Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 41 (11.10.1935)
- Date
- 1935-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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11. Jahrgang - Nr. 41 Auflage 3800 Stack 11. Oktober 1935 111111 W>M^m^^^^^f!^^§WM[^MWr DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT D.ER GEMEINDEVERWALTUNG Altjüdische Volksfeste Zum S u k k o t Ii feste. In der Zerstreuung der Juden über alle Länder der Welt liegt es begründet, daß die religiösen Feste, wenn sie sieh auch durch alle Jahrhunderte hindurch erhalten haben, doch manches von ihrer ursprünglichen Bedeutung infolge der Entfernung vom jüdischen boden einbüßen mußten. Die drei Wallfahrtsfeste waren ja so eng mit dem Leben der Juden im eigenen Lande, der Arbeit am eigenen Boden verknüpft: Pessach das Fest der Ährenreife, Schawuoth, das Fest des Erntebeginns und Sukkoth, das Erntedankfest. Immerhin ließen sich mit den Festen zu den unveränderlich gebliebenen geschichtlichen Bedeutungen auch der Jahreszeit entsprechende Anknüpfungen finden: Pessach wird als Frühlingsfest und Schawuoth als Fest des grünenden Sommers begangen, der Erntedank konnte immer auch außerhalb Palästinas im Sukkothfeste gefeiert werden. Und daneben wurde auch, teils durch den Festbrauch, teils durch das Festgebei, die Erinnerung an die einstige jahreszeitliche Bedeutung der Feste bewahrt. Weit geringere Lebensfähigkeit konnte den altjüdischen Volkstesten innewohnen. Sie hafteten naturgemäß nicht nur aufs engste, «indem unlöslich am Boden. Die ganze spontane Ursprünglichkeit mußten sie einbüßen, sobald das Volkstum nicht mehr seine Äußerungen unbehindert ausleben konnte. So kam es, daß von ihnen kaum noch eine deutliche Vorstellung gewahrt blieb, ja vielfach nur eine ganz leise Erinnerung auf sie hinweist. Und doch müssen diese Volksfeste Höhepunkte jüdischer Freude gewesen sein. So lautet ein altes Urteil über das mit dem I nubliiiitenfest verknüpfte ..l est des \\asserschöpfens": „Wer nicht die Freude des Festes beim Wasserschöpfen erlebt hat, hat keine wahre Freude erlebt." Und ähnlich wird das „Fest der Holzspende" am 15. Aw als einer der fröhlichsten Festtage bezeichnet. So tief waren diese Volksfeste im Leben der Juden zur Zeit des 'weiten Tempels verankert, daß es als ein Angriff auf das Votks- Hirn empfunden wurde, als zur Zeit des Alexander Jannäus (103—76 v. u. Z.) der den Saddu/äern ergebene König ihre Feier verächtlich machte. Das Wa s s e r s c h ö p f f e s t bildete -.ich im Anschluß an das 1 isseropfer heraus, das am /weiten Tage des Laubhüttenfestes mi Heiligtume dargebracht wurde. Über den Verlauf dieses Guß- 'ipiers wird in der Mischna (Sukka I,')) beliebtet: „Man füllte ein j Lug fassendes goldenes Gefäß [mit Wasser] aus dem Siloa, [um dies in den Tempel zu bringen]. Als mau zum Wassertore herankam, *urde in die Posaune gestoßen, getrillert und gestoßen, Sodann stieg [der Priester] auf die [Altar-] Rampe und wandte sieh links. Da Waren zwei silberne Schalen...; diese harten je einen Spalt in der Form zweier feiner Schnäbel, die eine eine breitere und die andere *tae schmälere, damit beide gleichzeitig sich entleeren, die westliche Ittl das Wasser und die östliche für den Wein . . ." Diese Opferhandlung geschah in der Jahreszeit, in der alle Gedanken des jüdischen Bauern von der Hoffnung erfüllt