Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 6 (11.2.1938)
- Date
- 1938-02-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 11. Februar 1938 / Nr. 6 \ereinigen weiß: lebhaften Handel und Verkehr, feine Bildung und Kunst, fröhliches Seebad und nüchternen Hafenbetrieb. Architekten, üartenbaukimstler und Verwaltungsbeanite verbanden sich zu weitausschauenden Planungen, von denen z.B. der mächtige Dizengoff-Platz mit seinen ürünflächen und strahlenförmig ausgehenden Straßenzügen Zeugnis gibt. — Noch stärker als in Tel-Awiw tritt in Jerusalem das Bestrehen zutage, den (iemeinschaftsgebäuden neuen Stilchai akter zu verleihen: Verwaltungsgebäude der jewish Agency, flankiert von denen des Keren Kajcmet und des Keren Hajessüd bilden den bemerkenswertesten Abschnitt der King Georg- Avenue; durch die noch im Ausbau begriffene Baugruppe des Synagogenvereins „Jeschurun" wird sie organisch erweitert werden. Die eindrucksvollen Univi rsitätsbauten werden z. Z. ergänzt durch eine mächtige Krankenhaus-Anlage der Hadassa in unmittelbarer Nähe und das bereits fertige „Bet hamidrasch lamorim haibri" (Lehrerseminar) im Stadtteil Bet-hakcrem. Man kann dieser baulichen Entwicklung nicht gedenken, ohne des Architekten Richard Kaufmann Erwähnung zu tun; dem bekanntlich auch die viel bewunderte Anlage von Nahalal und mancher andern Siedlung /n danken ist. Verheißungsvoll sind auch die im Entwurf fertigen Neuanlagen bei den warmen Quellen von Tiberias. Wir wissen, daß die freien bildenden Künste, Malerei und Plastik, im Judentum lange durch religiöse Scheu au jeder Entfaltung gehemmt waren. Als jedoch der Bann gewichen war und der jüdische Mensch zunächst die Bildwerke anderer Kulturkreise, ihrer Schulen und Stile genießend in sich aufnehmen konnte, fand er sich alsbald angeregt, selbsttätig an diesem Schaffen mitzuwirken. ZU tiein genügend Kräfte in ihm lagen. Nicht sogleich, aber verhältnismäßig rasch, fand er sowohl seine eigne Arbeitsform, wie sein engeres Stoffgebiet. Das erste Jüdische Museum in Tel-Awiw in dem früheren Wohnhause des Bürgermeisters Di/engoff verdankt Dr. Karl Schwarz seine Ausgestaltung. Ls birgt heute bereits Werke jüdischer Maler und Bildhauer aus aller Welt; also von \ e h u d q Epstein und J o z e f Israels; P i I ic h o w 8 k i und ü 1 y - z e n s t e i n, Chagall und P i s s a r o; Max Lieber mann und Lesser Ury. Noch gering ist der Anteil der einheimischen Künstler; doch sind Herrn. Struck und Jakob Steinhardt gut vertreten. Seitdem letztere unter dem Himmel Palästinas, in seiner balsamisch-reinen Luft, auf seinem buntschiminernden Boden schaffen, sind sie in ihren Werken zur leuchtenden Farbe übergegangen, und werden ihr vermutlich treu bleiben. Dasan immer neuen Lichteffekten Unerschöpfliche Land in ihre Bilder zu bannen, kennzeichnet auch das Kunstschaffen von Frau Tic ho wie von trau Käte Marcus - L p h r a i in; auch mancher reifen Talente, deren Arbeiten, wie wir uns überzeugten, statt in Mappen zu ruhen, größere Öffentlichkeit verdienten. Die Plastik ist über die Porträtbüste noch wenig hinan?; der Dcnkmallöwc von Tel Chaj ein erster Versuch. Wanden wir uns zuletzt dem Kunstgewerbe zu. Ls fand in der Frühperiode des neuen Erez Israel eine Pflegestätte im „Bezalel" zu Jerusalem, zuerst unter Boris Schatz, sodann unter M. Narkiss. Man erinnert sich gern der Teppichkuüpferei, der Web- und Wirkwaren, der Filigranarbeiten der meist jemenitischer! Jugend; weniger gern des Andenkenvertriebs, der heute ganz in die (iesehäfte abgewandert ist. Während „Bezalel" zum Museum für Altertümer iusb. Münzkunde