Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 35 (27.8.1937)
- Date
- 1937-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492399-6492404-5990775--026-4882592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
m~mm. — /y X JND NACHRICHTEN BLAÜ DER 6EM EIN DEVERWAL^ TIIMCIM"!) ICDnCIITIrTUQ! ncnriAMrof-iinMnr?!! ■ iü'ii'v ^'Lf\iJüHLLiiiJi/iiLn MüV;iv/iuULlYlLllll/LZ.U IEID7lfi kiifi.IV ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUKRAGltN DESREKÄMINKIEB llWratll UND NOMfiNHi BBUBBQAfAQtDHG DS 27. AUGUST 1937 / 20. ELLUL 5697 13. JAHRGANG / NUMMER 35 Die Kenessio Gedaulo. Im Marienbader Kursaa! tagte vom 17. -23. August der Dritte Weltkongreß der Agudas Jisroel (Kenessio Oedaulo). Der Kongreß« saal war mit tschechoslowakischen Flaggen und mit I ahnen, die die Losungen der Kenessio Oedaulo trugen, reich geschmückt. An der Eröffnungssitzung nahmen bOO Delegierte, 1211 Delegierte der Frauen* verbände und über 10000 Oiste aus den meisten Ländern der Welt, insbesondere aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, osterreich, England und Amerika teil. Begrüßungsansprachen hielten Vertreter der tschechoslowakischen Regierung, der polnischen und der englischen Gesandtschaft in Prag, der Stadtgemeinde in Marienbad und der Leiter des politischen Departments der Neuzionistischen Organisation, Prof. Dr. Benjamin Akzin, der die Grüße Wladimir Jabotinskys überbrachte. Der Kongreß bereitete dem Vertreter der NZO. eine herzliche Ovation. Jacob Rosen heim richtete in seiner Eröffnungsansprache scharfe Angriffe gegen den Zionismus, der in das jüdische Volk Verwirrung getragen und ihm die Seele geraubt habe. Der Redner gellachte des üründungskongresses der Aguda, der vor 25 Jahren stattgefunden hat und erklärte, es sei dies die natürliche Reaktion der historischen Wahrheit auf das weltliche Volkstumideal des Zionismus gewesen. Der Bericht der Kgl. Kommission für Raiästina wurde von Präsident Rosenheim in seiner Ansprache nicht berührt. Worte der Huldigung sprach Rosenheim für den Präsidenten der Tschechoslowakei Benesch und den Altpräsidenten Masaryk. Die Krisis der Welt, so führte Rosenheim u. a. aus, hat ihre letzte Ursache darin, daß die Kulturmenschheit biologisch und technisch überreif wäre, zu einem großen lebendigen Organismus neben- und füreinander lebender Völker zu werden, während die religiösethischen Kräfte, die zum wirklichen Aufbau dieses großen Brith-Am (Völkerbund) nötig wären, völlig versagt haben. Der Völkerbund mußte zerfallen, weil das übergeordnete Prinzip, weil das Oesetz fehlte, das die natürlichen Egoismen der souveränen Nation in das Gefüge einer übernationalen sittlichen Welt einbaut. Was Wunder, daß gleichzeitig mit dieser ethisch-politischen und wirtschaftlichen Kiisis der europäisch-amerikanischen Kulturwelt das jüdische Volk in den Strudel einer seit Jahrtausenden in dieser Allgemeinheit und Schüfe nicht dagewesenen Oeschichtskrisis hineingeschleudert wurde. Soll das jüdische Volk seiner metaphysisch-geschichtlichen Aufgabe genügen, das Ferment des organischen Einhcitsaufliaues der Völkergemeinschaft zu werden, so muß es zu allererst selber dastehen als wiedergeborener, vom Ootteswort als Zentralseele belebter Organismus. Zwei scheinbar entgegengesetzte, jedenfalls im starken Spaniiungsverhältnis zueinander befindliche nationale Aufgaben von höchster Aktualität stehen für die Kenessio üedaulo im Vordergrunde: die politische, wirtschaftliche, religiöse Zukunft Ercz Israels, möge es nun in den bisherigen Formen der Golus-Heimstätte des jüdischen Volkes bleiben oder unter dein Namen eines jüdischen Staatswesens neue tragische Problematik für das Volk der Thora heraufbeschwören, und auf der anderen Seite der nun in der Tat immer stärker drohende Wandersturin, der Massen des jüdischen Ostens über alle Kontinente treibt. Kein sterbliches Auge vermag den Schleier zu durchdringen, der die politische und wirtschaftliche Zukunft der verelendeten, um ihre nackte Zukunftexistenz ringenden jüdischen Volksmassen in den Ländern der Not oder die Entwicklung der Zufluchtsstätte auf dem Boden Erez Jisroels verhüllt. Das aber wissen wir um so sicherer, daß es nur ein unfehlbar wirkendes tausendfach erprobtes Mittel gibt, um die nationale Existenz unseres Volkes allen Wechselfällen der Geschichte zum Trotz, ob im üolus oder in Erez Israel, zu sichern: taurosenu hakdauscho (unsere heilige Lehre). Den