Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 43 (22.10.1937)
- Date
- 1937-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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,o W Ii UND NACHMCHTEHBLATT PER 6EMBNDEVHWAL^ TÜN6 DER1SRAELJT1SCHEN RELieiONSGEMElNDEZU LEI PZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DR REICHSMINISTERS 1 "B 22. OKT. 1937 /17. CHESCHWAN 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 43 Jüdisches Leben in Australien. Es gehört mit zu der infolge jahrhundertelanger Zerstreuung der Juden entwickelten Besonderheit judischer Geisteshaltung, daß ein starkes Interesse für das Lehen in anderen Ländern bestand. Im letzten Jahrhundert hatte wohl die Beschäftigung mit dem Lehen der Juden anderer Länder eine Einbuße erlitten; die Älteren unter uns wußten und wissen nur andeutungsweise von der Struktur und den Leistungen jüdischer Gemeinden außerhalb ihres eigenen Landes. Die zurzeit sich vollziehende neue Wanderung der Juden hat dieses Interesse neu erweckt. Im Zusammenhange mit den Erörterungen über die Auswanderung wird immer wieder die Frage nach den jüdischen Verhältnissen des Wanderungszieles rege. Wenig ist über das Leben der Juden in Australien bekannt. So dürfen Ausführungen, die in der neuesten Ausgabe der „Jüdischen Auswanderung" des Hilfsvereins darüber gemacht werden, das Interesse unserer Leser finden. * Hie Stellung der juden in Au>tralien ist ähnlich ihrer Stellung m den übrigen englischen Dominions. Sie werden als loyale Staatsbürger empfunden, aber man tritt ihnen mit einem gewissen Gefühl der Fremdheit entgegen, was sich nicht in ihrer Stellung im öffentlichen Leben, wohl aber in ihrem gesellschaftlichen Ansehen und im o/ialen Verhältnis zur Umwelt auswirkt. Für die willige und weitgehende staatsbürgerliche Einordnung der Juden ist der hohe Prozentsatz der jüdischen Frontkämpfer Australiens ebenso bezeichnend, wie die Tatsache, dali der Höchstkommandierende der australischen Wehrmacht im Weltkriege, Sir John Monash, Jude war und sich dessenungeachtet einer außerordentlichen Popularität erfreute. Sir John Monash war übrigens der Sohn eines Linwanderers aus Deutschland. Hierher gehört auch, daß Sir Isaac Isaacs, der als Generalgouverneur den König von England im australischen Bundesstaat von 1931 bis 193r> vertrat und dci erste in einem Dominion seihst gebürtige britische Generalgouverneur war, sich stets stolz zum Judentum bekannte. Auch noch in allerletzter Zeit ist eine Reihe australischer Juden mit Orden und anderen Ehrungen bedacht worden. Andererseits darf man aber nicht vergessen, daß die gesellschaftliche Distanzierung von Juden — seiefi sie auch in noch so hohen Stellungen - sehr weit geht. Die vornehmen Klub», insbesondere die Golfklubs, schließen Juden stillschweigend von der Aufnahme aus. Hinzu kommt, wie schon an anderer Stelle angedeutet, noch eine gewisse Empfindlichkeit der standesbewußten und organisierten australischen Arbeiterschaft gegen aiit" Einwanderer aus Osteuropa, also auch gegen Juden, die das Lohnniveau drücken könnten. Die Juden in Australien bekennen sich im allgemeinen selbstbewußt zu ihrer Gemeinschaft. Ihre Geschichte reicht wenig mehr ais hundert Jahre zurück. Um 1817 kamen die ersten jüdischen Einwanderer nach Sydney, und 1832 entstand dort die erste Gemeinde. Foscncr Juden hatten, neben englischen, einen großen Anteil an der Entwicklung des Gemeindelebens. Von dieser ersten Einwanderungswclle, die um 1850 mit der Entdeckung der Goldfelder ihren Höhepunkt fand, ist heute nur wenig übriggebliuben. Viele einst blühende Gemeinden sind inzwischen eingegangen. Die zweite Einwanderungswelle setzte kurz vor dem Kriege ein, als zahlreiche Juden, hauptsächlich aus Rußland, sich in Australien, vor allem in Brisbane, niederließen. Die dritte Einwanderungswelle begann erst nach dem Kriege und hielt so lange an, bis die australische Regierung die finanziellen Bedingungen zur Einwanderung erschwerte. Aus Deutschland endlich sind Juden nach 1933 bisher nur in ganz geringer Anzahl nach Australien gelangt. Die Volkszählung des Jahres 1933 ergab, daß 23550 Einwohner Australiens sich zum Judentum bekannten, wenig mehr als 1 :i°/o der Gesamtbevölkerung. Von diesen Juden leben über 85 o/o in den Hauptstädten des Landes. Die