waren, daß Jie bevorstehende Regenzeit eine reichliche Befruchtung des Bodens Für die neue Aussaat bringe und die kommende Arbeit am Boden mit göttlichem Segen belohnt werde. So ist es begreiflich, daß das Volk dieser Hoffnung volkstümlichen Ausdruck verlieh und den feierlichen Akt des Wasserholens am Quell des Siloa zu einem jubelnden Festtag ausgestaltete. „In der Nacht des I. Festtages war der Frauenvorhof des Tempels so hell erleuchtet, daß die ganze Stadt wie von einem Ftuermcer erglänzte, und die Nacht war zum Tage erhellt. Alles Volk drängte sich z.uni Tempelberge, um dem Schauspiele beizuwohnen oder sich daran zu beteiligen. Die ernstesten Personen ließen sich herbei, Belustigungen zum besten zu geben und Fackeltänze aufzuführen. Die Lust wechselte mit feierlichen Psalmen ab, und die Leviten begleiteten die Gesänge mit Zithern, Harfen, Handpauken, Trompeten und anderen tauschenden Instrumenten. Dieses Freudengetöse dauerte die ganze Nacht, und niemand dachte an den Schlaf. Mit Tagesanbruch gaben die Priester mit den Posaunen das Zeichen zum Beginne des Wasserschöpfens. Bei jedem Haltepunkt ertönte Posaunenschall, bis das ganze Volk an dem Quell Siloa angelangt war." Wenn Alexander Jannäus, der gleichzeitig Hohepriester war, nach mit so glänzendem Fest verbundener Vorbereitung das Gußopfer, statt es auf den Altar zu gießen, verächtlich zu Boden warf, und dies, nachdem das Volk überzeugt sein mußte, daß es sich nicht etwa um ein Mißgeschick, sondern um eine bewußte Herabsetzung vor den Augen des Volkes handelte, so kann man den Zorn des noch ganz unter dem Eindrucke der jubelnden Feier stehenden Volkes ermessen: Tausende der Etrogim, die die frommen Wallfahrer in den Händen hielten, wurden auf den König geworfen. Einen langjährigen Bürgerkrieg harte dieser Vorgang zur Folge. Er fand erst den endgültigen Abschluß nach dem Tode des Königs, als seine Gemahlin, Salome Alexandra, zur Herstellung des Friedens im Volke den Forderungen der Pharisäer entgegenkam. Es handelte sich bei diesem Streit um einen Kampf gegen die Entwicklung des jüdischen Brauchtums, wie sie von den Pharisäern anerkannt und gepflegt wurde, im Gegensatz zu den Saddu/äern, die das Wassergußopfer, wie überhaupt jede andere nicht in der Thora vorgeschriebene, im Volk aber gestaltete Form als unzulässig bekämpften. Aus dem gleichen (Irunde wurde von den Sadduzäern auch das andere, groß gefeierte jüdische Volksfest abgelehnt: das Holzfest. Uber das Entstehen dieses Festes wird im Talmud (Taauith 28a) berichtet: „Als die Verbannten aus Babylonien zurückkehrten, fanden sie kein Holz in dei Kammer [zur Unterhaltung des Altarfeuers| vor; da kamen die Zurückgekehrten und spendeten von ihrem |llolze|. Die Propheten, die unter ihnen waren, ordneten dann an: Selbst wenn die Kammer voll Holz ist, müssen [die Zurückgekehrten] von ihrem |llolze| spenden; denn es heißt (Neil. 1(),'J5): ,Und vir, die Priester, die Leviten und das Volk, warfen das Los wegen der Holzspendung, daß wii es jahraus jahrein familienweise zur festgesetzten Zeit für den Tempel unseres Gottes liefern wollten, damit es ,iiif dem Altar des Herrn unseres Gottes brenne, wie es im desetz vorgeschrieben ist'." Der Brauch, das Holz für den Altar zu spenden, ist dann zu einer festen Übung für die Juden der Zeit des zweiten Tempels geworden. Für die Ablieferung setzte man den