Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 48 (26.11.1937)
- Date
- 1937-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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in MflNtraircunyiHATr ssuuihjuiiij iitwaawumEiiiiiEVEiiwAi^ neeiwnraHMEiwsi LEI PZI6 ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES R0CHSMIN1STERS raRVDUSAUFKDQSIMG UND PROPAGANDA BMERWACHÜ Nfi DER GEISTIG UND KUUURELLKTI6EN JUDEN IM IBEN REICHSGEBIET 26. NOVEMBER 1937 /22. KISLEW 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 48 Rabbiner Gustav Cohn: Die Tage des Trendels. ' Die acht Chanukkah-Tage haben den Charakter echter jüdischer Volksfesttage. Das Anzünden der Lichter wird aus den Syna-. gogen in die Familien übertragen und schafft damit häusliche Freudenstunden von besonderem Reize. Denn die Feier erschöpft sich nicht in der Erfüllung heiliger Übung: sie leitet vielmehr nur erst eigentlich ein, was diese Tage mit so viel Frohsinn ausstattet. Die häusliche Arbeit ruht, während die Lichter an der Menorah von dem Wunder berichten, das in der Wiedcrweihe des Tempels, in dem Siege der glaubensstarken und opfermutigen Makkabäer kund wurde. Die Stunde der Muße an diesen Tagen, an denen die Werklagsarbeit im übrigen nicht beschränkt ist, wird gerne ausgedehnt und zum Anlaß genommen, sich zu frohem Spiele zusammenzusetzen. Zwanglos findet die Freude dieser Tage ihren Ausdruck. Neben das heilig-freudige Chanukkah-Lied, Moaus zur, sind lustige Verse getreten, vielfach verschieden in Städten und Ländern. In manchen Gegenden weist auch der Speisezettel seine Chanukkah-Besonderheiten auf: im Rheinland kennt man für den ersten Abend stark mit Knoblauch gespicktes Schaffleisch; in Polen ißt man „Penizl", geröstetes und mit Knoblauch bestrichenes Brot; in Rußland wurde „Latkes" bereitet, das sind Flinsen aus Buchweizen mit Gänsefett und Honig oder aus Weizenmehl mit Hefe, eingemachten Früchten und Zucker; hie und da darf auch, vor allen: an Schabbath Chanukkah, die „Chanukkahgans" nicht fehlen. Am deutlichsten aber prägt sich der Frohsinn in den Spielen aus, die in jüdischer Eigenart sich entwickelt haben. Ihnen überlassen sich selbst die sonst nur ernstem Studium nachgehenden Gelehrten; um so begreiflicher, daß Ellern und Kinder zumSp elsich vereinigen. Schon im Mittelalter pflegte man das „Chanukkah-Kattowes", ein'Rätselspiel, das eine große Vertrautheit mit Bibel und Talmud voraussetzte und deshalb von den Lehrern der Jeschiwoth nur mit den vorgeschrittenen Schülern gepflegt wurde: es wird berichtet, daß der berühmte R. Israel isserlein, der im 15. Jahrhd. in Wiener Neustadt wirkte, sich mit seinen Schülern am Chanukkah bei diesem Spiele unterhielt Ein anderes Chanukkahspiel führt den Namen „Kwittlech": es ist eine Art Kartenspiel, doch nicht mit den allgemein üblichen Spielkarten, sondern mit eigens aus gewöhnlichem Karton ausgeschnittenen; mit den in hebräischen Buchstaben im Zahlt nwerte von!—25 versehenen Blättern, die nach bestimmten Regeln geschlagen werden. Am meisten, auch in Deutschland, ist aber das „Trendel" bekannt und beliebt, geradezu zum Sonderspiel, ja zum Symbol für Chanukkah geworden. Wie so oft hat bei diesem Spiel jüdischer Brauch etwas Fremdes übernommen, ihm aber eine so eigene jüdische Note gegeben, daß es heute geradezu als urjüdisch empfunden wird. Der Name weist deutlich auf den deutschen Ursprung hin: Trendel ist das deutsche Drehdel, Dradl, Dreidel, dieser durch tine oben und unten herausragende Mittelachse zu einem Kreisel estaltcte Würfel; dadurch aber, daß seine vier Flächen hebräische luchstaben zeigen, ist er zum jüdischen Spiel bestimmt worden. Diese vier Buchstaben Nun, Gimel, He und Schin bezeichnen wohl für das Spiel selbst Gewinn oder Einsatz. Das wäre nur eine Äußerlichkeit geblieben, hätte das Fremdartige nicht haben vergessen lassen, wenn man nicht einen tieferen jüdischen Sinn aus ihnen sprechen ließe: N(eß) G(adol) H(aja) Sch(am), ein großes Wunder hat *ich dort ereignet. Damit ist das Trendel zum Chanukkahspiel gestempelt und hat jeden Geschmack einer Nachahmung des Fremden verloren. Und auch der fromme Jude darf ohne Bedenken am Chanukkah das Trendel drehen. Diese Verwendung des Trendels ist auch von anderer Seite aus bedeutungsvoll. Das Würfelspiel wird im alten jüdischen Gesetz Scharf verworfen. Manche Forscher wollen das darauf zurückführen, daß die Würfel, mit denen im heidnischen Altertum gespielt wurde, 'Uf zwei Flächen die Bilder von Götzen zeigten; wer solche Würfel *arf, kam in eine Berührung mit Götzenkulten, die jüdischen Glautansanschauungen