht hoch eingeschätzt Von einer Seite wurde sie auf 1 Million, von anderer sogar auf 3 Millionen beziffert, während Dr. Weizmann von _der Möglichkeit einer Einwanderung von 2 Millionen Juden innerhalb von 20 Jahren sprach, aber freilich auch erwähnte, daß Pessimisten der Meinung wären, der jüdische Staat werde nur noch etwa 600 000 Juden aufnehmen können. Klar ist, daß. wennman die auf Berufsumschichtung und Umstellung auf landwirtschaftliche Tätigkeit gerichteten Bestrebungen in dem jüdischen Palästina verwirklichen will, eine allzu große Bevölkerungsdichte nicht möglich sein wird. Dr. Magnes, der Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem, betonte in seiner Rede sogar, der jüdische Staat würde als erste Maßnahme Einwanderungsvorschriften erlassen müssen. Ussischkin sprach ironisch von .intensiver Wirtschaft auf Dächern und Baikonen" und legte dar, daB dir vorgeschlagene jüdische Staat keine ausreichende wirtschaftliche Basis haben werde. Wie hoch man aber auch schließlich die Aufnahmefähigkeit eines künftigen jüdischen Staates in Palästina beurteilen mag, darüber stimmen Anhinger und Gegner dieses Staates heute überein, daB er keine Lotung des jüdischen (Wanderungsproblems bedeuten würde. Mag man mit Weizmann der Ansicht sein, daß die Qründung dieses kleinen jüdischen Staates der Arbeit für die Verwirklichung des Gedankens der jüdischen Heimstätte neue Möglichkeiten

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