Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 47 (19.11.1937)
- Date
- 1937-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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IU ^inMf/HS[f aunUMDl »TT ■ÄfMHMil III III" R P*!?^nn Fl ■■ I irill f 1 I 1 uviMiuy UND NACH MOff EN BLATT DER GEMEIN DEVERWAt/ TüN6PERßRAELITISCHEN REU610NS6EMEINDEZU LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DBREICHSMINiSTERS FURVOLKSAUFKlÄRUNG UND PROPAGANDA BETR.ÜBERWACHU NG DER GEISTIG UND KU Uli RELLIATIGEN JUDEN IM DEUMEN REICHSGEBIET 19. NOVEMBER 1937 /IS. KISLEW 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 47 Dr. Saiiy Rabinowitz Ueber Scholen) Alejchem Am 30. November wird in Jüdischen Kulturbund Leipzig Scholem Aleichems Schauspiel „Amcha" (Das I'roBe Los) aufgeführt, iegt nicht in den Dingen, sondern in der seelischen Struktur des Betrachters. Darum wurde Mendele Mocher Sforim, der Maskil, der aufklären und bessern wollte, zum Satiriker, dessen Lachen von Bitterkeit erfüllt ist. Scholem Alejchem, bei dem Milieu und Stoffgebiet die gleichen sind wie bei Mendele, ist Humorist um des Humors willen, ohne Absicht, ohne Tendenz, ohne jede Moral von der Geschieht'. In ihm pulst das subjektive Gefühlsleben, das zum Humor gehört, durch dieses Organ hindurch sieht und hört er seine jüdische Umwelt und gibt sie in völliger romantischer Naivität wieder. Sein Humor ist nur Beobachtung; nichts ist erklügelt oder auf Wirkung berechnet. In seinem Werk ist nichts von mise en scene, keine Architektur, kein Beleuchtungseffekt, keine qualmige Stimmung, nichts von Intellektualität oder Phantastik oder Allegorie. Der jüdische Alltag spricht, seine Gestalten strotzen von Leben, und aus jedem Wir»kelj sei er auch von Leid und Kummer verdunkelt, Suillt befreiendes Lachen. Hätte Scholem Alejchem in einer der Weltsprachen geschrieben, er wäre der größte Humorist der Weltliteratur, dem die großen Humoristen von Sterne und Dickens bis auf Mark Twain nicht das Wasser reichen können. Der jüdische Alltag, sagten wir, spiegelt sich in seinem Werk, oder richtiger: die beiden jüdischen Alltage seiner Zeit. Denn während der einigen dreißig Jahre seine? Schaffens hat das Leben des Ghettos in Rußland eine bedeutsame Änderung durchgemacht. Die wirtschaftliche Entwicklung Rußlands brachte Eisenbahnen, brachte industriellen Kapitalismus, Börsenspiel und Großstadtbetrieb. Lebte der Jude in dem kleinen Städtchen noch das ganze seit Jahrhunderten überlieferte jüdische Leben unberührt von der modernen Kultur weiter, so gebar die wachsende Großstadt den uns nur zu gut bekannten Luftmenschen, den Typ des tragischen Juden, der im verwirenden Betrieb zugleich komisch ist. So haben wir in Scholem Alejchems Werk mit zwei Schauplätzen zu tan, mit Kasriliwke, dem Sammelnamen für das kleine verschlafene Städtchen, und mit Jehupez, das ist Kiew, die inbrünstig geliebte und gehaßte Großstadt, die ebensogut an der Riviera oder in Amerika liegen kann. Und so gehören alle seine Figuren, wie sie auch heißen mögen, dem einen oder dem anderen Typ an — sie sind entweder Menachem Mendel oder Tewje. Menachem Mendel und Tewje der Milchiger, diese stärksten Kontraste, sind eigentlich die beiden Grundelemente des ostjüdischen Charakters. Menachem Mendel, der typische Luftmensch, ohne festen Boden unter den Füßen, Hans Dampf in allen Gassen, mit lohender Begeisterung täglich neuen Geschäften hingegeben, die wie Seifenblasen aufschilkm und zerplatzen, Luftschloßarchitekt, Millionenträumer und ewiger Schnorrer, dabei von unverwüstlichem Optimismus und nicht abstellbarer Geschäftigkeit — das ist der eine Typ. Ihm gegenüber steht Tewje der Michiger, mit seiner herzigen Einfalt, seinem jüdischen Stolz, seiner VerwurzeKheit mit Weib und Kind und Heim und Städtchen und seiner jüdischen Welt, mit seiner gutmütigen Ironie, seinem Lächeln auch unter Tränen und seinem unerschütterlichen Gam-su-letowah-Glauben. Menachem Mendel, das ist der Wochentagsjude; er bedeutet schon Auflösung, Schmelzprozeß, Substanzvcrlust. Tewje, und all die anderen Tewje-Gestalten. mögen sie nun der rote Berel heißen '„Mit der Etappe") oder Motel Pejsse dem Chasens oder Schimen-Elje, der verzauberte Schneider oder Reh Jojsife! — das ist der alte Ostjude mit der „jontewdigen" Seele des klugen und naiven Volksmenschen. Scholem Alejchem brauchte nichts weiter, als diese beiden Typen zu beobachten und zu beschreiben, wie