geworden ist, haben in einem „Bezalel hechadasch" Graphik und Malerei ihre Stätte unter Leitung von Joseph Budko und Jak. Steinhardt erhalten. Eines der ältesten bewerbe des Landes, die Töpferei, fand ihre Ncubelebung in der keramischen Werkstatt „Kad wa-Sefel'' in Rischoii Le-Zion, wo nach freien Entwürfen von Eva Samuel, sowie Paula Aronsohn- Scaiticl, Mira Leibowitz u. a., aber auch nach besten Vorbildern der Antike gearbeitet wird. Herstellung von Kultgerät für das jüdische Haus bildet die Besonderheit der Werkstatt. Die Silberscluniedearbeiten von Emmi Roth sind im Lande ebenso rühmlich bekannt, wie die Bucheinbände von Käthe W i e n e r - 0 U11 in a n n; und wir besorgen, daß auch andere Sondergebiete und Künstler gleichen Ranges der Erwähnung würdig wären. Doch wird unsere Skizze hinreichend beweisen, daß selbst die schwere Zeit, die Erez Israel heute durchmacht, künstlerischen Bestrebungen keine Schranke gesetzt hat. Der Peel-Bericht. Am 8. Februar hielt Herr Dr. Robert Weltsch das angekündigte Referat über den Peel-Bericht. Ls könnte wohl scheinen, so führte er eingangs aus, daß der Bericht infolge der weitereu Entwicklung der mit ihm zusammenhängender. Erörterungen seine Bedeutung eingebüßt habe. Dies trifft nicht zu: der Peel Bericht, der in einer deutsehen Übersetzung im Sehoeken-Verlag erschienen ist, werde ein geschichtliches Dokument bleiben, auch wenn etwa die von der Königl. Kommission als Ergebnis ihrer Untersuchungen gemachten Vorschläge nicht ausgeführt werden sollten. Der Berieht ist hochbedeutsam wegen der Gründlichkeit und Zuverlässigkeit, mit der er alle mit Palästina zusammenhängenden Fragen der Entwicklung und des kulturellen und Ökonomischen Zustandes darstellt; er ist selbst literarisch wertvoll, da er ausgezeichnete Formulierungen gibt, durch seinen Stil die Fragen eindrucksvoll, ja geradezu fesselnd behandelt. Dr. Weltsch gab Ausschnitte aus den bisweilen zu dramatischer Höhe gesteigerten Ergebnisseil der Prüfungen und befaßte sich hauptsächlich mit dem 5. Kapitel, in dem die Haltung der Juden, der Araber und der Verwaltung Palästinas in Vergleich gebracht und festgestellt wird, daß der ursprüngliche Gedanke der englischen Regierung, einen friedlichen Ausgleich zwischen Juden und Arabern herbeizuführen, als gescheitert angesehen werden muß. Im l>*. und 20. Kapitel des Berichts werden dann auf GrUlld der l est Stellungen die möglichen Auswege untersucht, die die Kommission Schließlich dazu führten, den bekannten Teilungsplau als die verhältnismäßig günstigste Kompromißlösung hinzustellen. Der Vortragende gab dann eine Übersicht über die verschiedenen Gruppen, die /ii diesen Vorschlägen Stellung genommen haben: die englische Öffentlichkeit, die Araber und die Juden. Die Araber haben von vornherein und unentwegt den Teilungsplau abgelehnt, während die englische Öffentlichkeit ursprünglich sich entschieden für ihn einsetzte. Nicht einheitlich war die Aufnahme seitens der Juden. Daß er seitens der Revisionisten und der Agudas Jisroel bedingungslos abgelehnt wurde, ist in ihrer grundsätzlichen Einstellung begründet. Aber auch teile der zionistischen Organisation wollten sich in keiner W eise mit ihm befreunden. Dennoch hat die Leitung der zionistischen Organisation auf dem Kongreß die Zustimmung der Mehrheit gefunden, weil sie in dem Teilungsplau immerhin, einen bedeutsamen Fortschritt in der Richtung der Bemühungen um ein Nationalheim in Palästina erblickte. Neuerdings ist jedoch die Haltung in England gewandelt, ohne daß im Augenblick zu übersehen ist, Welche endgültigen Entscheidungen