entgegenstand und demgemäß vom jüdischen Gebedingungslos abgelehnt werden mußte. Es trifft jedenfalls zu, daß schon im Altertum Ägypter und Inder das Würfelsniel kannten. *ohl über die Griechen gelangte es zu den juden. Das erhellt aus Bezeichnung des Würfelspiels im Hebräischen mit dem aus dem ler iK. *i Griechischen entlehnten kybeia. Es muß später als das Brettspiel bei den Juden aufgekommen sein; denn der Talmud bringt es zur Definition mit dem Namen der Sterne eines Brettspiels in Verbindung, die also geläufiger waren als die Würfel. Doch auch, wenn nicht die Gefahr einer Art Götterverehrung zur Ablehnung des Würfelspiels zwang, lag In seiner entsittlichenden Wirkung Anlaß genug, ihm mit aller Strenge zu begegnen. Der Würfelspieler wird, wie der Glücksspieler überhaupt, als Räuber verworfen, wenn er aus dem Spiel ein Gewerbe macht; er ist unfähig zur Ausübung einer richterlichen Funktion, ja selbst zur Zeugenschaft vor einem jüdischen Gericht. Die bedeutenden Gesetzeslehrer aller Jahrhunderte, um nur einige zu nennen, Maimonides, R. Mosche b. Jakob aus Coucy, R. Jehuda Arje di Modena, R. Josef Karo, haben immer wieder scharfe Worte gefunden, um darauf hinzuweisen, daß das Würfelspiel verabscheut werden muß, weil es mit der Bestimmung im Widerspruch steht, mitzuwirken an der Förderung der Kulturaufgaben. Dieser energische Kampf hat naturgemäß dazu geführt, daß der fromme Jude keine Verbindung mit dem Würfelspiel und dem Spieler kannte. Eine Ausnahme bilden nur die Chanukkah-Tage. (Auen das römische Gesetz, das das Würfelspiel verbietet, läßt es für die Tage der Saturnalien zu — übrigens ein Fest, das auch im Dezember, etwa um die Sonnenwende, begangen wurde.) Wohl ist auch das Trendelspicl ein Würfelspiel, aber in den froher Stimmung gewidmeten Stunden des Chanukkahfestes können die Bedenken fallen, der sittlich gefestigte Jude braucht nicht zu fürchten, daß diese seltene Abweichung von der Regel ihn ernsthaft gefährden, den verderblichen Spieltrieb in ihm verwurzeln könnte. Dagegen ist er um so mehr gefeit, als ja das Spiel seine Gedanken auch auf den jüdisch bedeutungsvollen Anlaß hinlenkt. Immer mehr trat die jüdische Uindeutung in den Vordergrund und ließ den Ursprung des Trendels als reines Würfelspiel vergessen. So sehr, daß im 19. Jahrhd. manche Vertreter des Chassidismus ihm kabbalistische Deutungen gaben. Seine hebräischen Buchstaben N G H Sch stellt man um zu dem in der Schabbathvorlesung am Chanukkah begegnenden Wort G(o)SchN(a)H. (I. B. M. 46,. 28.) Das Wort wird mystisch gedeutet: Gimel weist auf das Körperliche (Gufni), Schin auf das Geistige (Sichli), Nun auf das Seelische (Nafschii) und He auf Ha« AI! (Hakol). Körperliches, Geistiges und Seelisches erscheint beim Trendel im Alleinen vereint und geläutert, und zwar als Ideal und Symbol des Moschiach; denn Goschnah entspricht im Zahlenwert dem Moschiach (der Zahlenwert ist bei beiden Worten der gleiche: ü 3, Sch 300, N 50, H 5, also 358; M 40, Sch 300, J 10, Ch m 8, also 358). Auch eine andere Deutung lenkt beim Trendel die Gedanken auf den Messias; den gleichen Zahlenwert wie Moschiach hat das Wort Nachasch Schlange (N 50, Ch 8, Sch 300, also 358): Die Schlange ist der Israel bedrängende Satan; die Achse des Trendel bedeutet Israel das von allen Seiten vom Nachasch bedrängt wird; aber zugleich auch ist der Messias in der Nähe Israels, um es zu erlösen, indem an die Stelle des Nachasch der Moschiach tritt. Das Trendel ist nicht das. einzige Chanukkah-Spiel. Auch harmloses Würfelspiel, Kartenspiel u. a füllen die Stunden heiterer Chanukkahabende aus. Ihnen allen aber fehlt die besondere Beziehung zu Chanukkah; darum darf das Fest so recht genannt werden: die Tage des Trendels. Jewish Agency-Kundgebungen. Als ein besonderes Ereignis von mitreißender Wucht wird uns die große Kundgebung geschildert, die von der Jewish Agency und dem Keren Hajessod gemeinsam mit dem Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde in der größten Synagoge Berlins durchgeführt wurde. Rabbiner Dr. Baeck, der Präsident der Reichsvertretung, Direktor Stahl, der Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, und Dr. Michael Traub, der geschäftsführende Vizepräsident des Keren Hajessod in Deutschland, sprachen zu den Massen. Es wurde deutlich, in welchem Maße die von den Juden durch nationale Arbeit mit nationalen Mitteln in Palästina geschaffenen Tatsachen entscheidende Voraussetzung aller politischen trtolge gewesen sind, eine Erkenntnis, die gerade während der Übergangszeit höchste Anstrengungen aller Kreise der Judenheit verlangt. Daß die in bezug