Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 4 (28.1.1938)
- Date
- 1938-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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UNO NACHRICHT EN BLATT DER GEM El N DEVERWAL^ LEI PZI6 ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS FÜR V01KSAUFKIÄRUN6 UND PROPAGANDA BETR.OBERWACHU NG DER GG 28.JANUAR1 938/26.SCH WAT 5698 14, JAHRGANG / NUMMER 4 Gustav Cohn, Neue Wege für jüdische Geschichtsschreibung. Wer sich mit jüdischer Geschichte nicht nur oberflächlich, sondern mit eindringendem Verständnis befaßt, muß von tiefster Ehrfucht vor der ungeheuren Leistung erfüllt werden, die in wenig mehr als einem Jahrhundert von jüdischen Gelehrten vollbracht worden ist. Erst Leopokl Zun/ (1794—1886) und Salomo Juda Rapoport (1790— 18b7) haben die Grundlagen für eine wissenschaftliche Erforschung der jüdischen Geschichte geschaffen. Das darf nicht übersehen werden, wenn man die Genialität der Lebensarbeit von Heinrich Graetz erkennen will, die er mit seiner „Geschichte der Juden" kaum ein halbes Jahrhundert später (1S5J— 187j) vollendet hat. Nicht nur, daß er mit großem Blick die „Konstruktion der jüdischen Geschichte" zu entwerfen hatte: für weite Zeitstrecken und Verhältnisse mußte er selbst noch die Quellen aufsuchen, erschließen und deuten, wenn auch mancherlei Vorarbeiten durch Monographien und Versuche von Gesamtdarstellungen gegeben waren. Daß Fragen offen blieben, daß Beurteilungen angreifbar waren, ja, daß seine ungemein temperamentvolle Bejahung oder Ablehnung von Bewegungen zum Widerspruch herausforderten, ist nicht als Mangel zu weiten: gerade dadurch wurde die Forschung weitergetrieben. Simon Dubnow hätte seine grandiose „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" nicht schreiben können, wenn nicht Graetz vorangegangen wäre und eine ungeheure Fülle von Einzeluntersucluingen hervorgerufen hätte. Auch diese „Weltgeschichte" zwingt zu höchster Bewunderung: in der Größe der Gliederung nicht minder wie in der Bewältigung des kaum noch übersehbaren Schrifttums, das sich mit der jüdischen Geschichte befaßt. Gerade der Kenner, der sich nicht damit begnügt, die immer fesselnde Darstellung zu lesen, der auch Anmerkungen, Anhänge und Quellennachweise sieht, würdigt in vollem Umfange die Größe auch dieses Werkes, das bei unumschränkter Vertrautheit mit dem Einzelnen, niemals den Blick auf das monumentale Ganze verschleiert. Es bedeutet jedoch keinerlei Minderung der Anerkennung, wenn der forschende Historiker, der die Frage prüft, vor welche neuen Aufgaben ihn der gegenwärtige Stand der jüdischen Geschichtsschreibung stellt, dabei auf Momente stößt, die bei Graetz, wie auch bei Dubnow noch nicht gebührende Berücksichtigung gefunden haben. Teilweise auch noch nicht finden konnten, weil die (dafür unerläßlich vorauszusetzenden Spezialuntersuchungen noch nicht vorliegen. Was an den umfassenden Darstellungen der jüdischen Geschichte bisher vermißt werden muß, ist die plastische Herausarbeitimg des jüdischen Menschen und seiner Entwicklung. Immer hat er seinen eigenen Typ dargestellt, der, bei aller Selbstabschließung durch seine religiöse Lebensform, doch keineswegs dem Geist der wechselnden Epochen ferngestanden, vielmehr dauernd innigsten Austausch mit ihm gepflegt hat. Aristoteles hat die wichtigen religionsphilosophischen Schriften der Juden beeinflußt; nicht minder haben Maünouides' Schriften die christlicher Denker befruchtet. Das Bedeutsame am jüdischen Geschichtsbilde ist die Fähigkeit der Juden gewesen, ihr Eigenes zu bewahren und dabei doch in stetem Aufnehmen sieh selbst immer neu zu gestalten. Einstmals waren die Pharisäer die Fortschrittlichen; spätere Geschlechter mußten über sie hinauswachsen, weil ihr ursprünglich bewegliches Prinzip zu etwas Unwandelbarem geworden war. Hier stehen der jüdischen Geschichtsschreibung wesentliche neue Aufgaben bevor, die auf neuen Wegen zu lösen sind. Es ist ein großes Verdienst, daß Ludwig I cuclitwanger im 30. Bande des „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" wertvolle Gesichtspunkte aufzeigt, von denen aus neues Licht uif die jüdische Geschichte des Mittelalters fallen würde. Sein Urteil über die bisher bestehenden umfassenden Gcschichtswei ke darf gewiß als zu hart bezeichnet werden; es muß ja bedacht weiden, »laß vieles an Arbeiten und an Fragestellung, worauf er selbst Bezug nimmt, erst in jüngerer Zeit veröffentlicht worden ist. Durchaus mit Recht aber stellt