Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 52 (23.12.1937)
- Date
- 1937-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492399-6492404-5990801--155-4882704- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
\u TUN6 DER1SRAELIT1SCHEN RELIG10NS6EME1NDEZU LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS FURYOlKSAUFKlÄRuNG UND PR0PA6ANDABETR.QBERWACHUNG DER GEISTIG UND KUUU RELL TÄTIGEN JUDEN IM DEUMEN REICHSGEBIET 25. uUbMbtR 1937 /19. TEWETH 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 52 Eise Cohn: Dichterisches Schaffen in der Problematik der Zeit. .Zum Vor zwölf Jahren schrieb Ernst Lissatier in einer Studie eigenen Schiffen": „Ich bin fast 43 Jahre alt, und dürftig erscheint mir die Lebensfrist, um alles das auszuführen, was sich vor dem wollenden, befehlenden, hoffenden Blick eröffnet." Seinem Schaffen hat nunmehr mit 55 Jahren der Tod ein Lude gesetzt, und es bleibt ein Ungelöstes Ritset, welchen Weg seine weitere Entwicklung gegangen wäre. Er, der typische Vertreter des bewußten jüdischen Assimilationsizedankeiis — sein Idealismus und seine Begeisterung galten den Idealen seiner Umwelt - hätten einen weiten Weg gehen müssen, um zu einem „jüdischen*' Dichter in der letzten Bedeutung dieses Wortes zu werden. Betreten hat er diesen Weg seit Jahren schon. Sein Schicksal, sein Werdegang, die Tragik seines Lebens machten ihn zum typischen Vertreter einer ganzen Schicht jüdischer Menschen, die gleich ihm Produkt ihres Milieus und der Zeitanschauung, die auf sie wirkte, waren. Der Schicksalsweg der vielen Unbekannten vollzieht sich in der Stille, der des anerkannten Literaten zeigt sich mit allen Wandlungen und Diffcmizicruiigcn der Öffentlichkeit. Ernst Lissauer stammt aus einer alteingesessenen Berliner I amilie. Schon sein Großvater war Stadtverordneter, sein Vater Komluerzienrat, Stadtverordneter, Handelsrichter. Er hatte an Ansehen alles erreicht, was einem Vertreter des Bürgertums verliehen werden kann. Wie so häufig in diesem erfolgreichen Kreise, der weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich eine Schranke sah, zeigte sich ein Icidensvlutftliches Sehnen, in der Umwelt aufzugehen. In dieser Atmosphäre wuchs Ernst Lissauer auf. Mit 15 Jahren wollte ihn sein Vater zur Taufe führen. Dies seheiterte an der Ablehnung des Knaben, der auch als Mann dieser Versuchung widerstand. Er wollte Jude bleiben, aber gleichzeitig ein deutscher Dichter sein, eine Synthese, die unter damaliger Zeitanseliauung weiten Kreisen möglich schien. Stark und gewaltig wie ein heißer Quell brach die Liebe zur Umwelt aus seinem Wesen hervor, aber ganz versiegt war auch der jüdische Quell in seinem Innern niemals. Er hat selbst viele Jahre vor dem polnischen Umbruch geäußert: „Alttestamentarische Stoffe beschäftigen mich immer mehr und mehr, und ich halte es für möglich, daß sieh das jüdische Element in meinem Wesen in ihnen kundgeben mag.'' Jüdisches Schrifttum, vor allem die Bibel, wurden ihm EU Stoffqucllcu. Eine kleine Legendcnsammlunix, „Die drei Tafeln", die eine Noah- und Moseslegende enthält, ist schon vor Jahren veröffentlicht worden, das große dramatische Mysterium ..Der Weg des ii wältigen", ein Moscsdiama, ist unvollendet geblieben, sein Drama „Das Weib des Jephta" kam wiederholt zur Aufführung. Gerade diese Dichtungen bewiesen wohl seine Hinneigung zum Jüdischen, aber sie zeigen gleichzeitig, daß die jüdische Stoffwahl allein noch keine jüdische Dichtung ergibt. Es ist interessant zu beobachten, wie sichtbar selbst diese jüdischen Gestalten die von deutscher Wesensart so stark beeindruckte Auffassung ihres Dichters tragen. Der Grundtoii der Lissauerschen Werke ist die Bewunderung füi preußisches Wesen, in welchem er ein „Ethos des Dienstes" sah. So schildert er immer wieder in vielen Variationen Menschen, die in widerspruchslosem Gehorsam einem Dienste hingegeben sind, Menschen der tragischen Pflichterfüllung, die um einer Sache willen ihr Eigenleben auslöschen können. So haben