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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-10-18 · 42 (18.10.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
42 (18.10.1935)
Date
1935-10-18
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 18. Oktober 1935 Helfer und Helferinnen für die jud. Winterhilfe. Zur Durchführung der jüdischen Winterhilfe brauchen wir zahlreiche ehrenamtliche Helfer und Helferinnen. Gemeindemitglieder, die bereit sind, sich an diesem Werke der Nächstenliebe zu beteiligen, werden gebeten, sich schriftlich bei l!n (Mlif! /WI'IIMHiMll "'Pl'f 7M \f-i< Leipzig, den 15. Oktober 1935. Wohlfahrtsamt der israelitischen Religionsgemeindc zu Leipzig. Auswanderung, Ein, vielleicht das Wichtigste Problem, das das Sinnen und Denken der Juden in Deutschland in diesen Wochen beschäftigt, wurde zum Thema des ersten Gemeindeabends gewählt, den die jüdische Gemeinde Berlin in diesem Winter veranstaltete: Die Frage der Auswanderung. Die mehr als 2000 Plätze bietende Synagoge Fasanen- Straße war bis auf den letzten Platz gefüllt. Seit Tagen waren die Einlaßkarten zu der Veranstaltung vergriffen. Der Vorsitzende des (lemeindevorstandes, Direktor Heinrich Stahl, betonte in seinein einleitenden Referat die Bedeutung des Themas: F reier Wille und die Macht der Umstände hellen die Juden in Deutschland immer stärker Ihre Gedanken darauf richten, die jüdische Zukunft selbst zu gestalten. Direktor Stahl gab sodann einen überblick über die Gruppen und Schichten der jüdischen Bevölkerung, die von dem Auswanderungsprobleiu berührt sind. I:r sprach von dem Alter und von der Schmerzlichkeit, die wir mitfühlen, wenn EHern und Kinder voneinander getrennt werden. Abci das Lebensgiuck der Kinder hat den Vorrang. Und nur wenige Alte erfreuen sich des Vorzuges, dal! ihre Mittel hinreichen, um gemeinsam mit den Kindern ganz gleich wo neu zu siedeln. Und selbst wenn die Mittel da wären, bedeutet es oft genug eine Verkürzung des Lebens, wenn die Gewohnheiten greiser Menschen durch einen jähen Wechsel gewandelt werden. So sehr wir es begrüben, wenn die Generationen miteinander vereint bleiben, ebenso stark werden wir daran arbeiten müssen, daß in noch gesteigertem Umfange den in höheren Lebensjahren Stehenden ein friedliches Asyl hier beschieden sei und eine Zuflucht und ein Heim offenstehen. Wir grüßen mit schweigender Bewunderung, so fuhr Direktor Stahl fort, unsere Chaluzim, unsere Scharen, die übers Meer gezogen sind und im Schweiße ihres Angesichts Erez Israel aufbauen, dort ringen und arbeiten. Die Gemeinde will mit aller verbliebener Kraft alles tun, um die Vorbereitung uuseiei Jugend so intensiv zu fördern, daß hoffentlich in immer steigendem Mabe junge Juden für Erez Israel vorbereitet werden und dort ihre Heimat finden. Wir werden dazu den Sinn und die Vorbedingung einer körperlichen Ertüchtigung schaffen müssen. Wir werden eine gediegene landwirtschaftliche Schulung, deren Anfänge schon vorhanden sind und in aller Stärke die Erweckung eines jüdischen Bewußtseins anstreben. Wir werden unsere Jugend führen, damit sie eindringe in den Geist der hebräischen Sprache. Vor allem aber wird es Aufgabe sein, eine judische Gesinnung zu erzeugen, die uns das Vertrauen gibt, daß unsere Chaluzim unsere Pioniere sind. Direktor Stahl schilderte weiter die Nöte und Sorgen der Menschen der mittleren Jahre, die er warnte, nicht blindlings hinauszuziehen, sondern wohl beraten und vorbereitet. Nicht alle Menschen der genannten Kategorie könnten gleichzeitig ihren bisherigen Wohnsitz, verlassen. Selbst wenn grobe Begünstigungen uns winkten, wäre es technisch ganz unmöglich, so viele Menschen sofort in Bewegung zu setzen. Sc werden also viele hierbleiben müssen und unverzweifelt zu arbeiten haben und die Kraft der Geduld an sich erproben müssen. Ein jeder von uns, ob er bleiben muh oder gehen kann, bewahre Ruhe, l assung und mannhaften Sinn! Direktor Stahl schloß, indem er an den Sinn des Hüttenfestes erinnerte: Wie unsere Ahnen vierzig Jahre in schwanken Zelten wohnten und gerade in der Wüste- Gottes besonderen Schutz genossen, so wollen auch wir vertrauen, dali der Jude, dessen Schicksal bisher das Unterwegs w.u. -.eine Ruhe, seinen