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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-07-09 · 28 (9.7.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
28 (9.7.1937)
Date
1937-07-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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f* $ 13. Jahrgang - Nr. 28 Auflage 3200 StQck 9. Juli 1937 m^^^^^^mßiWM, IHM l^^^^^^^l^^^i^^ü^li^^^^ DER ISRAELITISCHEN 1 F I n 7 I fi AMTLICHES NACHRICHTENBLATT REHGIONSGEMEINDE ZU LC I YL I U DER GEMEINDEVERWALTUNG Martha Wertheimer: Freundschaft - jetzt. Auf dem Bücherbord stehen gesondert und mit einer leisen Zärtlichkeit betreut ein paar Bände, nur für solche Stunden bestimmt, in denen man neben diesen allenfalls noch zu Gedichten geistigen Raum offenhielte: Briefwechsel, Briefe der Freundschaft und der Liebe, von Menschen geschrieben, denen einmal die Stunde des Schreibens zum Fest wurde und die Stunden des Wartens zum Schmerz, die im Lesen eines Briefes die Gewißheit der Nähe wiederfanden. Es sind sehr lange Schreiben, die da gewechselt wurden und die wir heute noch als Wahrzeichen großartiger seelischer I laltung, weisen Rates, menschlicher Begegnung fromm bewundern, es sind Gespräche, die Freunde miteinander führten, als beide zur Reife gekommen waren und Welt und Menschen gehn und gelten ließen. Sie hatten Zeit, diese Freunde, darum schufen sie ihre Freundschaft als Kunstwerk. Sie hatten Zeit, darum war ihnen die eigene Umwelt ein Werkstoff, und wir empfangen, bis zur Stunde, was an Gestalt daraus wurde. Freundschaften, die Zeit hatten, in langen Jahren auszureifen; Freundschaften, die langsam und stetig nach ihrem inneren Gesetz wuchsen, wie alles Geschaffene, die etwas vom Leben schöner Bäume in reichem Boden haben und denen es darum gegeben wai, zu ihrer Zeit zu blühen und Früchte zu tragen! Wir wissen, wie sieh Menschen anderer Jahrhunderte, anderer Jahrzehnte begegneten, wie langsam, wie geruhsam sich ein Verstehe:: erschließen durfte, ohne daß die Menschen, um deren Freundschaft es ging, von der Angst getrieben sein mußten, sie könnten diesen und eben diesen und eben jetzt verlieren, er könne ihnen wieder aus den Augen geraten, er könne in eine räumliche Ferne entgleiten, aus der ihn kein Wunsch und keine Sehnsucht je wieder zurückzubringen vermöchte. Aber in uns ist diese Angst. In unserer jüdischen Situation, wie sie heute und nicht nur in Deutschland sich darstellt, begegnen sich Menschen überall im Aufbruch. Zweie, die in anderen Jahren getrost aufeinander hätten warten können, die sich Begegnung und Wiederbegegnung hätten gönnen dürfen, stehen heute voreinander und u issen vom ersten Einklang an, daß sie keine Zeit haben, aufeinander zu warten. Wo heute zwei jüdische Menschen einander begegnen und aus dem ersten raschen Blitz des Verstehtns, aus dem ersten Aufhellen ihrer Übereinstimmung, einer Ergänzung, einer Steigerung den Wunsch spüren: „— dich möchte ich in meinem Leben wissen!", wo heute zwei \ auf gleichem Arbeitsweg aus gleichem religiösen oder gesellschaftlichen Ideal die gleiche Sprache sprechen, da haben sie nicht mehr den Mut zu zögern, sie haben nicht mehr den Mut zu der Schnm, die sich selbst verschweigt, sie haben nicht einmal mehr den Mut zum dienenden Werben und zum scheuen Fragen. Sie müssen einander fordern. Wunderbare Keuschheit des Aufeinanderwai iens ist verloren. Die schöne Ruhe des Reifens ist etwas aus der Vergangenheit, aus der Zeit, von der jene gehegten Briefe und Gespräche aus der Ferne stammen. In allen Freundschaften, die heute von Juden unter