Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 46 (12.11.1937)
- Date
- 1937-11-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JODISCHES OEM EIN DE BLATT LEIPZIG 12. November 1937/Nr. 46 ist, anwenden) für jeden einzelnen und für die Juden insgesamt ist. „inter arma silent musae" — der Einwand entbehrt da jeder Beweis- '- ' •">• »• I ' — _____________________.___■ Neoe Telefonnummern ■ llUll. I ' f ffi.fs |«r firitftranfl t...rA <H I lnl< KCl es nun imiu|mcmuc i iuiütic in der weit irgenuwü uüer als alternde und immer mehr vereinsamende Ausharrende hier — nicht erliegen, daß wir nicht zusammenbrechen oder resignieren, daß wir uns Tür den Tag und über ihn hinan« Spannkraft und Lebensmut bewahren: — dazu brauchen wir das jüdische Buch! Wir sind arm geworden, aber manche Judengeneratiou vor uns war weit ärmer. Armer als Juden irgendwann in der Welt waren, trost- und schutzlos, mehr als Juden auf Wanderschaft je vordem wären wir erst, wenn wir uns des jüdischen Geistes begäben, wenn wir ohne das jüdische Buch zu bestehen versuchten. Zuweilen haben wir den Eindruck, daß jüdische Menschen um uns zu verzweifeln und zu verdumpfen drohen, daß eine ungeistige Resignation oder materialistische Geistfremdheit Platz zu gewinnen vermögen. In dieser Stunde haben wir mahnend die Stimme zu erheben, daß der Mensch nicht vom Brot aHein lebt — der jüdische vor allen! — und daß unsere Zukunft nur zu sichern ist, wenn wir die Brücke zu den Juden in aller Welt kraftvoll zu erhalten wissen. Diese Brücke ist das jüdische Buch! Und darum und nicht etwa allein, weil wir einige Dutzend jüdischer Buchvertriebc nicht um ihre Existenz kommen lassen dürfen, haben wir die Pflicht, mit allem Nachdruck aufzurufen, daß das jüdische Buch in seiner geschichtlichen, jeden Einzelnen betreffenden Bedeutung nicht vergessen wird. Hans Lamm, Berlin. Jüdische Bücher - jüdische Leser. Wir sprechen nicht von jenen Lesern jüdischer Bücher, denen als studierte Theologen Judentum Wissensfach ist, nicht von den östlichen ülaubensbrüdern. die ihr Leben lang „lernen" und forschen in den Büchern der Lehre und Weisheit; nicht einmal von denen soll allein die Rede sein, welchen jüdisches Wesen und jüdische Bildung Mittelpunkt ihres Daseins ist: wir meinen hier alle Juden, auch diejenigen deren geistiges Wesen längst „verschwebt ist im allgemeinen", die jüdischen Geist nicht mehr als Heimatbezirk ihres Suchens und Strebens empfinden, ihn vielleicht überhaupt nicht mehr empfinden. Denn jüdisches Lesen ist unaustilgbarer Bestandteil jüdischen Seins, weil es keine Auseinandersetzung mit Geist, Tradition und Wirklichkeit gibt, die so reich an Möglichkeiten, so stetsbereit, i ■«miti?tii{*r »'■■»•51 vöäs: iiy ü Rabbiner Dr. Ochs . . .: »48 10 Rabbiner Rogosnitzki : 18270 so jedem, auch dem Einsamsten zugänglich wäre, wie das jüdische Buch. Wo aller gesprochene und dargestellte Geist, wie Vortrag und Gemeindeabend, Lehrhaus und Kulturbund ansprechen, anregen, anbahnen, da tritt das Buch begleitend, befestigend, vertiefend und Dauer spendend hinzu und meldet sich bescheiden als steter Freund und Begleiter. Lesen aber ist Zwiesprache halten mit dem eigenen Gewissen. Aus jedem Buche spricht zu dem, der es liest, immer das, was er ist, was er sucht und fragt. Es gibt heute keinen Juden, der an seinem