Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 31 (30.7.1937)
- Date
- 1937-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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13. Jahrgang - Nr. 31 Auflage 3200 Stack 30. Juli 1037 DER ISRAELITISCHEN REUG10NSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG i Dr. s. Samuel: Wissenschaft das Spatens Zu Professor E. L. Sukeniks Berliner Synagogen-Vortrag. Es war ein wissenschaftliches Ereignis, das eine große, gespannt lauschende Zuhörerschaft in der Synagoge Prinzregenten-Straße auf Anregung der „Vereinigung der Freunde der Universität Jerusalem" am 15. Juli ds. Js. erleben durfte. Prof. Dr. Sukenik, der führende Archäologe dieser Hochschule, gab einen Überblick über die von ihm im heil. Lande durchgeführten, jüngsten Ausgrabungen. Obwohl er in seinem, von Lichtbildern unterstützten Vortrage sich fast allein mit der im Jahre 35 abgeschlossenen Freilegung des alten Schorn - ron (Samana) beschäftigte, so fielen doch Streiflichter auf die früheren, z.T. in Verbindung mit Prof. L.A.Mayer unternommenen Arbeiten, deren Ergebnisse bereits in einer Reihe von hebräischen und englischen Tafelwerken bekanntgegeben sind. Bevor wir auf obenerwähnten Vortrag Sukeniks eingehen, mag einiges über seine früheren Leistungen vorausgeschickt werden. Der Gelehrte hat sich zuerst einen Namen in der wissenschaftlichen Welt erworben durch die Entdeckung zahlreicher, antiker < irabanlagen am Abhang des <")lberges. Sein Vortrag „Jüdische üräber Jerusalems um Chr. Geburt", gehalten in der „Archäolog. Gesellschaft, Berlin" am 6. Januar 31, ist in deutscher Sprache gedruckt erschienen. Es handelte sich um sogen. Ossuarien, in denen man die Oebeine teurer Verstorbener sammelte und aufbewahrte, deren Deckel Schmuckzeichnungen, deren Wände Inschriften trugen. Es wurden 'hier hebr. Namen in der Form bekannt, wie man sie in der letzten Epoche vor der Tempelzerstörung und im älteren, hellenistischen und talmudischen Zeitalter führte. Aber auch die Sitten und Gebräuche bei der Bestattung, die Ehrung der Toten u. a. wurden neu beleuchtet. Eine weitere Leistung war die Entdeckung der sogen. 3. Mauer von Jerusalem (hebr. u. englischer Bericht, 1930). Sie war so verfallen und durch römische, byzantinische und arabische Baulichkeiten verdeckt, daß viele Versuche ihrer Feststellung gescheitert waren. Erst Sukeniks an den Quellen orientier* ten Bemühungen gelang es, ihren Verlauf im Norden der Stadt nach zuweisen, ja «ogar ihre beulen Bauperioden, die erste unter König Aprippa I., die zweite, überhastete, kurz vor der Einschließung der Stadt durch Titus. Sie widerstand diesem nicht lange; und einige der gewaltigen Steinkugeln, die sie trafen, sind heute im Archäolog. Museum der heil. Stadt Schauobjekte. Eine besonders glückliche Hand bewies Sukenik durch die Entdeckung der antiken Synagoge zu Beth-Alpha am Fuße des üilboagebirges (The ancient Synagogue of Beth-Alpha, to the memory of Louis Marshall, 1932). Ihre bauliche Eigenart, Anlage der Bima für den Aron hakodesch, Sitze der Altesten, der Männer und Frauen, Orientierung nach Süden, d. h. Jerusalem; aber auch die Einzelheiten, die schönen Kapitäle der Säulen, wie die wunderbaren Mosaiken des Fußbodens brachten reichere Erkenntnisse einer echtjüdischen Kunstbetätigung, als sie selbst dem Tafclwcrk von Kohl und Watzinger „Galiläische Synagogen." zu entnehmen waren, wer einen kleinen Einblick in diese Welt gewinnen will, greife zu dem Schocken-Doppelband 75 7o von Adolf Reifen berg: Denkmaler der jüdischen Antike; mit Einleitung von L. A. Mayer. Kommen wir nunmehr zu Sukeniks Synagogen-Vortrag, der „die alte, jüdische Volkskunst" im Lichte der Ausgrabungen von Samaria behandelte. Über vier Jahre hat der Gelehrte dieser Aufgabe gewidmet; die Ergebnisse entsprachen seiner hingebenden Arbeit, wie oft begegnen wir im bibl. Schrifttum dem Namen Schönnen, d. i. Samaria. Königsbücher und Propheten zeugen "on ihrer Bedeutung, ihre frühe Zerstörung durch die Assyrer (72 i vor d. ü. Z.) 