Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 38 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M t 17.SEPTEMBER 1937 / 12.TISCHRI 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 38 Die Hütte. Noch hielten sie mitten in der Wüste. Morgens fiel ihnen das Manna zur Speise; dann und da war das Wasser knapp; immer wieder gürteten sich die Chaluzim wider feindliche Stamme und ihre tüchtigen Krieger; immer wieder schlug der Wunsch nach Ruhe, nach dem endlich Daheimsein hoch, wurde ein Murren, wurde ein Aufruhr. Noch mitten in den Jahrzehnten dieses harten Wüstenlehens, in dem sie erst einmal vergessen mußten, was da war: Ägypten noch mitten in dem Zwang der Lebensnotdurft, der täglich neue Bitternisse brachte — mitten in diesem Lehen der Absonderung und Aussonderung redet Möschen zu ihnen, und keines seiner Worte, keine einzige Satzung sagt ihnen etwas von der eignen Lehensstunde; nie wendet er sich mit einem Trost über ihre gegenwärtige Lage zu ihnen. Alle seine Reden an sie beginnen: „. . . wenn du in das Land kommst . . ." Gesetz um üesetz wird für eine Zukunft gegeben, die sehr viele von denen nicht erleben werden, die es anhören. Und wir Nachfahren müssen diese Lage der Heimatlosen erst tief in uns erfahren, um ganz zu begreifen, was ein solches Gebot für sie heißen mußte: „Dies sind die Feste des Ewigen . '. ." und unter ihnen das in der Wüste noch gar nicht als Fest Vorstellbare: „In den Hütten sollt ihr wohnen, sieben Tage lang. Jeder Linheimische in Israel soll in den Hütten wohnen, damit eure künftigen Geschlechter wissen, daß ich in den Hütten weilen ließ die Kinder Jisrael, als ich sie aus dem I ar.de Mizraim führte. Ich bin der Fwige, euci Gott." Was konnte ihnen ein Gesetz bedeuten, das Feste und Feiern ansetzte und ordnete und in seinen Sinnbildern ihre eigene Gegenwart schon als Geschichte erscheinen ließ? Wieviele unter diesem „Volk harten Nackens", das immer bereit zum Murren, zur Widersetzlichkeit und zum Abfall schien, begriffen die ganze Wucht der Verheißung, die in dieser Vorausnähme einer künftigen Lebenslage erschien? Welches Geschlecht hat jemals die Kraft besessen, seine Gegenwart schon als Zukunft zu leben? Von dem Geschlecht in der Wüste wird es verlangt. Und von uns wird es verlangt, wie es in allen Zeiten Aufgabe der Kinder Israels war, in der Wüste der (ioia schon an die Zukunft des erlösten Landes und des erlösten Menschen zu denken; und in der Seßhaftigkeit nicht zu vergessen, daß sie aus der Wüste kämen. In allen Zeiten! An jedem Sukkothfest erneuert sich uns die Forderung dieses „gcsdiichtiich-Lebens". An jedem Sukkothfest steht für uns die Hülie wieder da, eine Erinnerung an geschichtliche Vergangenheit, eine Hinweisung auf die ewige Situation Israels. Sie bedeutet immer wieder: Gola-Schicksal! Die da feste Häuser besaßen, werden mit der leichten Hütte der Wanderschaft zufrieden sein müssen, die au feste Stätten und Verankerung ihres Besitzes für Kinder und Kindeskinder glaubten, stehen wieder wie die Väter mit dem Waudcrstab auf der Straße und hören von neuem das „Lech L'cha" — „( ich fort aus dem Hause deines Vaters, in ein Land, das ich dir zeigen werde". Mit dem Sinnbild der ewigen Unsicherheit aber verbindet die fromme Deutung zugleich einen anderen Sinn: Israel mag getrost aus seinen steinernen Häusern in die leichte Laubhütte der wfistenwandtrung zurückkehren — es bedarf keiner Mauern und Sicherungen durch Tor und Riegel und festes Dach —- sein Schutz und seine Feste ist sein Gott. So wird die Hütte des Sukkothfestes zum dreifachen Gleichnis. Sie bindet uns an unsere Geschichte und vergegenwärtigt die immer wiederkehrende Situation Israels in unseren eigenen Tagen. Sie verwirft die immer wieder enttäuschende Hoffnung, daß der Jude festes Haus und feste Wege fände, wie die Menschen anderer Völker, diese Hoffnung, die die Unsem immer wieder dazu verführt hat, fremden Göttern zu dienen; sie wollten damit beweisen, daß sie seien „wie die andern". Die Unsicherheit der schwanken Holzhütte unter dem offenen Laubdach wird so zum Gleichnis für diejenigen, die da glauben, daß man sich die Sicherheit unter den