Judesein vorbeigehen kann — es gibt fügüch auch keinen, der am jüdischen "Buche vorübergehen kann. An ihm vorbeigehen, hieße, an sich selbst vorbeigehen — und das ist undenkbar. Schwer und langsam hat sich das jüdische Buch seinen Platz im Laufe der Zeiten erobert neben den -zwei gewaltigen Schöpfungen des Judentums, die alles überragten: neben Bibel und Talmud. Aber weil jüdisches Dasein weiterlebte im Galuth, fand es neuen Niederschlag in Dichtung, Geschichtsschreibung und religiöser Auseinandersetzung. Heute bildet das jüdische Buch inmitten der unermeßlichen Welt der Bücher einen gewichtigen Bezirk, den zu durchwandern Gewinn und Bereicherung unseres Geistes bedeutet. Nur dort, wo die dauernde Entfremdung vom jüdischen Buche Vorurteile erwachsen ließ, scheut man sich vor ihm. Aber jüdische, echte jüdische Bücher sind nicht „trist", nicht „gelehrt", nicht „belastend" durch iluen historisch-tragischen Atem, wie es unüberlegte Leser ihnen gerne vorwerfen, um die Begegnung mit ihnen zu vermeiden. Wer Schlichtheit mit Seichtheit, Heiterkeit mit Oberflächlichkeit verwechselt, dem wird der Weg zum jüdischen Buche schwer zu öffnen sein, denn unser Buch verlangt, daß der Leser eines Geistes mit ihm ist: still, nicht laut, duldend, nicht fordernd und heiter durch die Sicherheit im Glauben. Erich Guttmann, Berlin. Neue Bücher Martha Wertheimer: Dienst auf den Höhen. Roman. Berlin 1937. Jüdische Buchvereinigung. Oft ist in den letzten Jahren die Frage aufgeworfen worden: „Was ist jüdische Literatur?" Und ebenso oft ist die Antwort gegeben worden: sie sei erst in Ansätzen vorhanden, sie würde in Erez Israel geschaffen werden, wir finden sie allenfalls in ostjüdischen Ländern, in denen Juden innerhalb eines geschlossenen jüdischen Kulturkreises leben. Martha Wertheimers Roman „Dienst auf den Höhen" ist ein durch und durch jüdisches Buch. Es beweist, daß jüdische Literatur überall da geschaffen werden kann, wo Menschen aus jüdischem Wissen, Denken und Fühlen schöpfen. Martha Wertheimer hat in vielen Einzelaufsätzen den Reichtum ihrer jüdischen Kenntnisse, ihr Verwurzeltsein mit jüdischen Problemen bewiesen. Ihr Roman zeigt die innige Vertrautheit mit biblischem Geschehen. Sie paßt sich der Sprache der Ribe! an, sie schildert Siue und Brauch biblischer Zeit in liebevoller Vertiefung bis in kleinste Einzelheiten. Und vor allem, sie versteht es, uns Heutigen die Menschen unserer malten, längst verklungenen Königszeit wieder zu verlebendigen. Licht und Schatten, edelstes Menschentum, menschliche, allzu menschliche Schwächen, religiöse Begeisterung, weltlicher Glanz werden geschildert. Wir sehen Menschen in ihrer Liebe und ihrem Haß, in selbstgefälliger Überheblichkeit und in knechtischem Gehorsam. Das Problem des Buches ist ein jüdisches Kernproblem: weltliches oder religiöses Judentum. Diese Fragestellung ist uralt und zugleich ewig neu. Dieser Zwiespalt durchzieht unsere Geschichte von den Tagen des Propheten Samuel bis auf den heutigen Tag. König oder Prophet, am kaudesch oder säkularisiertes Judentum, Nation oder Religion, all diese Fragen bewegen sich auf gleicher Ebene. Die Zeit unter König Schlomo war eine äußere Glanzzeit, Prachtbauten zeugen von der Größe des israelitischen Königs, aber sie war zugleich eine innere Verfallszeit: das Volk litt unter der