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Der jüdische Handwerker · 1935-02-01 · 2 (2.1935) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
27 (1935)
Issue
2 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das ist eine Folge der Gleichschaltungen innerhalb der kapitalistischen GroBunternehinungen und der ständigen Abwanderung besitzloser Arbeitnehmer, die als Arbeiter in fremden Ländern oder als Chaluzim in Palästina ein neues Leben aufzubauen bestrebt sind. Aber abgesehen von diesen Erscheinungen der jüdischen Erlebniswelt liegt ein Erstarken des gesamten Mittelstands in Deutschland im Zuge der politischen Neuorientierung. Dabei kommt es natürlich darauf an, da« der jüdische Mittelstand von der Wirtschaft her von der allgemeinen Schwingung m i t e r f a ß t wird. FUr die Angehörigen des jüdischen Mittelstandes ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: ■ Führend and handelnd zu wirken innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, sich vor allem die berechtigten Ansprüche za erringen and zn sichern und darüber hinaus den jüdischen Sektor des Mittelstandes zu konsolidieren und zu kräftigen, daß er im Rahmen der Gesamtheit die Wunden, die ihm in mehr als zwanzig Jahren geschlagen wurden, wieder auszuheilen vermag. Bevor dieses letzte Ziel wirksam erreicht werden kann, wird innerhalb unserer Gemeinschaft noch ein großes Stück mühevoller Arbeit geleistet werden müssen. Jahretang hat man auf dem Rücken der breiten Schichten des Mittelstandes soziale und wirtschaftliche Kämpfe auszufechten versucht. Das war jedoch nur möglich, weil es dem Mittelstand selbst-an einer festgefügten und straff geleiteten Organisation fehlte. Der Grund hierfür lag wiederum im Mangel an Solidaritätsfefühl und Gemeinschaftsgeist. Aber nicht das materielle nteresse, sondern die t r a g e u d e I d e e ist das einigende Band einer Vielheit gleichgesinnter, fleichfühlender und fieichdenkender Menschen, und sie ist die Voraussetzung Ur das endgültige Gelingen oder den schnellen Untergang einer Bewegung. Das zeigt sich in besonderem Malle in schweren Zeiten, wenn Wie Not einen Jeden erfaßt und ihn.in der tiefsten Seele packt. Dafür sollte eigentlich die Jahrtausende alte Tradition unserer Gemeinschaft ein lebendiger Beweis sein. Daß der jüdische Mittelstand seither die ihm zukommende Stellung innerhalb unserer Gemeinschaft nicht einnehmen konnte, ist allein seine eigene Schuld. Ist es nicht tragisch, daß die Geschehnisse des Jahres 1933 gerade den jüdischen Mittelstand, den ziffernmäßig bedeutsamsten Teil der deutschen Judenneit, ohne jede eigene Führung sah —, in der nicht Männer aus derselben sozialen Schicht, uns derselben Vorstellungswelt, mit derselben Meiiiungs- und Willensbildung maßgeblich, ja autoritativ wirken konnten? Ist es nicht geradezu eigenartig, daß unter dem tiefen Eindruck des Umbruchs erst Wenige, dann immer mehr, die sich unlöslich im deutschen Boden verwurzelt fühlten, in Anlehnung an die altbewährte und in /nhlreichen Kämpfen erprobte Organisation, einer TeilgVuppe des Mittelstandes, den jüdischen Handwerkerstand, den Reichs verband des Jüdischen Mittelstandes, ins Leben riefen? Er wurde unter kaum zu schildernden Schwierigkeiten und Hemmnissen aufgebaut, immer auf ein klares Ziel und den positiven Erfolg ausgerichtet. Wer die Arbeit dieser eineinhalb Jahre kennt, wer die mit soviel Einsatzfreudigkeit und Begeisterungsfähigkeit unbeirrbar durchgeführte Tätigkeit verfolgte, der weiß, welches Maß an Opfe.rsinn und Idealismus aufgebracht werden muß, um ein Werk zu schaffen, das nicht immer und nicht sogleich greifbare Erfolge zeitigt, das aber nach seiner ganzen Anlag«1 für unsere ganze Zukunft einen bestimmenden Einfluß haben kann, wenn die. die an ihm teilhaben, ihm die Treue halten. Solch eine Haltung gehört zu jeder Gemeinschaftsarbeit. Man sollte meinen, daß diese Gedanken inzwischen Allgemeingut aller jüdischen Menschen geworden seien, vor allem nachdem ihnen das Erlebnis ihres Judeseins die verpflichtende Bindung an ihre jüdische Gemeinschaft wieder ins Bewußtsein gebracht hat. Wenn jedoch häufig die Fra ige gestellt Oreanisatio wird: Welche \ orteile habe ich von dieser Organisation für meinen Monatsheitrag von IUI 1.—? so zeigt dies eine geradezu gefährliche \erkennung der Situation, in der wir uns befinden. Jedem so Fragenden muß darauf die Antwort zuteil werden, daß sich der Ertrag aus einer Gemeinschaftsarbeit niemals auf mark und Pfennig für den. Einzelnen errechnen läßt. Aber jeder wirtschaftlich einsichtige und geschulte Kaufmann weiß, daß, wenn'die Existenz- und Erwerbsbasis seines gesamten Standes gesichert und gefördert wird, anch der Einzelne daraus den Nutzen zieht. Und der verantwortungsbewußte und der gemeinschaftsgebundene Mensch weiß, daß es immer auf ihn Und seinegleichgesi unten Kollegen ankommt. Bahnbrecher und Schrittmacher des gesamten Standes zu sein. Erst ein Vergleich Uber Jahre hinweg läßt erkennen, was unermüdliche Arbeit einer Gruppe für die Gesamtheit bedeutet.

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