er fest, daß noch vieles, fast alles zu tun ist, um das Bild des jüdischen Menschen im Mittelalter aufzuhellen. Kaum noch ist man darangegangen, für die Zeichnung dieses Bildes die Zusammenhänge zwischen den Juden und der Umwelt zu erforschen. Eine Reihe gewichtiger Tatsachen läßt es als eine Gewißheit erscheinen, daß wenigstens in vielen Jahrzehnten des Mittelalters Juden und Nichtjuden in durchaus innigen Beziehungen miteinander gestanden haben. Um nur eines anzuführen: die Juden, die aus Deutschland nach dem Osten gewandert sind, nahmen die deutsche Sprache und auch so manchen Beitrag aus der Lebcnsgestaltung in Deutschland mit sich, und dies als einen so wichtigen geistigen und seelischen Besitz, daß er Jahrhunderte hindurch vererbt werden konnte. Eine intensive Ausschöpfung aller Quellen wird mehr als dies bisher zutage getreten ist, die verdienstvollen Beiträge erkennen lassen, die jene Juden in den Kulturaufgaben geleistet haben, und wird die Beweise für die menschlich-hohe Schätzung, die man dafür Juden entgegenbrachte, um vieles vermehren. Die Kulturbilder, die das jüdische Leben dieser Jahrhundertc bisher nur in knappen Strichen verdeutlichten, lassen erkennen, daß es doch nicht nur und ausschließlieh von Schatten umdüstert war. Es hat auch recht befriedigende Perioden gegeben, Zeiten einer ruhigen und ungestörten Entfaltung aller Kräfte und eines engen Zusammenwirkens mit der Umwelt in dem Mühen um menschliches Wohlergehen. Aus dein jüdischen Schrifttum, vor allem aus den zahlreichen rabbinischen Gutachten, aber auch aus den Volksbüchern, ist dafür reiches Material zu gewinnen, wenn sie unter solcher Fragestellung durchforscht werden. Aus dem gleichen Gedankengange lenkt Feuchtwanger in der genannten Arbeit den Blick auf Aufgaben, die für die Herausarbeitung des lebendigen jüdischen Geschichtsbildes zu erfüllen sind. Er hebt hervor, daß das jüdische Geistesleben jener Jahrhunderte in hohem Maße von dem Weltbilde der Um.welt, der christlichen wieder islamischen, beeinflußt worden ist. Daraus ergibt sich für den jüdischen Geschichtsschreiber die Forderung nach Aufgeschlossenheit für die Geistesverfassung der Wirtsvölker. Das aber ist bisher allzu wenig erkannt worden. Von einer intimen Vertrautheit mit dem Geist des Christentums und des Islams aus fällt auf die „mittelalterlichen Martyrologien, Trauergcsänge, Viten, Chroniken, Sendschreiben, Responsen, Meniorbücher" unendlich viel Licht. Aus der jüdischen Volksliteratur, der lehrhaften wie der liturgischen, sind neue Aufschlüsse zu gewinnen, wenn sie in Beziehung zu den gleichartigen Erscheinungen des christlichen Schrifttums gebracht werden. Die im Mittelalter von Juden verfaßten „Toldot-Jeschu"-Bücher, Darstellungen über die Entstehung des Christentums, wie es sieh in jüdischen Köpfen spiegelte, sind bisher kaum geschichtlich ausgewertet worden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß durch solche Betrachtungsweise in das jüdische Geschichtswerk neues Leben hineingetragen würde. Wie das jüdische Volk mit einer Besonderheit in die Geschichte eingetreten ist, und im Laufe seiner Entwicklung diese Besonderheit zu immer größerer Festigkeit gebracht hat, so zeigt auch die jüdische Geschichte ihr eigenes Gepräge. In ihr sind nicht so sehr ilie Tatsachen das Wichtige, als vielmehr der Mensch, der sie erlebt. Ziel der jüdischen Geschichtsforschung muß daher sein, immer klarer das Wollen und das Denken des jüdischen Menschen in allen Jahrhunderten sichtbar w erden zu lassen. Es erfüllt mit Genugtuung zu sehen, daß gerade eben für das jüdische Altertum wertvolle geschichtliche Arbeiten veröffentlicht w oi den sind, die mit ausgezeichneter methodischer Schulung auch den Blick für diese Besonderheit der jüdischen Geschichte verbinden. Die Arbeiten von Bickermann über das Zeitalter der Makkabäer und von Glatzer über die tahuudische Zeit begnügen sich nicht damit, die Quellen zur Feststellung des objektiven Tatbestandes auszuwerten, sondern stellen darüber hinaus auch die inneren Wirkungen der Entwicklungen dar. Und auch ein Werk wie das von Hans Zucker, das Studien zur jüdischen Selbstverwaltung im Altertum behandelt, scheinbar eine ganz spezialisierte Frage, geht nicht an den Zusammenhängen zwischen dem äußeren Ablauf und seinem Einfluß auf die seelische Haltung der Zeit vorüber. Ihre Forschungen kommen zu neuen bedeutsamen Folgerungen. Davon wird ZU sprechen sein. Toranzeige: Sonntag, den 6. Februar 1938: Ffiiii<l«amiiiliiiig I