uns geschlossen werden, liegt ein Getriebensein, brennt die Frage: „Und wann gehst du wieder?" Es ist ein Schmerz dabei. Und in aller | )he und aller Vertrautheit schwingt schon der Abschied mit. (Aber laßt es uns nicht beklagen. Wenn uns verloren geht, was den Freundschaften anderer Zeiten und Menschen in einer vermeintlichen Sicherheit der Lebenshaltung und Arbeitswirkung ihren Reiz und ihre Werte gab, so gibt unseren Freundschaften die Rasdiheit äfiS Lntsrhlusses und die Bereitschaft zur Trennung einen Zauber \ ohnegleichen. Unsere Freundschaften, die schnell geschlossenen, brennen mit einem anderen Feuer. Unsere Gespräche werden tief und leidenschaftlich, unsere Gedanken steigen steiler, unser Fühlen füreinander lodert mit starken Flammen und hat Leuchtkraft weithin. Es ist, als seien wir auf einen anderen Stern gekommen, auf einen jungen Stern, der der Sonne näher und in sein-n Umlaufzeiten um ein Vielfaches schneller ist. Seine Tage sind wie unsere Stunden, seine Jahre wie unsere Wochen. So leben wir die Stunden miteinander, als seien sie ebenso viele Tage, und was uns an Tagen geschenkt wird, wächst in unserem verdichteten Dasein zu Monaten ' hin. So ist die Zeit anders, und die Begegnung, die entscheidet, drängt oft noch in der gleichen Stunde zu Erkenntnis und Bekenntnis. Dies ist Freundschaft unserer Zeit. Dies ist Freundschaft und Liebe zwischen Menschen, die im Aufbruch sind. Sie leben herrlicher, weil der Abschied nahe ist. Sie sind mutiger, heftiger, heißer. Wie aber, wenn wir unter dem Aspekt des anderen, jungen Sterns nicht nur dies Jetzt und Eben, nicht nur unsere Freundschaft und unsere Liebe betrachten sollten? Wenn Trennung, Abschied über unserem ganzen Dasein schwebten und ihm die Leidenschaft, die Bereitschaft, die Hingabe, die Glut schenkten? Wenn unsere Freundschaft mit dem Leben so anzuschauen wäre — käme uns nicht eine wunderbare Erhöhung, eine fromme Tiefe aus dieser anderen Notwendigkeit? Das ist: wir leben zu wenig mit dem Tode. Die an ihn denken und von ihm wissen, die diesen Abschied von dem Leben nicht aus ihren Gedanken wegweisen, ihn nicht nur als ein Zukünftiges, sondern als etwas sehen, was vor ihnen steht, nah und zu benennen, die leben entweder wie Verurteilte in Angst und fliehen vor dem Gedanken oder sie sind Heilige; dann leben sie nicht in Freundschaft mit dem Leben. Weder die einen noch die anderen haben uns hier etwas zu sagen, sondern an uns denke ich, au uns, die wir das Leben lieben, weil es unser ist, weil wir für einen Zweck oder — herrlich! — für eine Idee, gebraucht und verbraucht werden, weil wir wissen, wie eine Handvoll Ackereide sich anfühlt, wie Sonne auf dem Gesicht brennt, Wasser über Schwimmerarme strömt, was Tränen sind und aus welchen Tiefen her man lachen kann. An uns denke ich, die mit dem Leben eine kurze, schnelle Freundschaft geschlossen haben, die ein Erkennen und ein Bekennen ohne Zögern, ohne Sichzieren, ohne leere Form verlangt. Lebten wir doch mit dem Tode, wie wir mit dem Abschied vom Freunde leben! Es wäre wert, daß unsere Stunden wie Tage und unsere Wochen wie Jahre sind. Ausgabe der Synagogenkarten. Die Erneuerung der Synagogen-Karten findet bis zum 26. Juli 1937 in der Zeit von 930—1230 Uhr im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Straße 10, 1., statt. Karten, die nicht rechtzeitig abgeholt sind, werden anderweitig vergeben. — Eine schriftliche Erinnerung erfolgt nicht. Leipzig, d. 6. Juli 1937. Der Vorstand der israelitischen ReHgionsgcrne'nde zu Leipzig.

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