alle seine Gestalten, gleichviel, ob sie die Uniform des Generalfeldmarschalls York tragen oder des Eckermann, des treuergebenen Ereundes Goethes, oder das biblische Gewand des Mose od«'r des Jephta die gleiche geistige Haltung, die gleiche Tragik der eisernen, überpersönlichen Pflichterfüllung. Seine großen literarischen Erfolge verdankt Lissauer seiner zarten Lyrik, den Zyklen über Bach und Bruckner, dem Zyklus „1813", dem Drama „Luther und Thomas Münzer", das zur Jubelfeier der Augsburgischen Konfession 1930 aufgeführt wurde. Man kann von Lissauer nicht sprechen, ohne des Haßgesangs auf England zu gedenken, den er in der ekstatischen Stimmung der Kricgsjaiire verlaßt hatte. Er hat diesen Haßgesang tief bereut, der sein ganzes ferneres Wirken umschattet hat. In Lissaucrs literarischer Leistung nehmen auch seine feinsinnigen Kritiken einen weiten Kaum ein. Er war nicht nur verständnisvoller Kritiker anderer, sondern auch sich selbst gegenüber ein Dichter von subtilstem menschlichen und künstlerischen Gewissen. Es entspräche nicht dem Wesen Lissauers, der immer wieder in „Selbstkontrolle" und „Selbstbelrachtung" sich überprüfte, sich Rechenschaft gab über alles w«is sein Schaffen beeindruckte und beeinflußte, wenn die aufwühlenden Erlebnisse der letzten Jahre, die einen Zusammenbruch seiner Weltanschauung bedeuteten, nicht auch einen inneren Wandet vollzogen hätten, so daß der andere Quell seines Lebens, der jüdische, breiter und stärker geflossen wäre. Sein Mund ist nun verschlossen, das Rätsel seiner weiteren Entwicklung hleibt ungelöst. Vcrtragspian des Jüdischen Lehrhauses für die Zeit vom Januar bis April 1938. Vortragsreihe A: Der Peel-Bericht und Erez Israel. E röff n ti n gs Vortrag von Dr. Robert We 11s c h - Berlin: Der Peel-Bericht (Dienstag, den 11. Januar 1958, 20,15 Uhr im Kulturbundsaal). a) Gemeinderabbiner Gustav Cohn: Erez Israel in entscheidenden Momenten der Geschichte. (Dienstag, den 1938, 20.15 Uhr); Braude: Die geistige Umwelt Palästinas den 25. Januar 1038, 20.15 Uhr); Dr. Joel: Die Geographie Palästinas (Die.isb) c) 18. Januar Dr. Jacob (Dienstag, Stud.-Ass. ta: 1. Februar 1938, 20.15 Uhr); d) Gemeinderabbiner Dr. David Ochs: Erziehung und religiöses Leben in Palästina. (Mitte Februar, genaue Zeit wird noch bekanntgegeben). Di« Vorträge a d finden im Saale des Sozialamts, Humboldtstr. 13, statt. Vortragsreihe B: Fortschritte der Naturwissenschaft und Technik in den letzten fünfzig Jahren. Eröffnungs Vortrag von Prof. Dr. Kisch-Köln: Das Verhältnis des Judentums zur Natur. (Dienstag, den 15. Februar 1938, 20.15 Uhr, im Kulturbundsaal). a) Dr. Fritz Wartenberg: Physik und Technik (Dienstag, den 22. lebrnar 1938, 20.15 Uhr); b) Dr. Fritz. Luft: Die moderne Chemie und physikalische Chemie (Dienstag, den 1. März 1938, 20.15 Uhr); c) Dr. Eduard Blumberg: Biologie und Medizin (Dienstag, den 8. März 1938, 20.15 Uhr). 1 Me Vorträge a c finden im Saale des Sozialamts, Humboldtstr. 13, statt. Vortragsreihe C: Jüdische Kunst. Eröffnungsvortrag von Dr. Julius Bab-Berlin: Der Widerhall der Bibel in der europäischen Dichtung. (Dienstag, den 15. März 1938, 20.15 Uhr, im Kulturbundsaal). a) Dr. Sally Rabinowitz. und Frau Rabinowitz: Moderne jüdische Musik (2 Abende) (Dienstag, den 22. und 29. März, 20.15 Uhr, im Felix-Goldmann-Heim, Elsterstr. 7); b) Syndikus Kurt Sabatzky: Der jüdische Schauspieler (Dienstag, den 5. April 1938, 20.15 Uhr); c) Dr. D. Kuritzkes: Die Juden in der modernen bildenden Kunst (Dienstag, den 12. April 1938, 20.15 Uhr). Die Vorträge b und c finden im Saale des Sozialamts, Humboldtstraße 13, statt. Bezüglich der Teilnahmebedingungen sei auf die Veröffentlichung in der letzten Woche verwiesen. Anmeldefrist für die Vortragsreihe A bis einschließlich Dienstag, 4. Januar, schriftlich an die Israel. Religionsgemeinde (Jüd. Lehrhaus). Walter-Blümel-Str. 101. Hörergeid RM. 1.50, Mitglieder von Jugendbimdeii RM. 0.75, Erwerbslose RM. 0.50. Der 1> i e n k t a g gehört dem Jüdischen Lehrhaus!