Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 5 (4.2.1938)
- Date
- 1938-02-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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UND MCHTEM DER GEMEIN DEVERWAl^ TUN6 DER ISRAaiTISCHEN REUGI0NS6EMEINDEZÜ LEI PZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSM1N1STERS FURVOiKSAUFKlSRUNG UND PROPAGANDA BETR.GBERWACHU NG DER GEISTIG UND KULTU RELL TÄTIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 4. FEBRUAR 1938 / 3. ADAR I. 5698 14. JAHRGANG / NUMMER 5 Martin Buber — Erwecker und Erzieher Zu seinem 60. Geburtstag (8. Februar). Wenigen unter den heute Lebenden gebührt mit so viel Recht die Kennzeichnung als geistig Führende im Judentum wie Martin Buber. Als eindringlicher Wecker ruft er unablässig die Lässigen an, . zeigt ihnen Geist und Stellung des Judentums, weist auf die unlös- I liehe Verbundenheit des jüdischen Menschen mit dem Ewig-Göttlichen und mit den vor ihni gewesenen Geschlechtern. Und alles " das mit dem einen Ziele, Bereitschaft für die Verwirklichung der Aufgabe reifen zu lassen, die der jüdischen Gemeinschaft gestellt ist. Mit der ganzen Hingabe eines verantwortungsbewußten Ethos und dem großen Gewicht eines ungewöhnlich breiten und tiefen Wissens sucht er die Seelen der Juden. Um die tiefsten Werte in ihnen ringt er: er will sie zum Bewußtsein erwecken, damit die Wirklichkeit einer jüdischen Erfüllung von tatfrohen und tatfähigen Juden bereitet werde. Wer die geistige Entwicklung im jüdischen Sein mitgegangen ist, kennt Bubers Weg und sein Werk. Und versteht daraus den vor unseren Augen immer stärker wirkenden Schwung seiner packenden Persönlichkeil. Alles auf diesem Wege mußte sich zum anderen fügen, um gerade heute, da es mehr nottut als je, diese reiche Entfaltung erblühen zu lassen. Die politische und literarische Arbeit im Zionismus wurde dem jungen Buber zur Grundlegung seiner ganz auf den Generalnenner „Heimkehr" gestellten Lebensarbeit. Er hat allerdings ziemlich früh diesen Begriff gegenüber der parteimäßigen, nur-politischen Auffassung geistig geweitet. „Israel ist seiner Berufung ausgewichen, und es ist dafür in die Verknechtung geschickt worden. Aber verheißen ist ihm, daß es, von seiner Verfehlung geläutert, .heimkehren' soll. Nicht bloß zu einem Lande, einer Selbständigkeit, einer Unabhängigkeit, sondern zur wahren Freiheit, die es einst innegehabt und vertan hat: der Freiheit, mit der Erfüllung I seiner Berufung zu beginnen." Diese Heimkehr bedeutet ihm dem- ( gemäß zuerst und zutiefst die Erkenntnis der jüdischen Ausdrucksform für die Religion. Darin ist Buber eng mit dein Chassidismus j verknüpft. Er hatte ihn in früher Kindheit um sich gesehen; aber er; erlebte ihn dann erst weit später, rachdem er sich vom Mythischen harte anziehen lassen. Anfangs sah er im Chassidismus vornehmlich y^em ee&ve Oß&iv y^üfyfe (fiiCCcii. bto &uv&t &tu* &le gz&sctie WUolwh *4fe Tfundsammlung: morgen; 6. Jebruar. das Mystische; dann aber, als er immer tiefer in die Bewegung eingedrungen war, die eigene Ait religiösen Erlebens, die, in ihrer Reinheit nachgeahmt, für eine religiöse Erneuerung fruchtbar zu machen war. Definierte er den Mythus als das Verhältnis des Göttlichen zum Menschlichen, so fand er in den Zaddikim vorbildliche Lehrer für die Gewinnung eines rechten Verhältnisses der Menschen zum Göttlichen. In der Chassidiingemeinde sah er die wahrhafte Menschengemeinschaft, die zur wahrhaften Religiosität hinstrebte, der Gebundenheit ans Göttliche und der Verbundenheit mit ihm. Immer klarer treten in Bubers Schriften und Reden die Komponenten heraus, aus denen sich ein Lehrertum von unbeirrbarer Eindringlichkeit bildet. Bisweilen