an ihren Flächen das Licht des Alltags sich in tausend schillernden Humoren brach. Ja, er brauchte nur sich selbst zu schildern, denn er war Menachem Mendel und Tewje in einer Person. Dieser Scholem ben Menachem Nochum Rabinowitsch hat in den nur 57 Jahren seines Daseins beider Leben gelebt. Hauslehrer ist er gewesen und Kronrabbiner, Kapitalist und Börsenspekulant, Verleger und Versicherungsagent, reisender Vortragskünstler und Theatermensch, zweimal war er reich und verarmte zweimal und hat sich doch in diesem wilden Auf >m<i Ab «eine „jontewdige ' Seele gewahrt und die Weisheit des Kindes, die Weisheit nämlich: nicht weise zu sein. Darum konnte er als Linziger in der jiddischen Literatur auch Kindergeschichten schreiben und Tiergeschichten, von jüdischen Kindern und jüdischen Tieren, wie Rawischik der Hund und Messuschelach das Pferd, und die volle Köstlichkeit und Naivität der Kreatur einfangen, die im Morgentau der jungen Schöpfung spielt. Mit diesem durchdringenden Kinderblick sieht er das Leben um sich und gibt es wieder, oder eigentlich, er erzählt nicht: er läßt seine Gestatten reden. Sie reden und reden, wie eben nur Ostjuden sich das Herz ausreden: in einer Hast, daß dem Hörer die Sinne vergehen, oder mit sachlicher Gelassenheit, mit Zitaten aus dem jüdischen Schrifttum illustriert, mit Beispielen aus der Geschichte oder aus dem Leben der Nachbarn, umständlich und weitschweifig, vom Hundertsten ins Tausendste kommend, und voll von seltsamsten Assoziationen. Das alles iließt dahin ohne künstlerische Absicht, aber jedes Wort löst tiefquellenden Frohsinn aus, vom verständnisinnigen Schmunzeln bis zum lauten Auflachen, und man wird nicht satt, er wiederholt sich nicht und schwächt sich, nicht ab — von welchem anderen Humoristen möchte man solches sagen können? Allerdings: einen Bundesgenossen hat er, dieser Scholem Alejchem, und das ist die jiddische Sprache. Dieses beziehungsreiche, mit uralten geistigen Essenzen getränkte Idicm ist schon im Munde des einfachen Mannes eine Köstlichkeit, um wieviel mehr dann, wenn so ein unerhörter Sprachkönner wie er es meistert. Was diese Sprache vermag, hierfür nur ein kleines Beispiel. „Der Mensch denkt — Gott lenkt'': das ist ein Sprichwort, sprachliches Kleingeld, abgegriffen schon und an gedanklichem Feingehalt nicht gerade erschütternd, in der Prägung der Antithese ziemlich weich und verschwommen. Im Jiddischen heißt dasselbe Wort: „Der Mensch tracht — Oott lacht." Das ist kein Sprichwort mehr, sondern eine Weltanschauung. So kondensiert Scholem Alejchems Sprache einen Gedanken und reißt Aspekte auf ins tief Hintergründige. Darum kann auch kein philosophisches System die Quintessenz von Menschleins Erdenwallen, die Bilanz des von Tragik und Komik gleicherweise umwitterten menschlichen Lebens knapper und wissender formulieren als Scholem Alejchem in dem nachdenklichen Wort, das die rührend-lustige Geschichte vom „Kasriliwker Moschaw Sekenim" beschließt: Träumst du von Eingemachtem — so fehlt dir der Löf fei; du legst einen Löffel bereit--: nie wieder träumst du von Eingemachtem. Gemeindesitzung Gemeindesitzung. Am 15. November 1937 trat nach der Sommerpause die Gemeindesitzung wieder zusammen. Die Sitzung stellte einstimmig fest, daß es im allgemeinen jüdischen Interesse liegt, wenn die Ausschreibung von Neuwahlen in der heutigen Zeit vermieden wird. Sie verlängerte deshalb die Amtszeit der bestehenden Gemeindekörperschaften bis zum 31. Dezember 1939. Danach wurden anstelle der wegen Wegzugs von Leipzig ausgeschiedenen Gemeindeverordneten Herren Hofstein und Öko die Herren Jakob Ader und Abisch Fränkel als Gemeindeverordnete zugewählt. Im Anschluß an eine nach einem von Herrn Dr. Grübet erstatteten Bericht über die Haushaltlage der Gemeinde dem Finanzausschuß erteilte Haushaltermächtigung wurde nach einem Referat des Herrn Landgerichtsdir. i. R. Alterthum unter allseitiger Zustimmung die ganz besonders lebenswichtige Bedeutung des Palästina-Aufbauwerkes und die Verpflichtung auch der Gemeinde selbst, zu diesem Werke beirutragen, (Uttrkanat und auf Antrag des Herrn R.-A. Dr. Goldschmidt einstimmig beschlossen, daß auch die jüdische Gemeinde Leipzig im Hinblick auf die Bedeutung dieser Aufgabe einen Beitrag leistet, dessen Höhe von Vorstand und Finanzausschuß festzusetzen ist. Neue Telefonnummern I! Rabbiner Gustav Cohn: 14641! Rabbiner Dr. Ochs . . .: 94819 i Rabbiner Ro£AMttt«ki : 189?6 I