Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 39 (24.9.1937)
- Date
- 1937-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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<r« UND NACH RICHTEN ELAIT DER GEM El N DEVERWAL^ LEI PZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS FURV0LKSAUFKLARUN6 UND PROPAGANDA BETR.ÜBERWACHUK6 PER GEISTIG UND KUUU REIL JÄTIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 24. SEPTEMBER 1937 / 19.TISCHRI 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 39 Dr, H. Jacobson: Lies, Israel, insbesondere du Jüdin, deine Bibel I Aufruf zu Simchat Thora. Unlängst wurde von der Kanzel einer Synagoge vor vollzählig erschienener Gemeinde darauf hingewiesen, daß den meisten der Andächtigen Erzählungen der Bibel wohl aus profanen Dichtungen, nicht aber aus der Quelle selbst, der Bibel, bekannt seien. Der Redner hatte durchaus recht mit der Feststellung dieser Tatsache. Er hätte leider auch in jeder anderen (iemeinde das Richtige mit dieser Feststellung getroffen. Aber kaum einer hat sich das Beschämende dieser Tatsache eingestanden. Nichts soll etwa gegen den Wert eines schönen Gedichtes von Heinrich Heine oder einem anderen Dichter gesagt werden; nicht das Geringste ist selbstverständlich einzuwenden gegen die lebendige Teilnahme an sonstigem Kulturgut, der Freude an allen Herrlichkeiten der Antike, der frühen Literatur Europas, des Mitbesitzes am Edelgut italienischer, englischer und deutscher Klassik, an Teilnahme und Hinnahme jüngerer und jüngster Geisteswerte. Aber unerklärlich und unverzeihlich ist, daß Juden und Jüdinnen ihr Köstlichstes vernachlässigen. Am schlimmsten steht es mit der Kenntnis der Bibel bei den Frauen. Selbst die fromme Mutter, die so ehrfurchtgebietend zur peinlichst innegehaltenen Stunde über die Sabbatkerze segnend die Hände hebt und innigst fleht, dar) das ererbte Brauchtum in ihrer Familie von Tochter zu Enkelin und weiter bis in die fernsten Geschlechter vererbt und erhalten bleibe, liest nicht die Bibel; nur unklar vom Hörensagen schwebt ihr der Sinn der Übung vor, und sie erfaßt nicht Grund und Zweck der peinlichst beobachteten 613 Gebote. — Kaum jemals senkt sich der Bück der trau, die sonst nicht nur auf eigentlich oberflächliche Zerstreuung, sondern auf Eindringen in Wissensgebiete, auf Erhebung aus Alltäglichkeit Wert legt, in die Bibel und gerade die stolze Zionistin, fähig jeder Entsagung und aufopferungsbereit, am Aufbau eines Staates in Erez mitzuwirken, glaubt des Urgrundes allen Judentums, der Bibel, entraten zu können. Etwas, nicht viel, besser steht es mit der Bibelkenntnis bei den Männern. Die Frommen kennen wenigstens aus den Vorlesungen das Fünfbuch und die Proplietenabschnitte, die im Gottesdienst verlesen werden, und vielleicht auch noch die Rollen. Aber schon ihrer ist nur ein Bruchteil. Wieviel sie vom Reste, von dem nicht kleinen und wahrliVH nicht unbedeutenden i eile der Bibei kennen, erscheint sehr fraglich. Unter den Männern neueren Geistes gibt es vielleicht einige, die immer und immer wieder Bibel lesen. Von denen mag mancher wirklich die ganze Bibel kennen. Aber auch das sind Ausnahmen. Richtig, es naht wieder einmal die Wende, an der wenigstens das Fünfbuch im Gottesdienst, also eigentlich von der gesamten Gemeinde, durchgelesen sein müßte. Aber ist dies denn wirklich von allen geschehen und warum soll nicht die Feier Anlaß geben zu dem Vorsatz, endlich einmal vom köstlichsten üeistesgut vollständig Besitz zu ergreifen? Blickt doch um euch und seht, wie die anderen euer Erbgut behandeln. Jeder einigermaßen gebildete Engländer liest die Bibel fast läglich, ebenso der Schweizer, der Holländer und auch in katholischen Ländern nimmt das Lesen der Bibel statt der früher gewohnten Auszüge immer mehr und mehr ZU. Noch im fahre 1883 läßt ein Romandichter in einem seiner Werke seine Heldin, allerdings eine calvinistisch erzogene Genferin. eine so tiefe Kenntnis der Cliarakterzüge der Söhne Jakobs verraten, daß man ihr schon ein immer wiederholtes Lesen in der Bibel zutrauen muß; und etwa 'wanzig Jahre später, kurz nach der Jahrhundertwende, erörterten in Norddeutschland auf dem platten Lande, Gutsbesitzertrauen und erwachsene Töchter unbefangen, aber mit tiefster Kenntnis, als Herzensangelegenheit die große Streitfrage zwischen Luthardt und Harnack. Wenn ihr jetzt wenigstens Ohren hättet zu hören und Augen zu sehen, so würdet ihr wissen, wie geliebt und geschätzt und vor allen Dingen auch gekannt die Bibel, eure Bibel ist. Vnr wenigen Wochen erst hat in einer Zeitung einer deutschen <i|_ --'-lichte