Fron, göttliches Gesetz wurde nur von wenigen erfüllt, Götzendienst dagegen in seiner abschreckendsten Form am Fest des Baal und der Astarte auf den Höhen von Tofet geübt. Neben den König stellt die Verfasserin die Davidstochter Tamar, als eine ihm auch im Geistigen ebenbürtige Geger.spielerin. Es ist dichterische Freiheit, Tamar, die in der Bibel nur knapp erwähnt wird, diese bedeutungsvolle Rolle zu geben. Sie ist die Kämpferin für alles Unterdrückte: das göttliche Gesetz, das geknechtete Volk, die ihrer Menschenwürde beraubten Frauen des Königshauses. Eine der stärksten Stellen des Buches ist die Aussprache zwischen Schlomo und Tamar, dem in seiner Weisheit einsamen, nicrischenverachtenden Herrscner und der ungebrochenen Idealismus empfindenden Frau. Beide schauen anf künftige Tage. Sehiomo sieht das schöne Land zerstückelt in Feindeshand, Tamar sieht die ewige Dauer Gottes und des von ihm auserwählten Volkes. — Die Jüdische Buchvereinigung, die bei der Auswahl ihrer Publikationen so oft schon eine geschickte Wahl getroffen hat, wird mit diesem Buche wiederum neue Freunde gewinnen: mit Genugtuung darf sie in der Reihe ihrer Publikationen auch diesen in Stoff, Tendenz und Darstellung so urjüdischen Roman verzeichnen. E. C. Dan und Gad. 2. Teil. Hebräisches Lese- und Lehrbuch für das 2. und 3. Schuljahr von Seew Wolf Neier. Mit Bildern von Heinz Wallenberg. Berlin-Schöneberg 1937 (Verlag Siegfried Scholem). ' Beim Erscheinen der hebräischen Fibel „Dan und Oad" hatten wir auf den äußerst anspiechenden Weg hingewiesen, auf dem Neicr die Kleinen an das Hebräische heranzuführen lehrt. Die Fortsetzung, die mit dem vorliegenden Lese- und Lehrbuch geboten wird, darf das gleiche Interesse beanspruchen. Es war das Gegebene, von dem Prinzip der Eingi'schichte abzuweichen und nun, für das 2. und 3. Schuljahr, /n längeren Geschichten, Märchen, Tcxtcit, aus ü«.;;; Anschauung'skreis der Jugendlichen (unter starker Berücksichtigung von Palästina und dortigem Leben), aus dein jüdischen Brauchtum, zumal au den Festen, fortzuschreiten, und schließlich werden Stücke zur biblischen Geschichte bis zum Tode Abrahams geboten, allerdings, Bialiks Beispiel folgend, mit gewissen Kürzungen des Originaltextes. Nach den gleichen Grundsätzen wie die Fibel gesteht auch das Lesebuch den Sprachübungen weiten Raum zu, bietet aber auch mannigfache Gelegenheit zu schriftlichen Arbeiten. Für die Grundschule gedacht, geht es nach mechanisch-imitativer Methode vor und sucht die grammatischen Gesetze ohne verstandesmüßiges Üben einzuprägen. — Auch dieses Lesebuch verdient volle Beachtung. Die Texte kommen dem kindlichen Denken entgegen, sind oft voller Steuergesuche Es besteht Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß Eingabe"; die die Gemeindeanlage betreffen, mit Rücksicht auf die starke Belastung der Steuerabteilung und im Interesse möglichst beschleunigter Erledigung nicht mündlich,sondern schriftlich eingereicht werden. Den Gesuchen müssen die notwendigen Belege in Urschrift beigefügt sein (Gehalisbescheinigungen, Finanzamtsbescheide u. ä.). Die Rücksprachen in der Steuerabteilung ohne besondere Vorladung verhindern nur die beschleunigte Behandlung der Angelegenheit und sind deshalb zwecklos. Leipzig, den 3. November 1937 Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig-