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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-10-08 · 41 (8.10.1937) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
41 (8.10.1937)
Date
1937-10-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Doch galt es der maskilischen Intelligenz noch als verächtlich, in der Sprache des Volkes, in Jiddisch, zu schreiben, und wo die ersten Triebe des jungen jiddischen Schrifttums sich zeigten, wurden sie schamhaft hinter Pseudonymen versteckt oder ängstlich in der Schublade bewahrt. Ajsik Meir Dik, der bewißt für die breite Masse schrieb, für die Frauen, die nichts anderes lesen konnten als Jiddisch, zeichnete seine zahlreichen Romane und Geschichten nur mit den Initialen seines Namens; Scliolem Jankew Abramowicz wählte für seine jiddischen Werke das Pseudonym Mendele Mocher Sforim, und Michael Gordon ließ seine jiddischen Volksgedichte, die, von Mund zu Mund getragen, in allen Volksschichten sich einer ungeheuren Popularität erfreuten, erst 1869 erscheinen, und zwar anonym. Auch Gottlober, der große Maskil und Hebraist, glaubte, seine stille Liebe zum jiddischen Lied schamhaft verbergen zu müssen. Unentwegt veröffentlichte er formschöne hebräische Lyrik; daneben aber liebte er es, seinen innersten Gefühlen, seiner heißen Liebe zum Volke, seiner nationalen Trauer um jüdisches Geschick in seiner einfachen Muttersprache Ausdruck zu geben. Drucken ließ er diese gemütvollen, volkstümlichen jiddischen Lieder nicht; aber der grolle Kreis seiner Schüler und Freunde kannte sie und saug sie in seinen eigenen Vertonungen, für die er, als Sohn eines Chaseu musikalisch belastet, der. echten Ton des jüdischen Volksliedes fand, und so wie in Litauen Gordons Gedichte von Mund zu Mund gingen, verbreiteten sich Gottlobers lyrisch-nationale Lieder durch Wolhynien und Podolien. So kann es nicht wundernehmen, daß gerade das jiddische Milieu des Gottloberschen Hauses auf zwei Geister befruchtend wirkte — in ganz anderer Weise allerdings, als diese es ahnen konnten, als sie sich als junge Maskilim zu des großen Hebiaisten Füßen setzten — auf seine großen Schüler Scholem Jankew Abramowicz und Awro- Cv»»*— _______ V^Öpfl^SfrHiVfcity 14M. UOHQ^tJviik^ £«s«»fW/%V fcejZk \0ht4erfiiCfe 10. &M&<?€^ 19ö7 höm Goldcnfodim, die als Mendele Mocher Sforim und Abraham Goldfaden ins Pantheon der jiddischen Literatur eingegangen sind. Mendelcs Entwicklung vom hebräischen Schriftsteller zum Klassiker der jiddischen Literatur ist bekannt. Auch Goldfaden (geb. 1840) war ein hervorragender Hebräer, der schon als junger Mensch mit seinen Gedichten im „Hameliz" Aufsehen erregte und dem sein Lehrer, der berühmte Hebraist der Shitomirer Rahbincrschule, Chajim Zwi Lerner, eine glänzende Zukunft als hebräischer Poet voraussagte. Entdecker dieses hebräischen Pormtalcnts war Gottlober gewesen, in dessen jüdische Schule in Alt-Konstantinow (ioldfaden als Zwölfjähriger eingetreten war und der die ungewöhnliche Begabung des Knaben in besonders liebevolle Obhut genommen hatte. Es konnte aber nicht ausbleiben, daß Gottlobers stille Liebe zum Jiddischen auch in dem Adepten Wurzel faßte und daß Gottlobers eigene Produktion an volkstümlichen Liedern Goldfaden mächtig anregte. Als Goldfaden an die Rabbinerschule nach Shitomir kam, kannte er alle jiddischen Lieder Gottlobers auswendig und sang sie mit seiner angenehmen Stimme im Kreise seiner Kameraden, so zu weiterer Verbreitung beitragend. Bald begann er selbst jiddische Lieder zu schreiben und in Musik zu setzen, in l orin und Inhalt des ungekünstelten Volksliedes. Aus den Klassenzimmern der Schule drangen sie in die jüdischen Gassen von Shitomir, verbreiteten sich von Städtchen zu Städtchen durch die Provinz: so wurde Goldfaden, während er noch die Schulbank drückte, ein bekannter, populärer und beliebter Volksdichter. im Jahre 1802 starb Jakob I ichenbaum, der Inspektor der Shitomirer Rabbincrschule, und Chajim Selig Slonimski wurde sein Nachfolger. Frau Slonimski, Tochter des Mathematikers Abraham Stern in Warschau, war eine hochgebildete, von assimilatorischer. Tendenzen nicht ganz freie Dame. Dennoch wohnte auch in ihr ein yuäntchen jener stillen Liebe zum Jiddischen, und so brachte sie in ihrem Gepäck ein Kuriosum mit, nämlich ein Exemplar der Komödie „Serkcle" oder „Jorzajt noch a Bruder" des Doktors Schlomo Ettinger von Samostz, die im Jahre 1861, fünf Jahre nach dem Tode ihres Verfassers, im Druck erschienen war, und die das erste jiddische Theaterstück nach europäischem Mustu ist. Frau Slonimski liebte dieses Stück sehr, sie pflegte bekannten daraus vorzulesen, und, angesichts der Schar junger talentierter Rabbinerschüler, faßte sie den Plan, die Komödie durch diese aufführen zu lassen. Der Shitomirer jüdischen Intelligenz mag dieses Vorhaben, ein jiddisches Drama öffentlich aufzuführen, phantastisch und befremdend genug vorgekommen sein. Aber Frau Slonimski ließ sich nicht beirren, und Abraham Jakob Paperna erzählt in seinen Erinnerungen, mit welcher Energie sie ans Werk ging, wie sie die Rollen verteilte und einstudierte, Dekorationen beschaffte und die Aufführung organisierte. Ihre Mühe ward reichlich belohnt: vor dem Lehrerkollegium der Rabbinerschule una vor der gesamten Shitomirer Intelligenz ging das Stück glanzvoll in Szene, die Schüler erwiesen sich als vollendete Akteure, und besonders zeichnete sich Goldfaden aus, der die schwierigste Polle, das Serkele, übernommen hatte. Wir wissen, wie häufig im menschlichen Leben unwesentlich erscheinende Geschehnisse zu entscheidenden Momenten werden, die die Richtung der kommenden Entwicklung bestimmen. So mag auch das Debüt Goldfadens auf den Brettern, in einem jiddischen Stück, den Keim gelegt haben zur Idee, ein jüdisches Volkstheater zu gründen, dieser Idee, die Goldfadens Sinnen und Trachten von nun ab so völlig ausfüllte, daß sie zu seiner Lebensaufgabe geworden ist. Hierfür hat er all seine Kräfte eingesetzt, jahrelang gegen alle Hindernisse gekämpft und mutig alle hnttäuschungen und Verfolgungen ertragen, die ihn unstet und flüchtig gemacht haben. Die primitive Dilettantenbühne in Shitomir, über die vor 75 Jahren das „Serkele" schritt — seine eigentliche „Uraufführung" erlebte das Stück erst 1Q24 in Warschau —, war die Kopfstation der romantischen Lehensreise Awrohom Goldenfodims, die ihn von Rußland durch Galizien und Rumänien nach Amerika geführt hat und auf der er geworden ist Abraham Goldfaden, der Vater des jiddischen Theaters.________ | 10, Oktober: tintopfSammlung! j 17. Oktober: ftimdsammlung! |

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