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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-11-12 · 46 (12.11.1937) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
46 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Sollte schon dies jedem Juden unserer Tage Anlaß genug sein, jüdischen Büchern einen ständigen Platz in seinem Heim einzuräumen, und den älteren Bestand immer wieder zu erweitern, so müßte er darin durch die Tatsache bestärkt werden, daß der Erwerb jüdischer Bücher zugleich als Stütze für die Existenz zahlreicher jüdischer Menschen unerläßlich ist: jüdische Autoren, jüdische Verleger und jüdische Buchhändler müssen zurzeit einen ungeheuer schweren Kampf um ihr Dasein führen; s«e können ihn nur bestehen, wenn die geistige Kost, dje sie anbieten, als lebenswichtig aufgenommen, wenn der Irrtum überwunden wird, daß sie Luxus sei. Mit Genugtuung erfüllt es uns, daß wir in diesen Blättern schon seit vielen Jahren bemüht gewesen sind, durch unsere Hinweise auf neuerschienene Werke in diesem Sinne zu wirken. Um so freudiger geben wir in der vorliegenden Nummer Ausführungen Raum, die für diesen Gedanken werben sollen. Die Redaktion. Was ist uns das jüdische Buch? Die Not jst der äußere Anlaß dafür, in diesen Wochen mit Nachdruck für unsere jüdischen Buchvertriebe zu werben. Wir dürfen nicht tatenlos mit ansehen, daß sie, Hie sich unter schwierigsten Umständen bemühen, jüdisches Geistesgut zu vermitteln, erwerbs- und arbeitslos werden. Daß diese Gefahr ernstlich besteht, muß otfen bekannt werden. Aber — so haben wir uns zu fragen sind es nur soziale Gründe, die uns gemahnen, in gesteigertem Maße jüdische Bücher zu erwerben? Ist der Buchkauf für die Juden in Deutschland zu einem bloßen Akt der Wohlfahrt geworden, oder soll man dazu aufrufen, weil es hier um geistige Selbsterhaltung des Einzelnen und der Gemeinschaft geht? Das Buch spielt im geschichtlichen Sein der Völker eine höchst unterschiedliche Rolle. Einzelne Nationen führten oder führen ein kraftvolles und gesundes Eigenleben, ohne daß die Literatur zu einer Sache des Volkes wurde; in anderen Völkern ist das Buch zu einem wesentlichen Bestandteile der Volkskultur geworden, in keinem Volk jedoch hat das Buch die volksbildende und volkserhaltende Einzigartigkeit wie bei den Juden. Ob das in einer besonderen Bedingtheit jüdischen Geistes von Anbeginn vorbestimmt war — wir vermögen und wir brauchen das nicht zu entscheiden! Die jüdische Geschiente, die sich nun durch zwei Jahrtausende wesensmäßig von der anderer Völker unterscheidet — von der Geschichte aller anderen Völker! hat diese Entwicklung entscheidend gefördert, wenn nicht gar bedingt. Ein Volk ohne Staat und Raum und bar jeder äußeren Macht war schon allein aus Gründen der nationalen Selbsterhaltung gezwungen, sich Mittel zu schaffen, die den Zusammenhang, den andere Völker durch gemeinsamen Lebensraum von Natur aus haben, zu ersetzen. Eine gemeinsame Heimat im Buch wurde an die Stelle der entschwundenen realen gesetzt und hat sich in Jahrhunderten voll vielfältiger, großer und auch schwerer Schicksale trefflich bewährt. So dürfen wir die Behauptung wagen, daß, wenn andere Völker zuweilen des Buches entsagen durften, für den Juden dagegen dies geistigen, und (da ihm der Geist zur Heimat geworden war) nationalen Selbstmord bedeutet hätte. Soll sich die Lage in unserer Zeit grundlegend gewandelt haben? Das Schicksal, dali eine ganze Generation zum Wanderstab greifen muß, ist — manchem, der es in guten Zeiten vergaß, sei es gesagt — einfaches und gewöhnliches Judenschicksal, ein Schicksal, das seine Erscheinungsform wandelt, aber im Kern durch Jah blieb. Immer und immer wieder steht vor dem Auswanderer die Frage, ob er sein Judentum (mag er es nun auslegen, wie immer er will) bewahren kann oder nicht. Diese Frage besteht für unseren Auswanderer deshalb besonders nachdrücklich, weil er oft in Länder vordringt, in denen fast jede Fühlung mit den Juden der Welt fehlt. Jetzt und dort wird es sich entscheiden, ob der Umschwung, der 1933 eintrat, nur unsere äußeren Lebensbedingungen erschütterte oder ob wir auch menschlich davon ergriffen wurden und für die Dauer das Verbindliche und Unentrinnbare erkannt haben, das unser Judesem bedeutet. — Das Judentum macht es nicht leicht, seinen in Jahrhunderten gewachsenen Geist zu erkennen und Schnellkurse und Versammlungen haben sich dafür nicht bewährt. Wer sich verantwortungsvoll in der Wert zu seinem Judentum bekennen will und auch seine Kinder -zu bewußten Juden — nicht nur zu Angehörigen einer Schicksalsgemeinschaft und nicht bloß zu Trutzjuden — erziehen will, der muß den gewiß nicht bequemen Weg des Lernens beschreiten und der führt allein über das jüdische Buch. Man gewöhne sich gerade hier die Unsitte ab, nur zu Neuerscheinungen greifen zu wollen: warum soll ein vor mehreren Jahren oder Jahrzehnten in Ruhe geschaffenes Werk zuweilen nicht weit mehr bieten können als ein Buch, dessen einziger Vorzug vielleicht ist, daß es „fresh out" ist? Freilich sind gerade in den letzten Jahren durch) unsere Verlage eine Reihe von Büchern herausgekommen, die jeder Prüfung — ihrem Gehalt und ihrer Faßlichkeit, ihrer Ausstattung und ihrem Preis nach — standhalten. Daß das jüdische Buch keineswegs nur ein Buch des Lernens ist, daß es eine Anzahl guter, ja vorzüglicher Romane jüdischer Schriftsteller gibt, daß es humoristische Bücher zur Unterhaltung und Entspannung gibt, aus denen man lachend die Seele des Ostjuden z. B. kennenlernt, daß es eigene jüdische Kinder- und Jugendliteratur gibt, das ist wohl bekannt und wird demjenigen, der es bisher noch nicht wußte, der jüdische Buchhändler gern anhand seines reichen Lagers beweisen. Unsere Ahnen wußten, warum sie, wenn man sie zum Wandern zwang, zuweilen alles zurückließen - bis auf ihre Bücher. Sie wußten, daß das jüdische Buch ein „Baum des Lebens" (und man darf dieses Wort wohl auch auf andere Werke als das „Buch der Bücher", das ja — nicht nur historisch — das erste jüdische Buch <^frW Der nächste Einiopf Sonntag der JÜDISCHEN WINTERHILFE ist am U.November 1937 Morgen EintopfSammlung! Spendet reichlicher!

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