Problemen der Erziehung unserer Söhne und Töchter wird darum der erste Tag unserer Beratungen über die inhaltlichen Aufgaben des organisierten Klal Jisroel gewidmet sein. Was in den Jescniwaus als höchste Wissenschaft der Thoranation gepflegt wird, das muß alle Adern und Zellen des Volksorganismus in einem wohl ausgebauten mittleren und unteren Schulwesen durchdringen, wie es Keren Fiatora und Bet Jakob erstreben. Agudas lisroel ist, fuhr Präsident Jacob Rosenheim fort, nicht etwas Statisches, sondern ein Dynamisches, eine Bewegung. L>ie Ke nessio Oedaulo ist ein dreifacher Schofarruf dieser wiedererstehenden jüdischen Nation. Er ergeht an das Svmposion der Nationen. Er ruft sie auf, über alle Verschleierungen und Verkleidungen, über alle Verkennung und alles Mißverstehen hinweg das historische jüdische Volk in seiner wahren Oestalt, in seinem täglichen Märtyrcrtum wie in dem religiösen Schwung seines unscheinbaren und doch so einzigartigen Alltagslebens zu erkennen, fordert sie auf, diesem Volk der Thora, wo immer auf Erden, gewiß aber auf dem Boden seiner alt .-n Heimat, die volle Entfaltung seiner weltgeschichtlichen religiösen Mission zu ermöglichen, wie die Propheten sie verkündet. Aus der Tiefe unseres Wahrheitsbewußtseins sollen wir es laut verkünden: jüdisch ist nur die von dem historischen jüdischen Volke unter unerhörten Opfern vollzogene Aufprägung der Königsherrschaft de* einen einzigen Oottes auf die ganze Fülle menschlich-kultureller Werte, auf das Kleinste und (irößte im Leben der Individuen wie der Nationen im Oeiste unserer ewigen Lehre. Der dritte Schofarruf unserer Kenessio Oedaulo wendet sich an den weiten Kreis jüdischer Brüder und Schwestern, an die aus dem Taumel der Assimilation unsanft aufgerüttelte jüdische Jugend, die den Irrtum ihrer abgefallenen Vät vielfach erkennt, den Weg der reinen Wahrheit aber noch nicht gründen hat. In den acht Jahren, die seit der letzten Kenessio Gedaulo verflossen sind, haben unter der Wucht des Oeschehens Tausende junger Juden und Jüdinnen den bequemeren Wey des religionslosen Nationalismus beschritten und sich damit selber die Heimkehr verrammelt in die innersten Gemächer des lichtdurchströmten Vaterhauses. Aber unendlich groß ist noch immer der Zug der suchenden, der durstigen jüdischen Seelen. Schaut hin auf Nathan Birnbaum s. A., den Mann, der wie ganz wenige, den Mut iiatte, aus dem Lager des äußersten nationalistischen Radikalismus den Weg der Heimkehr zu Ende zu gehen. Sein Feuergeist möge über dieser Kenessio Gedaulo schweben und das Sechus aller der großen Sorej Hatora, der Jeschorim, Zaddikim ukedauschim, die in diesen acht Jahren von uns gingen, uns beistehen in unserem Werke. Mit einem hebräisch gesprochenen Gebet schloß Präsident Rosenheim. In dem in der ersten Arhcitss.t/.ung erstatteten Tätigkeitsbericht der Executive der Agudas Jisroel wandte sich Präsident Rosen - heim u. a. dem Verhältnis der Agudas Jisroel zum Misrachi zu und erklärte: Mit Sehnsucht erwarten wir den Moment, wo der Misrachi sich aus der Umklammerung durch die Zionistische Organisation befreien wird. Es kann sein, daß die um Palästina jetzt entstandenen Ausgabe der Freikarten für den Gottesdienst in der Gemeindesynagoge, Gottschedstraße. Auf Grund der inzwischen eingelaufenen Gesuche um Bewilligung von unentgeltlichen Einlaßkarten zum Gottesdienst in der (iemeindesynagoge wird die Verteilung von Freikarten an folgenden Tagen vorgenommen: Montag, den 30. August 1037, nachmittags von 4—5 Uhr, Freikarten auf die Namen mit den Anfangsbuchstaben A bis F; Dienstag, den 31. August 1937, nachmittags von 4—5 Uhr, Freikarten auf die Namen mit den Anfangsbuchstaben G bis L, Mittwoch, den 1. September 1937, nachmittags von 4—5 Uhr, Freikarten auf die Namen mit den Anfangsbuchstaben M bis R, Donnerstag, den 2. September 1937, nachmittags von 4—5 Uhr, Freikarten auf die Namen mit den Anfangsbuchstaben S bis Z. Nachdem vielfach darauf hingewiesen worden ist, daß Freikarten nur auf besondere schriftliche Gesuche zugeteilt werden können, wird mitgeteilt, daß nur in den Fällen Freikarten zugeteilt werden können, in denen bereits schriftliche Gesuche im Gemeindeamt vorliegen. Die Ausgabetage und -zelten sind pünktlich einzuhalten. Die Ausgabe erfolgt im ersten Stock des Gemeindeamtes im Anmeldungszimmer. Leipzig, den 24. August 1937. Der Vorstand der israeiitischen Keligjonsgemeinde zu Leipzig.