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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen · 1936-01-17 · 1 (17.1.1936) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
Volume
8 (1936)
Issue
1 (17.1.1936)
Date
1936-01-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gemelndeblatt Bremen Nummer 1 bundene Ackerbau bei ihnen aufgehört. Natürlich bat die Unstetheit ihres Aufenthaltes sie mehr und mehr dem Boden auch da entfremden müssen, wo sie nicht schon durch das Gesetz vom Landbesitz ausgeschlossen waren. Dagegen bleiben die Juden immer am Handwerk stark beteiligt, obwohl die deutschen Zfinite sie ausschlössen. Wo sie in Massen saßen, wie In Polen und Litauen, da waren die Handwerker bei ihnen in starker Ueberzahl. Ueberall finden wir dort jüdische Handwerkerzünfte und Innungen und noch heute bis weit nach Rußland hinein besondere Handwerkersynagogen, wie die Schneidcrschulen und die Synagogen der Schuhmacher (vgl. Wischnitzer, Jüdische Handwerker-Innungen in Polen und Litauen; 1922 [in jiddischer'Sprache]). In vielen europäischen Ländern, vor allem in' den Niederlanden, sowie in Holen und den angrenzenden Ländern, stellten die Juden einen zum Teil hohen Satz zu den Qlasern. Goldschmieden, Uhrmachern, auch Klempnern, besonders aber zu den Glas-, Diamanten- und Brillenschleifern. Dabei waren die Juden so wenig engherzig, daß sie sogar keinen Anstand nahmen,' rituelle Gegenstände von nichtjüdischen Handwerkern herstellen zu lassen, solange diese nicht das. ihnen entgegengebrachte Vertrauen mißbrauchten. Aus einem Anreiben des Rabbiners Lipman-Mühlhausen in Erfurt an alle jüdischen Gemeinden Deutschlands geht hervor, daß (zu Beginn des 15. Jahrhunderts) die Schofaroth in allen jüdischen Gemeinden des Reiches von einem christlichen Handwerker in Erfurt bezogen wurden. Damals fing Salin Cohn an, die Herstellung des Scholar zu erlernen und entdeckte hierbei, daß der christliche Arbeiter bisher Bockshörner, und nicht, wie vorgeschrieben, ^.Keren schel Ajil" hierzu verwendet hatte. Es wurde daher allen Gemeinden in dem offenen Schreiben kundgetan, daß von jetzt an Sali Cohn, Gottlieb Gans und noch andere Juden solche Schofaroth aus rituell einwandfreiem Material herstellen würden (vgl. Berliner nach dem von ihm in der hebräischen Zeitschrift ..Libanon''. Jahrgang VI, S. 278 ff. aus einer Hs. veröffentlichten Brief in „Magazin für die Wissenschaft des Judentums", Jahrgang 13). Natürlich hatten die Juden in großen Handels- und Umschlagszentren .tndere Berufe als auf dem Lande und in den Kleinstädten. So wissen wir aus einer der bedeutendsten Handels- und Verkehrsstädte der beginnenden Neuzeit, aus Konstantinopel, daß sie dort in allen möglichen Berufen tätig waren und ebenso Lasträger stellten wie hoch angesehene Politiker, Bankiers und Aerzte. Am Anfange des 19. Jahrhunderts waren die dortigen Juden größtenteils Krämer, Makler und kleine Bankiers, auch Aerzte, Dolmetscher und Bedienstete auf dem Komruk (Zollamt«) oder Geld- und Güterverwalter von reichen Türken. Während eine geringe Anzahl vermögender Juden in Polen und seinen Nebenländern zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts am polnischen Außenhandel stark beteiligt waren, waren vier Fünftel z. B. der galizischen Juden schon damals auf den kleinsten Handel als Krämer und Budenbesitzer angewiesen oder in die Schankwirtschaft gedrängt. Immerhin war fast die Hälfte der Arbeiter Im galizischen Handwerk Juden. Im Gouvernement Minsk gab es fast nur jüdische Schneider und gut vier fünftel aller Barbiere waren ebenfalls Juden. Aus dieser Vorgeschichte der Ostjuden erklärt es sich auch zum Teil, daß ungefähr die Hälfte der Juden in den Vereinigten Staaten Amerikas Industriearbeiter sind. Aber die Verteilung der Juden auf verschiedene Berufe hängt von den immer sehr der Veränderung unterworfenen polltischen Verhältnissen ab, .unter denen die Juden leben. So waren die