'indet ein schmerzliches Echo; doch der Prophet Jeremia tröstet sie, die das Nordreich der zehn Stämme vertritt, ebenso wie Jerusalem. Noch Salomo Gabirol läßt beide Städte wie Schwestern im Zwiegespräch ihr Schicksal beklagen und ihre Begnadung von Gott ^hoffen. Sie war nach jener Zerstörung langsam wieder besiedelt Wurden; von Kutäern, Persern, Griechen, Römern, aber auch Israeliten. Sie gab seit der Hasmonäer-Zeit einer ganzen Provinz ihren Namen, und Herodes ließ sie zu Ehren von Augustus als Sebaste in neuem Glänze, mit „modernen" Gebäuden und Anlagen (Stadion und Theater) geschmückt, wiedererstehen. Erst in arab.-türk. Zeit verfiel die Altstadt gänzlich; und zuletzt verriet nur noch das am Abhang liegende Dorf mit dem hochtönenden Namen Sebastije die Lage der einstigen Hauptstadt. Ausgerüstet mit den besten Mitteln und Methoden einer verfeinerten Wissenschaft des Spatens, ging Sukenik hier ans Werk, und erweckte durch Freilegung ihrer wichtigsten Bauwerke und Wiedergewinnung mancher verschütteten Schätze der Kleinkunst den Nachruhm der einstigen Herrlichkeit. Vor seinem geistigen Auge stand sie, wie sie der Prophet Elischa in ihrer Blüte gesehen und bewohnt, der Prophet Micha Kap. 1, Vers 6—7 geschildert hat. Von Omri gegründet, dem Vater des Königs Ah ab, des Gemahls der Isebel; von allen späteren Königen Israels zur Residenz erkoren, zeigt noch jetzt eine Fliegeraufnahme die Vorzüglichkeit ihrer Anlage auf sanftem Bergesrücken. An der Hand von Lichtbildern verfolgen wir den Verlaut der Ringmauern, und bekommen Respekt vor den für jene Zeit mächtigen Befestigungen. Sukenik legte besonders die Fundamente der nordwestlichen Torecke bloß, die überaus geschickt für Ausfälle gegen anstürmende Feinde angelegt war( wahrend sie dem Eindringen dieser durch ein Gewirr von Sackgassen gefährlich wurde. Eine neue Beleuchtung erfuhr /.. B. die Szene von dem im Tore von Samaria zu Tode gekommenen Hauptmann, der dem Worte des Propheten nicht geglaubt hatte (2. Buch d. Kön., Kap. 7). Volle Aufmerksamkeit verdienten die Trümmer des Königspalastes, der schon durch seine Größe (210 in lang, 110 m breit) imponierte. Er umschloß außer den königlichen Gemächern auch Bauten der Hofbeamteu und Krieger; sein Dach ward von Säulen mit prächtigen Kapitalen erhtjüdisenen Stils getragen; überall begegnet man Palmetteu und Rosetten in fein angelegten Farben. Das Interessanteste aber bilden die reichen Elfenbein-Funde, die den Namen des Palastes als „Elfenbein-Haus" rechtfertigen. Erzeugnisse der Kleinkunst in diesem schwer zu bearbeitenden Materiar müssen uns in Erstaunen setzen: da gab ex Darstellung von Tierszeneu, auch einzelne Tierfiguren z. T. mit Goldauflagc und eingelegten Augen; Cherubc (Fabelwesen mit Menschenantlitz und Flügeln zu einem Löwenkörper); Klciuplastiken von Männer- und Frauengestalten; endlich Gegenstände des täglichen Gebrauchs; Keramiken mit reicher Bemalung. Es kamen endlich hinzu sogen. Ostraka, d. h. Scherben mit Inschriften; auch trugen Bausteine gewisse Zeichen und Namen, die wichtige Aufschlüsse an die Hand gaben. Prof. Sukenik verfehlte nicht, auf die wertvolle Bereicherung hinzuweisen, die unser Wissen um das innere Leben, Religion und Kultur des Nordreichs aus seinen Entdeckungen ziehen könnte. Nirgends ist die Spur eines Gützentempels gefunden worden; selbst die Spuren des Bilderdienstes sind gering; nur scheint es so etwas wie einen Totpiiknltn« gegeben zu haben, woiauf Überreste in den \ Grabkammeru hinweisen. Im ganzen meint der Gelehrte, hat die politische Rivalität zwischen Jerusalem und Samaria das Urteil über etztere Stadt getrübt, und kann die Wissenschaft des Spatens ihr zur Ehrenrettung werden. Mit gespanntem Interesse werden wir besonders in heutiger Zeit von ihr immer helleres Licht erwarten, da es zugleich Licht bedeutet über die nie vergessene, historische Heimat unseres jüdischen Volkes. Richtlinien für die Stellung der Juden im Schulwesen Mit Erlaß vom 2. Juli 1937 hat der Reichsem'ehungsministcr eine Zusammenfassung der Richtlinien über die Rechtsstellung der Juden im deutschen Schulwesen gegeben, nach denen bis zu einer späteren reichsgesetzlichen Regelung der Schillerziehung jüdischer Kinder zu verfahren ist. Der Erlaß geht davon aus, daß