Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Volume
- 8 (1936)
- Issue
- 1 (17.1.1936)
- Date
- 1936-01-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Verlagsort: Mannheim 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE RDFMFM AMTL. ORGAN DER GEMEINDEVERWALTUNG llntl lhl 1 D«. JUdi.ch. G«m.ind«bmtt gelangt an dla Mltglladar dar laraalltlaehan Qamalnda Sraman und an dla Samalndavarwaltungan dar RabDlnatabailrk» Oatfrlaaland, Oldanburg und Stada zur Llafarung. ■azugapralavIartalJBhrlleh 30 Pfg. zuzOgl. Poatzuatallgabühr. Nachdruck nur mit Quallanangaba und mit Qanahmlgung daa Varfaaaara gaatattat. Nr. 1 Bremen, 17. Januar 1936 8. Jahrgang Aus der Berufsgeschichte der Juden Von Prof. Dr. Heinrich Locwe, Trl-Awlw Die Hebräer waren ein Volk von Gärtnern, Landwirten und Viehzüchtern. Durch Land und Sprache standen sie mit den Phönikern ir. innigster Verbindung. Aber während der Israelit durchaus Urproduzent war, waren die Bewohner von Sldon, Tyrus und ihren Schwesterstädten Industrielle und vor allem Händler. Das hebräische Wort Kena'ani bedeutet in der biblischen Literatur nicht bloß zufällig zugleich Phöniker und Kaufmann. Aber sicher waren israelitische und jüdische Männer an den Seefahrten ihrer Landsleute beteiligt, und allmählich lernten sie von ihren kana'anälschen Nachbarn deren Berufe. Mit ihnen gehen sie auf das Meer hinaus. Und hier beginnt schon die Zerstreuung des jüdischen Volkes über die Küsten des Mittclmeeres, die nach den politischen Katastrophen der beiden israelitischen Staatswesen für die Juden schicksalhaft geworden ist. Die Diaspora war durch einen Berufswandel im jüdischen Volke mit hervorgerufen. Aber sie verstärkte und verschärfte ihn ihrerseits noch ungemein. Der Uebergang von Juden zu den vermittelnden Berufen wurde dadurch In jeder Weise gefördert. Da sie zugleich einen erheblichen Teil zu den Berufssoldaten des orientalischen Altertums stellten, so wurden sie auch auf diese Weise neuen Berufen zugeführt. Die jüdische Militärgrenze, d e Aegyptens Süden gegen den Einbruch afrikanischer Barbaren schützte, bot zugleich eine starke Verführung zum Sklavenhandel. Dazu kamen der Handel mit Elfenbein und der Goldhandel, die frühzeitig Juden in das Innerste Afrikas führten. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, daß damals etwa auch nur der größere Teil der Juden zum Handel übergegangen wäre. Von den wenigen Juden, über deren Lebensberuf wir etwas erfahren, hören wir zumeist, daß sie handwerkliche Berufe oder Landwirtschaft ausübten. So war der Apostel Paulus, der doch ein Jude der Diaspora aus einer lebhaften Handelsstadt war, Teppichweber. Asinaj und Anllaj, die durch die herrschenden Gewalten gezwungen, an der Spitze gleichgesinnter Stannnesgenossen, eine Art Mittelding zwischen Räuberbande und aufständischem Staatswesen leiteten, waren ursprünglich Webergesellen in Neharde'a gewesen. Von einer ganzen Reihe talmudischer Geistesgrößen wissen wir, daß sie sich zwar mit dem Thorastudlum intensiv beschäftigten, aber ihren Lebensunterhalt aus Ackerbau und Handwerk, als Schuhmacher und Schmiede usw. fanden. In der talmudischen Zelt gab es in Palästina und Babylonien eine sehr große Zahl jüdischer Ackerbauer. Rabbi El'asar erklärte mit Berufung auf die Bibel (Jecheskel 27, 29) den Ackerbau für den wichtigsten Beruf der Zukunft! Aber er fügte hinzu, daß