tat es weh, daß er in seiner Redeweise stark au der mystischen Form des Chassidismus haftete. Je mehr aber Buber nicht mehr nur durch das Mittel der Schrift sondern durch das lebendige, an mit erwartenden Augen vor ihm lauschende Menschen gerichtete Wort sprach, desto eingängiger, schlichter wurde auch sein Redestil, immer.noch genug Spielraum für eigenes Denken der Hörer lassend. Denn das ist charakteristisch für Buber: sein Wort ist Anruf. Er will Erkenntnis, darum will er an die Geister. Nur wo sich ein Band vom Erwecker zu dem im Menschen Schlummernden schlingt, kann erwartet werden, daß Lebendigkeit erzielt wird. Diese persönliche Beziehung hatte ausschlaggebende Bedeutung bei Buber. Er trug in sich die Berufung zum Erzieher seiner und der jungen Generation, und er hat, wie alle seine Tage, gerade in den letzten Jahren, den Dienst als Erzieher mit dem ganzen ihm eigenen unerbittlichen Ernst der Wahrhaftigkeit auf sich genommen. Wenn Buber den „Jüdischen Verlag" anregte und mitbegründete, um „neben dein jüdisch-sittlichen Ideal, das dem jüdischen Menschen wieder Einheit und Festigkeit, nationales- und persönliches Selbstbewußtsein gibt, . . . das jüdisch-ästhetische" aufzurichten, wenn er 1916 die Zeitschrift „Der Jude" ins Leben rief, wenn er die Verdeutschung der „Schrift" (gemeinsam mit Franz Rosenzweig) unternahm, wenn er „Vom Geist des Judentums", über „Die jüdische Bewegung" redete — immer geschah es in dein Willen, die Trägen aufzurütteln und zum Judentum zu erziehen. Sooft er das Wort ergreift, liegt Ihm alles an der in die Tiefe gehenden und dann in die Wirklichkeit hinein rückstrahlendcn Wirkung. Ihm ist darum nicht an der Zahl gelegen; freudig redet er zu zwanzig Menschen, die aufgeschlossen ihm folgen und in ehrlicher Zwiesprache Gedanken klären wollen. Bedeutsam begann diese Art der Aussprache mit jenen Vorträgen, die er seit 1909 in Prag bei den jüdischen Studenten hielt; und in immer zunehmendem Maße ist sie ihm Lebensinhalt geworden. Aus ähnlichem Erziehungswillen wurde Buber Mitschöpfer des „Jüdischen Lehrhauses", gab er, als 1933 die Juden in Deutschland aus einem Traum in eine neue Wirklichkeit gerissen wurden, den Anstoß zur Neugestaltung der „Erwachsenenbildung" und stand seither unermüdlich mitten unter den Lehrern, die „die Stunde" verstanden hatten, und um „die Erkenntnis" sich mühen. So wurde Buber zu der Persönlichkeit, als die wir ihn heute sehen: „Führer zum Judentum, Lehrer, der das Geistesleben in die Breite weitete und in die Tiefe aufwühlte". Als wahrer Erzieher erweist er sich durch seinen tiefen Glauben daran, daß in der Erkenntnis dem Menschen eine Kraft des Lebens verliehen ist, sich und seinen Weg zu wandeln. „Es gibt kein Verhängnis außer dem Glauben an ein Verhängnis", so ruft er den Juden zu, die in diesen letzten Jahren „vor dem Wandel der Dinge" zittern. Er möchte sie aus der Erschütterung emporreißen und ihnen den Weg zeigen, wie sie die Haltung gewinnen, die allein heute des Juden würdig wäre. Darum belehrt er sie, daß „Haltung hat, wer Halt hat". Und da ist „ein unerschütterlicher Grund, der nur wartet, daß ich mich auf ihn stelle". „Ist es das Judentum'? — Ein ...tum unter ...tümern? Das ist noch zu wenig. Es kann nur jenes Urjudentum sein, das eben in Wahrheit kein Tum ist, sondern Israel. Nein, noch nicht tragend genug! Es können nur die .Mächte' (1. M. 20, 13) sein, die Israel aus den Tümern hervorholten und in sein Geschick schickten. Ihnen vertraut euch an! Sie halten, wer sich von ihnen halten läßt" (Die Stunde und die Erkenntnis, 5. 50). Dazu will Buber die Juden erziehen, daß sie „heimkehren", in jenem ganz weiten Sinne, einer Heimkehr zum ganzen Judenrum,