Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 8 (8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lehranstalt befindet sich noch im Aufbau. Die Spezialabteilungen für Elektrotechnik, Oas-, Wasser« sanitäre Anlagen und Spezialmechanik werden erst mit dem Z Lehrjahr «eröffnet werden. Die Schlosserei, die Schmiede, der Maschinenraum und die Schweißerei, die im ersten Lehrjahr den Schülern aller Abteilungen die Qrundlage ihrer späteren Spezialausbildung geben, sind bereits in Betrieb. Ueber 100 Jugendliche bereiten sich in dieser Lehranstalt für die Auswanderung vor, mit der ernstesten Ueberlegung, daß nur produktiv arbeitende, beruflich gut ausgebildete Menseben, Ober den Durchschnitt hinaus qualifizierte Handwerker Aussicht für eine erfolgreiche Existenzgründung in den Einwanderungsländern haben. Sie feilen und schlichten ihren neuen, noch unebenen Lebensweg. Sie schmieden ihre glückliche Zukunft Denjenigen Juden in Deutschland, denen der Name ORT und das Wirken dieser Organisation noch nicht so recht zum Bewußtsein gekommen ist, soll hier gesagt werden: „ORT" Ist ehe Abkürzung der russischen Worte „Obschtschestwo Rasprostranenija Truda" — Oesellschaft zur Förderung manueller Arbeit. „ORT" heißt in französisch: „Organisation, Reconstruction, Travail", ähnlich auch in englisch. ORT ist eine Oesellschaft zur Förderung von Handwerk, Industrie und Landwirtschaft unter den Juden. Seit 57 Jahren ist die Devise des „ORT": vom Handel zur manuellen Arbeit, vom Luftmenschen zum produktiven Arbeitsmenschen. Ueber ein halbes Jahrhundert predigt und fördert der „ORT" die handwerkliche und landwirtschaftliche Berufsausbildung jüdischer Jugendlicher und die Berufsumschichtung Erwachsener. Ueber 100 Handwerkschulen, Fachanstatten, Lehrwerkstätten, Fachkurse sind im Laufe von Jahrzehnten vom „ORT" ins Leben gerufen. / Wenn es so ist/ warum kommt die Gründung der Berliner ORT-Fachschule so spät? Auch darüber sollen die „Unwissenden" aufgeklärt werden. „ORT" ist eine Organisation, die es sich zur Aufgabe machte, der Wirtschaftsstruktur der jüdischen Bevölkerung eine gesunde Basis zu geben. „ORT" hat sich daher nie und nirgends mit allgemeiner Politik, auch nicht einmal mit jüdischer Politik beschäftigt, ist aber gerade aus diesem Orunde oft ein Opfer innerer jüdischer ParteipoHtik geworden. In Zeiten größerer Erschütterungen und stärkerer Auseinandersetzungen untereinander, haben die großen jüdischen .Organisationen Und Parteien oft die systematische, wirtschaftliche Aufbauarbeit der „ORT" einerseits .nicht als wichtig genug erkannt, andererseits meistens aus Prestigegründen die Durchführung seiner Arbeit für sich beansprucht und in ihr Programm aufgenommen. In solchen Zeiten hat der „ORT" seine Aufgaben unbeirrt in seinem Rahmen erfüllt In der Erkenntnis, daß Spezialprobleme, wie Berufsausbildung und Berufsumschichtung von hierzu berufenen und erfahrenen Spezialorganisationen besser lab von ad hoc geschaffenen Gremien gelöst werden, hat der „ORT", seinen Methoden getreu, in aller Stille und gründlich die interessierenden Probleme studiert, Pläne ausgearbeitet und ist zur gegebenen Zeit zur praktischen Durchführung dieser Arbeit geschritten. Schon allein die Wahl der bei der „ORT"-FachschuJe in Berlin zu eröffnenden Lehrgänge legt ein Zeugnis davon ab, mit welcher Sachlichkeit die Probleme angefaßt werden müssen. Berufsausbildung läßt sich nicht nach Schema F durchführen. Die verschiedenen Lebensbedingungen der Juden in den betreffenden Ländern bedingen die verschiedene Zweckbestimmung der Fachanstalten und die Art der Berufsausbildung. So hat sich die Oesellschaft „ORT", Abt. Deutschland bei Gründung ihrer Fachschule in Berlin von dem Oedanken leiten lassen, daß der Zweck der Lehranstalt die Vorbereitung der ihr anvertrauten Schüler zur Auswanderung und daß die Wahl der Ausbildungsfächer nach dem bestehenden Bedarf und den gegebenen Existenzmöglichkeiten in den Emwänderungsländern getroffen werden muß. Die Oesellschaft „ORT" Abt Deutschland wird mit Hilfe der Zentralverwaltung der ORT-UNION, Paris, und der ihr angeschlossenen Landesorganisationen in England, Amerika, Afrika und anderen Ländern, aber auch durch Hand-in-Handarbeiten mit der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der Jüdischen Oemeinde Berlin und den anderen jüdischen Körperschaften alles tun. das seit Jahrzehnten innerhalb der betroffenen hilfsbedürftigen jüdischen Bevölkerungsschichten erworbene Vertrauen zu rechtfertigen, und die Hoffnungen der Schüler und Hunderter von Jugendlichen, die noch auf spätere Aufnahme warten, zu erfüllen. Die „ORT"-Organisation unterscheidet sich von den anderen großen jüdischen Hilfsorganisationen, die ähnliche Probleme in ihr Programm aufgenommen haben, dadurch, daß sie keine philantropbche Oesellschaft ist. Die vom „ORT'' Seschaffenen Institutionen müssen nach dem ORT-Prinzip von er interessierten jüdischen Bevölkerung unterstützt und als ihre eigenen Institutionen angesehen werden. Die Juden Polens, Litauens, Rumäniens u. s. w. sprechen von den ORT- Schulen als von ihren Schulen. Die Gesellschaft „ORT", Abt. Deutschland hat den Wunsch, daß auch die von ihr neu errichtete Fachschule in Berlin ab Gemeingut der Juden in Deutschland angeschen, und daß ihr von allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung das größte Interesse durch tatkräftige Förderung entgegengebracht wird. Die Zukunft unterer Jugend macht uns dies zur Pflicht! 1