Gemeinden in den Landstädten gehen *!!uikhlich ein. Die größten Gemeinden sind die von Sydney und Melbourne, Sydney, die Hauptstadt von New-Südwales, hat etwa 5700 jüdische Einwohner; der ganze Staat Neu-Sudwales hatte 1930 '0305 jüdische Einwohner, umfaßte also fast die Hälfte aller in Australien lebenden Juden. In Sydney bestehen vier Synagogen, deren, älteste bereits 1832 gegründet wuide. Die jüdische Gemeinschaft 3 An die jüdischen Geschäftsinhaber! Die Herren Geschäftsinhaber bitten wir höflichst, die Winterliilfslohnabzüge gemäß den Richtlinien (10°/o der Lohnsteuer) von ihren Angestellten einzubehalten und diese monatlich an uns zu überweisen. Formulare senden wir Ihnen auf Wunsch zu. Jüdische Winterhilfe Abteilung Spendenaufkommen, Walter-Blümel-Straße 10 unterhält dort zwei jüdische Schulen und eine Fülle von Wohltätigkeitsvereinigungen. Die zweitgrößte Gemeinde befindet sich in Melbourne, der Hauptstadt des Staates Victoria und der zweitgrößten Stadt des Kontinents. Etwa 7000 Juden dürften dort wohnen. Die Gemeinde von Melbourne unterhält drei Svnagogen, darunter eine mit liberalem Ritus. Diese liberale Gemeinde wird jetzt von einem jungen, aus Deutschland eingewanderten Rabbiner geleitet. Von den einzelnen Synagogengemeinden werden Religionsschulen unterhalten. Der Wohltätigkeit sind eine ganze Anzahl von Organisationen gewidmet, und auch die Jugend findet sich zu Bünden zusammen. Wenn auch die beiden ebengenannten Gemeinden den Großteil der australischen Juden umfassen, so sind doch gerade die Gemeinden in den übrigen kleineren Städten wegen ihrer Aktivität auf religiösem und charitativem Gebiet besonders hervorzuheben. Die Gemeinde von Adelaide, die etwa 700 Seelen umfaßt, unterhält eine Synagoge, die (1848 errichtet) das-Zweitälteste jüdische Gotteshaus des Kontinents ist. Die Gemeinde von Brisbane, der Hauptstadt von Queensland, umfaßt etwa 750 Seelen, und die Gemeinde in i'erth im Staate Wcsiausirahen, die mit 1600 Angehörigen die drittgrößte Gemeinde Australiens ist, zeichnet sich durch die Vielfalt ihrer Organisationen und die damit verbundene Lebendigkeit des jüdischen Lebens besonders aus. „Gemeinden" im Sinne etwa der jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich gibt es in Australien nicht; d. h. die Juden sind nicht in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zusammengeschlossen und verfügen auch über keine zentrale zusammenfassende Organisation. Es handelt sich vielmehr um freiwillige Zusammenschlüsse; diese entsenden einige Vertreter zu den Tagungen des Board öf Deputies in London. Zurzeit sind allerdings Bestrebungen im Gange, die bestehenden Einzelgeiheindcn in einer Gesamtvertretung zu vereinigen. In sozialer Hinsicht gehören die Juden Australiens hauptsächlich dem Mittelstand an. Der Prozentsatz der Nichtsc-lbständigen ist, hier wie in anderen Landern, bei den Juden niedriger als bei ihrer Umwelt. Hie Berufe der selbständigen Kaufleute sind bei den Juden bedeutend stärker vertreten. Sie haben vielfach führende Stellungen im Handel, in der Industrie, im Bank- und Versicherungswesen inne. Die Zahl der jüdischen Ärzte ist groß, und den höchsten Stellen der Justiz gehören zahlreiche Juden an. Auch im Kulturleben spielen Juden eine bedeutende Rolle. So wurde z. B. das Theaterwesen Australiens von einem Londoner Juden gegründet. Die Juden Australiens pflegen aber auch ihr eigenes kulturelles Leben, wovon eine Anzahl von Organisationen und regelmäßig erscheinenden jüdischen Zeitschriften zeugen. Für die künftige Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Australien ist von Bedeutung, daß die üeburtenrate der Juden Australiens sehr niedrig ist und daß die gegenwärtige Einwanderungsgesetzgebung Australiens in Zukunft höchstens eine ganz, allmähliche Vergrößerung der jüdischen Gemeinschaften gestatten wird. Umzugs-Meldung nicht vergessen! Sehr häufig entstehen Unterbrechungen in der Zustellung des Gemeindeblattes dadurch, daß nach erfolgter Verlegung der Wohnung eine entsprechende Anzeige zur Bezicherliste des Gemeindeblattes unterlassen wurde. Es wird darauf hingewiesen, daß die Meldung des Umzuges beim Postamt nicht genügt; vielmehr muß unmittelbar nach der Wolinungsveränderung Anzeige beim Gemeindeamt, Walter-Blümcl Straße 10 \, erfolgen.