Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 49 (3.12.1937)
- Date
- 1937-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Er war ein Mann vielseitiger, jüdischer Arbeit, die von großen Gesichtspunkten beherrscht war, auch das Kleinste beachtete, und keine Mühe und persönlichen Opfer scheute. Ein wichtiges Mittel, in die Tiefe und weite zu wirken, war seine meisterliche Beherrschung des Wortes, des hebräischen, deutschen und italienischen. Wer immer das Glück hatte, inm zu lauscheu, sei es dem Prediger auf der Kanzel oder dem Vortragenden im Lehrsaal, oder dem Redner auf der Tribüne, erkannte bald, daß dort ein Mann sprach, der treu zu seinem Worte stand, dieses aus den Tiefen des Widers schöpfte und in den Dienst höchster Ideale stellte. Wir müssen daher der Familie dankbar sein, daß sie durch Bereitstellung des Chajesschen Nachlasses an einen seiner Verehrer (Dr. Rosenthal), diesen in den Stand setzte, eine Auswahl von „Reden und Vorträgen" zunächst in zwei Teilen zu veröffentlichen. Während die erste Sammlung (Wien 1933) nur diesen Titel führt, die übrigens mit mehreren Porträts von P. Z. Chajes geschmückt ist, führt die 2. (Wien 1935) den Titel: Im heroischen Zeitalter. Sie ist es vornehmlich, die uns die Persönlichkeit Chajes' auf der Höhe seines Wirkens zeigt. Sie enthält vieles, was heute wie ein Vermächtnis des zu früh von uns gegangenen Meisters klingt und volie Beherzigung verdient. Was versteht Chajes unter dem heroischen Zeitalter? Kein anderes, als unser eignes, sofern es den Aufbau Palästinas und die geistige Wiedergeburt des Judentums zu seinem Inhalt hat. Die Träger dieses Zeitalters sind keineswegs die Chaluzim im engeren Sinne allein, sondern alle, die sich bewußt in den Dienst eines Neuanfangs auf historischer Grundlage in höherer Ebene gestellt haben. Ihre Stimmung, ihr Wille, ihr Einsatz der Persönlichkeit für Gemeinschaft und Zukunft — das macht die heroische Stufe aus. Es ist klar, daß nicht alle Heroen sein wollen und können; das waren sie auch nicht im antiken Zeitalter. Aber die wenigen drücken trotzdem unserer jüdischen Epoche das Siegel auf. Wir begreifen von hier aus viele Unvollkommenheiten, Härten, Niederlagen; wir dürfen aber auch gemäß dem Einsatz letzter Kräfte auf ein Gelingen des großen Werkes hoffen, dem das heroische Zeitalter unter Mühen und Schmerzen den Weg bereitet. Wenn Chajes die Dinge in diesem Lichte sah, so deshalb, weil etwas Heroisches in ihm selber lebte. Als er vor den Vertrauensmännern der jüdischen Kultusgemeinde Wien (im Jahre 1917) sein Programm entwickelte, wies er darauf hin, daß er niemals einen möglichst bequemen, stets einen schwierigen, verantwortungsvollen Posten begehrt habe. So in Florenz, wo er junge Leute mit Kenntnissen, aber auch mit Mut und Energie für die erschlafften, italienischen Geineinden auszurüsten hatte; so in Triest, wo das religiöse Leben darniederlag, er aber die Intelligenz und besonders die Jugendlichen, die das Gotteshaus mieden, in den Vortragssaal zu bannen und für jüdische Ideen zu gewinnen wußte. Sein Programm für den Wiener Posten klang darin aus, daß er die Gemeinde den alten, heiligen Judenstolz lehren wolle, den glaubenskräftigcn, wunder- Wirkenden, der das Geheimnis unserer im Leiden wie im Wirker, heroischen Geschichte sei. P. Z. Chajes waren nur zehn Jahre für seine Wirksamkeit als Wiener Oberrabbitier und Vertreter der österreichischen Judenheit in zionistischen und anderen kulturellen Gremien vergönnt. Seine Arbeit aber reichte über die alte und neue Welt; für den Zionismus war er zweimal in den Vereinigten Staaten tätig; in Erez durfte er u. a. der Einweihung der Hebräischen Universität Jerusalem anwohnen. Er sah den Zionismus von einer hohen Warte als eine Bewegung im Judentum, aber für die Menschheit und ihre höchsten sittlichen und religiösen Ziele. Er betrachtete die Aufgabe des Judentums so wenig