f rieden, seine Heimat finde. Dr. Mark Weschnitz er, der Geschäftsführer des Hilfswreins der Juden in Deutschland, skizzierte die Umstände, bei den drei Massenwanderungen innerhalb der letzten 500 Jahre: 1492 l>7 die Wanderung der Juden der pyrenäischen Halbinsel, 1SS1 82 die Wan- Unsere Gemeindemitglieder, die die Winterhilfe in Anspruch nehmen wollen, werden im Auftrag der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Abt. Zentralwohlfahrtsstelle, durch uns betreut. Oesuchsteller haben sich im Wohlfahrtsamt der Israelitischen Religionsgemeinde zu I ~ l --:— O - :. < o, ■ r\ r~ « r » — -•y---f, , 1 , VV UIIV.I - UIUIIILI-Jll . IU LlUg., III IUIgenuer Kementoige einzufinden. Gesuchsteller, deren Familienname beginnt mit: A bis F am nächsten Montag von 4—6 Uhr nachmittags, F bis K „ „ Dienstag „ 4-6 „ „ L bis R „ „ Mittwoch „ 4- 6 „ „ S bis Z „ „ Donnerstag 4—6 „ „ Die Anträge können nur dann berücksichtigt werden, wenn sie rechtzeitig zu den angegebenen Zeiten gestellt werden. Unterstützungsempfänger haben Stempelkarte oder Fürsorgeaubweis vorzulegen. Andere Gesuchsteller müssen Ausweise und Nachweise über ihr Einkommen mitbringen. Wohlfahrtsamt der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. derung der russischen Juden, seit 1933 das Auswanderungsprobleiu bei den Juden in Deutschland. Heute ist aber das Weltwirtschaftsbild anders als vor fünfzig oder fünfhundert Jahren. Wenn auch Palästina heute bei der jüdischen Wanderung eine andere Rolle spielt als zu damaliger Zeit, so kann es doch den Drang zur Massenwanderung nicht allein befri« digen. Wir müssen nach anderen Ländern Umschau halten. Das Problem ist auch nicht in Europa zu lösen, wenn wir auch alle Möglichkeiten in dieser Hinsicht ausnutzen. Wir müssen unseren Blick nach Ubersee richten. Dr. Wischnitzer gab sodann einen Oberblick über die Auswan derungsmöglichkeiten nach Kanada, nach den Vereinigten Staaten, die jeden einzelnen f all genau prüfen, nach Mexiko und den mitte! amerikanischen Ländern, bei denen insbesondere das Klima über die Einwanderung entscheide. Hier sei auch zum Teil nur eine Einwanderung-auf Anforderung von Verwandten möglich oder es sei ein bestimmtes Kapital erforderlich. Er berührte die Einwanderungsbedingungen in Afrika und Asien und gab eine Übersieht über die auswanderungsfähigen Berufe. Es stimme nicht, dali eine Auswanderung nur nach Palästina zurzeit möglich sei. Die Möglichkeiten für eine Auswanderung sind nicht allzu pessimistisch zu betrachten, wenn man die bisher erfolgte Auswanderung von Juden aus Deutschland nach Obersee berücksichtige. Dr. Wischnitzer schätzt die Zahl der nach den Vereinigten Staaten bis zum September 1935 Ausgewanderten auf 9—10000; mindestens 2000 sind nach der südafrikanischen Union gegangen, 3 4000 nach Brasilien, 1000 1500 nach Argentinien, 51K) nach Chile, alles in allein nach etwa 40 überseeischen Ländern 18—19000 Mensehen. Die Zahl könne auch an 24 23000 heranreichen. Damit sind 10000 Juden jährlich aus Deutschland, abgesehen von den nach Palästina gegangenen, nach Ubersee gewandert. Etwa 5000 werden in Europa Fuß gefallt haben. Dr. Wischiiilzer gab weiter einen umfassenden Oberblick über die Tätigkeit des Hilfs* Vereins, der durch die Unterstützung von HICEM und anderer maßgebender Organisationen, durch Korrespondenten in allen Lindl rn in der Lage ist, unentbehrliche Arbeit zu leisten. Lr werde diese Arbeit verstärken. Dr. Wischnitzer warnte vor irreführenden Projekten, die in Massenversammlungen propagiert werden, Insbesondere vor dem Ekuador-Projekt. Irr verlas einen Auszug aus einen Brief eines in (hiayaquil niedergelassenen jüdischen Arztes au» Deutschland, der vor den klimatischen und anderen Gefahren warnt. Auch in bezug auf Angola sind unrichtige Vorstellungen vorhanden. Jüdische Winterhilfe. Es ist Pflicht unserer sämtlichen männlichen erwerbslosen Unterstützungsempfänger, einen Teil ihrer Zeit dem Winterhilfswerk zur Verfügung zu stellen. Meldungen haben am Dienstag, den 22. Oktober 1935, vormittags zwischen 10-11 Uhr, im. Wohlfahrtsamt r??f israelitischen Religionsgemeinde zu 'Leipzig, Walter- Blümel-Straße 10, zu erfolgen.

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