hochgeschätzten Hammais von Saloniki, die Hafenarbeiter und Berufsfischer fast ausschließlich spagnoltsche Juden. Sie werden aber jetzt, wo Saloniki eine griechische Stadt geworden ist,, zum Teile aus diesen Berufen verdrängt, zum Teile auch veranläßt, für ihre Arbeit neuen Platz im jüdisch werdenden Palästina zu suchen. Zu allen Zelten sind die Juden Liebhaber der Musik gewesen. Die Blbei«gibt von der Pflege der Musik für den Tempelgottesdienst Zeugnis. Aber auch im Mittelalter und in der Neuzelt waren die Jaden freunde der Musik, und so gab es immer Juden, die ihren Beruf in ihr sahen. Wir kennen auch in ganz Polen und also auch aus der früheren Provinz Posen jüdische Musikerzünfte, die vielfach privilegiert waren. .So hatte die Jüdische Musikerzunft in Lissa besondere Vorrechte. Sie durfte beanspruchen, auf Hochzeiten aufspielen zu dürfen, oder wenn ihr andere bevorzugt wurden, abgefunden zu werden. Die bekannten Kempener Klesmorim z. H. gaben In den kleinen Städten Polens und Schlesiens sehr beliebte Straßenkonzerte. Aber auch in Mittel- und Westdeutschland gab es solche Musiker. So scheinen die Juden an den Musikgesellschaften auf dem Münzenberg bei Quedlinbuig beteiligt gewesen zu sein. Die älteste im Staatsarchiv für Aurich in Ostfriesland vorhandene Judenurkunde bezeugt die Pflege der Musik durch Juden. Graf Eduard II. nämlich begnadigt im Jahre 1592 die Juden Salomon und Lewen, daß sie htnfürder mit Spielen (spylendo — Musikmachen) In seiner Landschaft Ostfriesland ihre ehrliche Nahrung suchen mögen (vgl." Anklam. Die Judengemeinde in Aurich 1927 mr. Schriften d. Ges. zur Förderung d. Wiss. d. Judentums 28). (Schluß folgt In i «diskr Nummtr) Ein Ruf an Jeden! Mitten in der Arbeit zur Durchführung der jüdischen WlnterhiHe drängt es uns. an die Notwendigkeit zu erinnern, neben der fürsorgerischen Betreuung der Notleidenden produktive Hille und Aufbau nlcV zu vergessen. Das Jüdische Aufbauwerk In Palästina ist das Instrument der jüdischen Selbsthilfe. Allein 30 000 Juden aus Deutschland ist das Ansledlungswerk im Lande der Väter zugute gekommen. Ohne staatlichen Zwang, nur durch hingebungsvolle Aufopferung der jüdischen Gemeinschaft ist das große Werk des Koren Hajessod.' der konstruktiven jüdischen Selbsthilfe, die größte Leistung In der jüdischen Geschichte der Neuzelt vollbracht. De „Reichsvertretung der Juden in Deutschland" hat vor wenigen Monaten die jüdischen Organisationen, Gemeinden und Einzelpersonen zur Förderung des Keren Hajessod aufgefordert. Wer will sich dem heute noch verschließen, daß die Fundamente des Aufbaus in Erez Israel aus dem einlachen Grunde unseres dringendsten Lebensinteresses gesichert sein müssen? Jeder Jude muß heute gegenüber Erez Israel eine Steuerpflicht anerkennen. Der Ertrag der diesjährigen Sammlung in Deutschland ist durch Kongreßbeschluß mit Rücksicht auf die Lage der Juden In Deutschland ausschließlich für die Ansiedlung der Juden aus Deutschland in Palästina bestimmt Für die Juden Deutschlands bedeutet der Keren Hajessod die Selbstbesteuerupg zu Gunsten der Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Palästina! So eindringlich wie nie zuvor ruft Erez Israel jeden Juden in Deutschland auf, nach Maßgabe seiner Kräfte beizusteuern zu dem gewaltigen Werk, das der Erneuerung des gesamten jüdischen Volkes gilt! Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde zu Bremen: M. Markreich N. Grünberg M. Reifenberg Arbeitsgemeinschaft des Keren Hajessod In Bremen Sigm. Posnansky Slegb. Zacharlas Bremen, den 12. Januar 1936. Einzahlungen erbeten aul alle Gemeinde-Konten. Dieser Aufruf ist zugleich eine Aufforderung an alle Judtn, ihre Anteilnahme an dem Jüdischen Aufbauwerk durch Be» teiligung an der für Sonnabend, 25. Januar 19J6, abends 20.30 Uhr, im kleinen Saal, der „Union" stattfindenden Versammlung: „Aufbau-Aktion fir Pulä tlntf zu bf künden.

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