Völkern durch das Aufgehen in ihnen, in ihren Leistungen, Eigenarten, Weltanschauungen, in ihrer Liebe und in ihrem Haß verdienen könne, — aber Sicherheit verdient man sich nicht, wenn man fade i'-t. Dkov. Sicherheit hat mnn und nichi in den Dingen des äußeren Lebens und seiner Erscheinungen — man hat sie als Jude nur und ausschließlich In der „Berufung zum l tciligen",* in der die Erwählung besteht und um derentwillen wir Kinder des Bundes heißen. Weil diese Sicherheit im Unsicheren da ist, unverlierbar da ist, darum wird die leichte Hütte der Wanderschaft am Sukkothfest zum strahlenden, heiteren Raum, in dem alles Gute der Herbsternte die Wände und die Decke schmückt, in der sich die Gleichnisse des nährenden und spendenden Bodens mit denen unseres geistigen Daseins lieblich vereinen. Dil Fröhlichkeit des Mahls, die gern und heiter geübte Gastfreundschaft zeichnen Sukkoth aus, und es ruht, wie alle Feste Israels, mit seinem Glanz und seinen Gaben auf dem Tisch, es ist ein Familienfest wie fast alle unsere I eiern. Wir sitzen in der Hütte, die schmal und eng die Menschen aneinanderrückt, wie Not sie ancinanderdrückt. wir singen und segnen an dem hellen Tisch, wie Freude singt und segnet. Zwischen Wanderschaft und Wanderschaft ist uns der Schutz Gottes der Besitz, der die kleine Hütte zum sicheren Haus verwandelt. Von den Wundern des Mannas und des Wassers, das aus dem Felsen rann, redet das Zeichen der Wüstenjahre zu uns und zu den Kindern neben uns — zwischen Abfall und Heimkehr sitzen wir ewig Erneuten und hören aus dem Wind, der in den Zweigen des Daches spielt, die holde Mahnung dieses Festes: „Seid getrost!" Dr. M. W. Ludwig Lehrfreund: Skizze einer Kongreß- und Palästinafahrt i. Züricher Kongreß. Zionistische Freunde aus aller Welt drücken einem die Hand und schon beginnt die Diskussion. In Einzelbesprcthungen, Fraktions- und Landsmannschaftsberatnngcn, im Plenum — überall die eine große Frage des Kongresses: Judenstaat auf einem Teile Palästinas? Aber auch der erbittertsten sachlichen Fehde wird jeder persönliche Stachel genommen — ein erfreuliches Zeichen für die politische Reife der Bewegung. Die einzige Ausnahme bildet der ajudenstaatler" Großmaim, der aber nicht ernstgenommen wird. Die überragende Figur ist Weizmann; er kämpft wie noch nie 'm Plenum und den Fraktionen. Ussischkin, schon der große Antipode Herzls, bleibt seiner historischen Rolle treu. Der Zweikampf wird dramatisch; aber je mehr die Debatte fortschreitet, um so sicherer wird die Majorität Weizmanns. Der Kongreß erkennt seine Führung, seine uberragende staatsmännische Persönlichkeit an. Weizmann wird der Verwirklicher des Herzischen Hraumes. II. Flug entlang den Alpen, die als gigantische Mauer die blühenden Auen Norditaliens umsäumen. Vom blauen Gardasee her winkt die Erinnerung an schöne Tage. Die riesige Arena Veronas ragt empor. Dann wird die Märchenstadt Venedig ganz niedrig umflogen. Silbern blinkt die Adria herauf. Wie ein großer weißer Vogel gleitet das Flugboot in den Hafen Triests, gerade als die Sirene des Dampfers „Palästina" zum Einsteigen mahnt. III. Wie ganz anders ist heute die Fahrt nach Erez Israel. Ehedem romantische Erfüllung einer romantischen Sehnsucht. Heute eine sehr moderne gesellschaftliche Angelegenheit mit (koscheren) Diners, Soupers, Konzerten, Bordfesten. Wenn es keine längeren Gespräche mit einigen prominenten Palästinensern gegeben hätte, die ebenfalls gleich nach Abschluß de. politischen Debatte in Zürich an ihre Wirkungsstätten zurückkehrten, — die Schiffsreise wäre nicht im mindesten von den üblichen Mittelmcerlustreisen zu unterscheiden. IV. Bis am fünften Morgen Haifa weiß entgegenleuchtet, Kern und Konturen des werdenden Wclthafens. Dieser erste Eindruck, c.aß nur eine Grundlage und Umrisse für die künftige Entwicklung gelegt sind, verdichtet sich mehr und mehr, sowohl auf dem Lande wie in der Stadt. Nach stürmischem Vorwärtsdrängen hat man immer noch Mühe, mit vielen selbstverständlichen Dingen nachzukommen, gepflasterten Straßen, Wasserleitung, elektrischem Licht F? wird auch weitergebaut, neue Siedlungspunkte werden angelegt und e.ngerichtet.