kein Beruf und kein Handwerk so wenig einträglich wie der Ackerbau sei. Bei der Besichtigung eines Kohlfeldes, das auf den Beeten der Breite nach bepflanzt war, sagte er: „Selbst wenn man Kohl In ununterbrochenen Längsstrelfeo pflanzen würde; bliebe doch Jeder Geschäftsverkehr noch einträglicher als der Kohlbau." Als Rab einmal zwischen den wogenden Getreidefeldern einherging, sagte er resigniert: „Magst dich noch so sehr vor Fruchtbarkeit wiegen und .wogen, der Geschäftsverkehr.bringt doch.mehr ein!" Er sprach seine Meinung dahin aus: „Wer hundert Sus In ein Geschält steckt, kann sicfralle Tage Fleisch und Wein leisten, wer aber die gleiche Summe im Ackerbau arbeiten läßt, der muß sich mit getrockneten Kräutern und Salz begnügen. Und mehr noch als das: Er muß aul der bloßen Erde schlaien und hat immer Streitigkeiten zu gewärtigen." Trotz dieser klaren Erkenntnis stand man auf dem Standpunkte, daß man beim Ackerbau bleiben solle, und Rab Papa sagte es klar und unzweideutig: „Säe, aber treibe keinen Handel! Und wenn du auch dabei auf keinen grünen. Zweig kommen solltest, so ruht doch-der Segen auf diesem Berufe. Darum verliere keine Zeit, wenn es gilt. Feld zu kaufen usw." (Talmud Jerusehalmi Jebamoth 24.) Auch in Italien waren die Juden noch zur Zelt des Papstes Gregors des Großen vielfach Landwirte und Pächter. Zu allen Zeiten haben die Juden in verschiedenen Ländern einen großen Anteil an der Färberei gehabt. So erwähnt u. a. im 12. Jahrhundert Benjamin von Tudela ihre Betätigung als Färber besonders für Unteritalien und für das sonst damals von Juden sehr entvölkerte Palästina. Im Kaukasus sind die Juden seit Jahrtausenden heimisch. Sie gehen vor allem in Georgien auf die assyrische Verbannung der israelitischen Nordstämme zurück. Aber eine spätere Einwanderung, die immerhin Uber ein Jahrtausend zurückliegt., von med Ischen und persischen Juden wird im Kaukasus darauf zurückgeführt, daß der König der Kazikumücken Juden herbeigerufen habe, um die Kultur der Krupp-Pflanze und die Färberei im Lande heimisch zu machen. Jedenfalls sind auch heute noch die kaukasischen Juden zum Teil ausgezeichnete Färber. Die Färberei hat sie zur Pelzbearbeitung geführ:, an der die Juden ebenfalls einen großen Anteil haben. In Europa gab es untersten Juden in den Zeiten des frühen Mittelalters zahlreiche Großkaufleute, die namentlich den Orienthandel vermittelten. Ganze jüdische Flotten kamen nach den französischen Küsten. Der Volkshumor, der sich über den Erzbischöf Hatto von Mainz lustig machte, setzt es als selbstverständlich voraus, daß Juden regelmäßig mit ihren Schiffen zwischen dem Frankenreich und dem Orient verkehren. Gleichwohl war es immer nur ein Teil auch der europäischen Juden, die zum Handel übergegangen waren. Erst als in. späteren Mittelalter die Juden dauernden Vertreibungen ausgesetzt waren, wurden sie dem Landbau vielfach entfiemdet. Noch im achtzehnten Jahrhundert wurden in den christlichen Ländern, besonders aber in Deutschland, den Juden von den Christen nur selten gestattet, Vieh zu halten, und auf „christlichen Boden" zu treiben, sondern Ihnen an den meisten Orten „Wunn und Walde versagt" (Beck, Tractatus de iurihus Judaeorum; 1731 pag. 189). Trotzdem bat in Süd- und Mitteldeutschland, wo sich die Juden auch zu allen Zelten mit Weinbau beschäftigt hatten, niemals der mit dem Viehhandel ver vor-