Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 51/52 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968806-5969572--5741-4882800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
11. Jahrgang - Nr. 51/52 Auflage 3700 Stflck 1/9 r rs fr 19. Dezember 1035 ^mmmfäm^m^^ DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU Der Schammes. LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Eine Chanukkabetrachtung von Dr. Martha Wertheimer, Frankfurt a. M. Ich habe es nie vergessen, Jahr um Jahr kam die Begegnung mit der gleichen Trauer, das gleiche Suchen nach dem Sinn zu mir, und wenn ich mich hineindenke und wissen möchte, wann jener Gedanke mir /um ersten Male widerfuhr, dann scheint es mir, daß ich noch sehr klein gewesen sein muß, daß mein Kindergesichtchen noch nicht bis zur Höhe des Fensterbretts laugte, auf dem die alte Menorah meines Vaters stand und sich in den sehwar/en Scheiben spiegelte. Hoch über mir standen die goldenen LichterzUDgen, alle nebeneinander — nur der Schammes gehörte nicht dazu, war aus der Reihe gerückt, war nicht einer von den stolzen Kiindcrn der heldischen Erinnerungen und der immer erneuten Glaubenswunder — er stand demütig vor den andern und war nur ihr Diener. Jedes Jahr von neuein wurde mir das Kinderherz vor Mitleid schwer, daß der Schammes so allein und abgesondert vor den andern stand, aber ich hätte nie den Mut gefunden, von diesem Schauen und Träumen den Großen etwas zu sagen. Fs war eine Scham in meiner Schwermut und ein Trotz in meinem Wartun-l ragen. Wo es auch immer war, daß mir die Menorah brannte, die dunkle Khlderfrage kam zurück, sobald ich den kleinen, demütigen Schammes vor der festlichen Flainmeureihe stehen sah. Und heute — heute erfuhr ich die Antwort. | Heute nahm ich die Menorah vom Bücherbrett, auf dem sie das ganze Jahr über steht und auf ihre Bestimmung wartet; nahm sie in die Küche und rieh die Messingarme blank, putzte und bereitete den Leuchter mit seinen acht Armen für den ersten Abend des Entzündens vor. Den Schammes, der sich abnehmen läßt, hatte ich nebenhin gelegt, und als mein hausfrauliches Werk vollendet war, griff ich auch nach ihm und begann ihn chanukkalicli zu machen. Da war's wieder! Armer, kleiner Schammes ... Armer, kleiner Schammes? Dunkel und schwer stieg der uralte Erbschinerz, herauf. Armer, kleiner Schammes. Treten nicht auch wir aus der Reihe der andern, standen nicht auch unsere Väter und Urväter fern von der prunkenden Lebensgewißheil der Völker, unter denen Israel lebt? Zwang nicht das Schicksal immer von neuein Israel dies Los auf — nicht wie die andern zu sein, neben ihnen, außerhalb ihrer Bestimmungen zu stehen? Demütig vor den andern, ein Dienender? Da bekam der kleine Leuchterann in meiner Hand, der für die künftige Flamme des Entzündens bestimmt war, Gewicht und Glanz! Ja, vor den andern und ein Dienender! Bestimmt, zuerst die Flamme zu empfangen und sie dann, selbstlos und ohne eitle Sucht, weiterzureichen au die andern, damit sie im Lichte Gottes strahlen, wie er. Ausgesondert und dem Anderssein geweiht, empfing Israel die Flamme des Gesetzes, daß es sie weiterzünden muß, der Welt und den Reichen. Nicht für sich allein, nicht für sein Haupt nahm es die Krone — still und klar leuchtet es einzig um seines Dienstes willen, Schammes der Welt, wenn sie sich bereitet, dem Guten zu leuchten. Ehrfürchtig schob meine Hand den kleinen Leuchterarm an seinen Platz: vor den andern, nur ein Schammes, ausgezeichnet, ein Schammes zu sein ... Wenn du die Chanukkaflamme auf deinem Haupte tragen wirst, zu deinem erkorenen Dienst, will ich wieder vor dir sitzen, wie ein fragendes Kind, und mir von dir die Antwort bringen lassen, Antwort in die Sorgeufragen dieser Zeit und in die Forderungsfragen all unserer Zukunft. Dienst und Dienst und Dienst. Pflicht und Pflicht und Pflicht. All unsere Gebete, all unser Leben ist schwer und süß davon. Um dich, Schammes au der Menorah, klingt Erinnerungslied und Bekenntnis der Wunder, die Gott an unseren Vätern getan hat „in jenen Tagen, um diese Zeit". Sprich auch zu uns von dem höchsten Ruhm, den unser Lehrer Möschen von Gott empfing: ein „Ewed neemon" zu sein. Lehre uns dienen, kleiner Flammenbringer, lehre uns den Sinn unseres Dienstes in der Welt! Die Chanukka-Menorah Eine der schönsten Folgeerscheinungen der sich mehr und mehr ausbreitenden religiösen Erneuerung ist die Wiedergewinnung der Chanukkafeier, Lange Zeit hatte sie keine Bedeutung im jüdischen Hause, um mm um so herzlicher und inniger wieder aufgenommen zu sein. Es gibt wohl wenige jüdische Häuser, in denen nicht 'heben dem Sabbatleuchter, dem Kidduseh-Beeher, auch der Chauukka- Leuchter zum gern gepflegten und benützten Kultgerät geworden ist. In neuerer Zeit sind in den Arbeiten der Forscher Untersuchungen über den Werdegang und die Sinngebung des Kultgerätes mehr und mehr in den Vordergrund getreten und haben zu ungemein bedeutungsvollen Feststellungen geführt. Das gilt ganz besonders auch für die Menorah des Chanukkafcstcs. Durch Sammlung des Materials ist deutlich geworden, welch eine Fülle mannigfaltiger Formen in den verschiedenen Jahrhunderten und den verschiedenen Ländern die Menorah erhalten hat. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Menorah des Chanukkafestes in engster Anlehnung au die Menorah des Tempels entstanden ist. Diese Anknüpfung war ja durch die Tatsache gegeben, daß die Feier der Makkabäer-Siege äußeren Ausdruck in dem Entzünden der l ichter gefunden hat: das Wunder des Öls war ja bei der Entzündung des TempeUeuchter8 in Erscheinung getreten, mit der die Wiederweihe des Heiligtums vollzogen wurde. So liegt es in der Natur der Dinge, daß die Menorah überhaupt im ausgehenden jüdischen Altertum symbolische Bedeutung gewann. Äußerst interessante Untersuchungen über die Entstehung und den Ursinn des Leuchtersymbols finden wir in dem kürzlich erschienenen überaus aufschlußreichen und tiefschürfenden Werke von Rahel Wischnitzer- Bernstein „Gestalten und Symbole der jüdischen Kunst". Wir ent- Morgen, Sonntag, den 22. Dez. Pfundsammlung. Spendet reichlich!