die britische Regierung treffen wird. Wie aber auch immer die Entwicklung in Palästina sieh gestalten wird, — der Peel-Bericht verdient und wird immer ein eingehendes Studium verdienen, da er ein ausgezeichnetes und durch keinerlei Rücksichten verdunkeltes Material mit unbestreitbarem Verantwortungsbewußtsein und weitestgehendem Gerechtigkeitssinn zusammengetragen hat. JQdisches Lehrhaus Leipzig Sprechstunden des Herrn Dr. Neumann für Fragen der Eingruppicrung in die verschiedenen englischen Sprachkurse finden statt am Montag, den U.Februar 1938, 1 .12- 1 Uhr und 1 23— i/s5 Uhr im Gemeindeamt, WaKer-Blümel-Str. 10, II. Stock. Vortragsreihe: Fortschritte der Naturwissenschaft und Technik. Im Felix-Goldmnnn-Hciin, Ludendorffstraße (frühere ElsterStr.) Nr. 7 (nicht, wie bisher angekündigt, im Kulturbuudtheatei) beginnt am Dienstag, dem 15. Februar, '20.15 Uhr, die Vortragsreihe B des Jüdischen Lehrhauses mit dem Einleitungsvortrag, den Prof. Dr. Brunn Kisch über das Thema „Das Verhältnis des Judentums zur Natur" hält. Der Vortragende, ehemaliger Professor für Physiologie an der Universität Köln, ist der jüdischen Welt vor allein durch seine Schrift über „(iottesglaube und Naturerkenntnis" als Vorkämpfer für die absolute Gültigkeit des in der Thora gegebenen Weltbildes gegenüber den wechselnden Anschauungen der offiziellen Naturwissenschaft bekannt. Seine Einstellung zum biologischen Geschehen vom Standpunkt des orthodoxen Judentums aus, aber mit dem Rüstzeug des exakten Naturforschers, ist nicht nur für den Strenggläubigen, sondern für jeden geistig interessierten und nach Klarheit ringenden Juden von größtem Interesse. Sie berührt ein Zentralprobrem des Denkens, insbesondere des jüdischen Bewußtseins, dem sich keiner entziehen kann, dem es um eine ehrliche Atiscinandcrsct/iniL! mil diesen wichtigen Weltansehauungslragen zu tun ist. Es wird deshalb ein reger Besuch dieses Abends erwartet, der, wie bereits bekanntgegeben w urde, den Kultu r bu u d m i t gl i cd e r Ii als zweite gemeinsame Veranstaltung in i t de in Lehr ha us geboten wird. Unsere Gemeinde Die Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Deutschland teilt mit, daß ihre Sprechstunde am Donnerstag, dem 17. Februar, ausfallen muß. Zuschneidekursus des Jüdischen Frauenbundes. Auf vielseitigen Wunsch wird Herr Miltenberg, der Leiter der Zuschneidekurse, noch einen Schnellkursus in der nächsten Woche abhalten, der an allen Vormittagen und 2 1 Abenden stattfinden soll. Die Kosten betragen 15 Mk. pro Person und sind zu Beginn des Kurses zu entrichten. Frauen, die daran teilzunehmen wünschen, wollen sich Montag vormittag Ii) Uhr im Sozialamt, Humboldtstr. Ii, einfinden und Schere, Stecknadeln, Bleistift und Zentimetermaß mitbringen. Nlhstubä des Jüdischen Frauenbundes und der Wiz.o. Da der Bedarf an Ausstattungsgegenständen für Auswandernde, der in der Nähstube hergestellt wird, außerordentlich groß ist, soll in der Nähstube jet/t Montags ununterbrochen von 4—Itj Uhr gearbeitet werden. Es werden noch weitere ehrenamtliche Hilfskräfte gebraucht, die einige Stunden innerhalb dieser Zeit sich zur Verfügung stellen. Meldungen werden erbeten an trau Recha Carlebach, Lortzingstrafie 15, Tel. 10530, und Frau Rechtsanwalt Nemann, Christianstr. 15, Tel. Iii (Vi. Hebräische Sprachschule. Es soll sobald wie möglich ein Kursus eröffnet werden, in dem aus Werken von Ach ad Haam gelesen wird. Es wird erwartet, daß die Anmeldungen schnell*Und zahlreich an den Leiter des Kurses, Herrn K a 1 a i - Schleider, Büro der Zionist. Vereinigung, Keilstraße 4, erfolgen.