Kaufmannsfrau des anderen Bekenntnisses, ^^HB|HHMHa^^^£i Jahrzehnte hindurch eine treue Genossin im Hause, eine treffliche Gefährtin und Mitarbeiterin im Geschäft gewesen ist und nun blind das schwere Los des Alleinseins zu tragen hat, das Ableben ihres Mannes gefaßt bekanntgegeben mit dem Hinweis auf die Stelle im ersten Buch Samuel, 3. Kapitel, Vers 18. Ihr aber, Kinder Israels, kennt dieses euer eigenstes Buch nicht. Nicht soll es euch hier gepriesen werden als der Weg zur Frömmigkeit, zum Glauben. Das ist nicht die Aufgabe dieses Aufrufs. Berufenere mögen euch zum Glauben führen. Der große Lehrer Spinoza meint zwar im Traktat, die Bibel lehre nicht den Glauben, die Biliel [ordere Gehorsam. Aber a'lte Erfahrung lehrt, daß die Bibel Ruhe bringt, Stille der Seele in Aufregung und Sorgen und Betrübnis. Ihr seid so oft das Volk des Buches genannt worden und auch heute noch ist euch, bedrängt von wirtschaftlicher Not, bedrückt von allen Bitternissen, vielleicht als einziges Glück, die Freude am Lesen, am Forschen und Lernen geblieben. Aber ihr, die ihr Vielleser und Allzuvielerlei-Leser seid, lest nicht das Buch der Bücher, und ihr solltet es lesen, immer und immer wieder lesen. Es ist gleich, ob ihr es zunächst lest mit Zweifel oder mit Zuversicht. Lect es zur Kurzweil, lest es zum ästhetischen Genuß oder aus ernstem Verlangen, einzudringen in seine Schönheit, in seine Hoheit und in seine Tiefen. Würdigt es literarisch, versucht, wenn ihr es könnt, den dunklen Vorhang der Geschichte von Jahrtausenden zu lüften, um zum geschichtlichen Verständnis zu gelangen, beachtet die Form des Buches hfiob und die Gedrängtheit der Weisheitsschriften. Erfreut euch an der Kunst, mit der gar nicht selten ein ganzer Roman in ein kurzem Kapitel, manchmal sogar in die Knappheit eines oder zweier Sätze zusammengefaßt ist, wie euch ausdrücklich nur die Tatsachen erzählt werden mit einer leisen Andeutung dem Leser überlassen wird, die seelischen Vorgänge, die diese oder jene Handlung auslöst, selbst auszumalen. Lauscht dem Rhythmus dieser kräftigen Rede, wie sie sich immer und immer wieder unversehens steigert, eben aus der eigenen Kraft heraus, zum Vers, zur gebundenen Rede, zum Gedicht, zum Lied. Ihr dürft euch nicht wegen euerer Nachlässigkeit damit entschuldigen, daß ihr noch nicht zu diesem ganzen Genuß gelangen könnt, weil ihr nicht das Original zu lesen versteht. Es gibt heute so viele und vortreffliche Übersetzungen in euerer Sprache, die auch jede Sprach- oder Redeschattierung wiedergeben. Wer von euch Nachlässigen hat denn wirklich den Wunsch, das Original zu lesen oder wenigstens einmal die eine oder die andere Stelle im Hebräischen nachzuschlagen, um mit Hilfe der Übersetzung und eines Lexikons, zum vollen Verständnis und Genüsse zu gelangen, da ihr doch bisiiei nicht einmal die Übersetzung gelesen habt. Lest eist uic Cibi! in uetitichei Sprache, denn iiii werdet sicherlich keinen Schaden nehmen, wenn ihr, gefesselt von der Übersetzung, doch öfters und öfters alte Schulkenntnisse hervorholt, erst einmal diesen oder jenen Satz, auf die beschriebene Weise euch zueignet und vielleicht doch einmal später zum Lesen des Originals gelangt. Wohl muß eine kleine Schwierigkeit anerkannt werden, die die Verleger jüdischer Bibelausgaben aus Überschätzung der allgemeinen Kenntnis von der Bibel verursacht haben. Die jüdischen Bibelausgahen enthalten im allgemeinen nicht, wie alle anderen, seit der Vulgata (das ist die Übersetzung des Hieronymus in das Lateinische) die Hinweise auf die gleichlautenden Stellen oder auf die Fortsetzung der Lrzählunj; in einem anderen Kapitel odo gai Buche. Das erschwert den schnellen Genuß der Erzählung. Wie mau aber auf einer Wanderung gern einen Blick in die Seitentäler wirft, so wird man auch beim Suchen nach der Fortsetzung der begonnenen Erzählung in der Bibel in den dazwischenliegenden Kapiteln förmlich im Fluge auch schöne und fesselnde Erzählungen finden. Eine falsche und doch wohl auch unaufrichtige Bescheidenheit wird manche oder manchen sagen lassen, wir sind heute räumlich und zeitlich so weit entfernt von jenen Vorgängen, die die Bibel erzählt, daß wir sie ohne Erläuterung nicht verstehen können. Die Bibel war, ist und wird immer ein Volksbuch sein und es ist ja das Rätselhafte, daß diese alte Bibel, diese Sammlung von Erzählungen und Gesetzen, von Kündungen und Lobliedern, Gebeten und Mahnungen, die doch alle einmal zu einer bestimmten Zeit ausgesprochen worden sind, immer lebendig war und immer lebt und immer wieder d- •. rechten Sinn für ihre Zeit und für unsere Zeit wiedergibt. Es