für gelöst, daß er der Kulturwelt von unseren neuen Leistungen auf dem alten, historischen Boden große, unerwartete Beiträge in sichere Aussicht stellte. Beim Feste der Universitätsweihe auf dem Skopus hätte Israel nach langen Jahrhunderten die Völker wieder einmal zu sich zu Gaste gebeten. Es sei gewillt und fähig, vieles, was es unter den Völkern gelernt und in sich verarbeitet habe, in seinem Geiste neu zu formen und seiner Bestimmung gemäß zum Segen der Völker diesen zurückzusehenden. Einen ersten Beweis dafür nabe es durch die Wiederbelebung der hebräischen Sprache geliefert. Diese allein hat die neue Judenheit befähigt, in ihrer eigensten Kultur wieder heimisch zu werden, und ihr nach Jahrhunderten des Stillstands und der Enge neue Werte mit weitestem Horizonte zu schenken. Ein solcher Erfolg nach kaum vierzig Jahren überträfe selbst die Wiedergeburt des neuen Griechenland, dem der europäische Kulturkreis nach über hundert Jahren bis heute wenig Bedeutsames verdanke. Der klassische Besitz Israels sei für die Menschheit noch heute wichtig genug, um von diesem selbst im Geiste wieder empfangen und neu gestaltet zu werden. Sind etwa die zehn Gebote schon Gemeingut der Menschheit geworden? fragt Chajes; um es energisch in Abrede zu stellen. Am Beispiel des Propheten Jona zeigt er ein anderes Mal, wie vergeblich es ist, seinem göttlichen Auftrage zu entrinnen, daß dieser aber ein Auftrag der Liebe, des Erbarmens und der Erhaltung sei, weit über unsere Vorstellung hinaus. Wenn die Völker daher meinen, die Weitererhaltuiig des Judentums wäre überflüssig, weil sie ja unsere Bibel in alle Sprachen der Welt übertragen und über den ganzen Erdball verbreitet hätten, so übersehen sie, daß wir allein die Bibel Aufregung ist ungesundI Also regen Sie sich nicht auf, wenn unsere Sammler am 12. und 19. ds. Mts. etwa eine Stunde früher als sonst bei Ihnen vorsprechen. Ein großer Teil unserer Helfer muß aber an diesen Tagen ab 12 Uhr bereits wieder tätig sein. Wenn auch nur vereinzelt, so hören wir doch immer wieder von unseren Sammlern, daß es Leute geben soll, die noch nicht zu wissen scheinen, wie man einen Besuch aufzunehmen hat. Unsere ehrenamtlichen Helfer opfern für diese Restiche Stunden; auch bei schlechtestem Wetter scheuen sie die weitesten Wege nient, um jedem unserer Glaubensgenossen Gelegenheit zu geben, sich an unserem Werk zu beteiligen. Sollte es wirklich noch Leute geben, die so wenig Selbstbeherrschung und Anstand besitzen, daß sie ihren Arger über irgendwelche Dinge denjenigen spüren lassen, der seine Zeit jüdischen Interessen opfert? Man dürfte es nicht annehmen! Schon das Ansinnen an den Helfer zu stellen, seinen Besuch zu einer anderen Zeit vorzunehmen oder nochmals zu wiederholen, ist unhöflich, denn Sie stehlen dem Helfer Zeit, weil Sie auf eine ihrer gewohnten Bequemlichkeiten nicht verzichten wollen. Wer wirklich einmal keine Möglichkeit hat, unseren Sammler zu empfangen, übergebe seine Spende möglichst am vorhergehenden Tage der zuständigen Be/irksleiteriu, deren Namen aus dem von uns mit Gemeindeblatt vom 2. Okt. ds. Jhr. veröffentlichten Straßen Verzeichnis ersichtlich ist. Wie schon eingangs erwähnt, sind die vorgenannten Fälle nur vereinzelt und wir hören durch unsere Helfer auch von denjenigen, die unserer Arbeit besonderes Verständnis entgegenbringen, die ihre Besucher gebührend empfangen und darüber hinaus sich von ihnen bei einer Tasse Tee auch von ihrer Arbeit erzählen lassen. Habt herzlichen Dank! Die Zahl unserer Spender ist zurückgegangen. Die Zahl derjenigen, die wir zu betreuen haben, ist ungefähr dieselbe wie in der gleichen Zeit des vergangenen Jahres. Wir bitten Sie deshalb, reichlicher zu spenden, um es uns zu ermöglichen, unsere Betreuten in der gleichen Weise wie in den vergangenen Jahren zu bedenken. Jüdische Winterhilfe. j Voranzeige: Nächste Eintopfsammlung am 12. Dezember 1937.