Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 25 (18.6.1937)
- Date
- 1937-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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'. w 13. Jahrgang - Nr. 25 Autlage 3200 Stack 18. Juni 1037 H^^sigi|is|| MMN l^^^^^Jl^ll#iyii^H^JiHISi^J^ DER ISRAELITISCH EN C DTIß AMTLICHES NACHRICHTENBLATT RELIGIONSGEMEINDE ZU LC I Y L I U DER GEMEINDEVERWALTUNG Dt. s.Samuei: Der Stern der Erlösung. Franz Rosenzwetg's Hauptwerk »Der Stern der Erlösung", W2\ zuerst erschienen, wurde 1930 in unverändertem Abdruck erneut ausgegeben; die neue Auflage ist durch die vom Verfasser selbst stammenden Randtitel und die in seinem Auftrag und nach seinem Plane von Nahum Norbert Qlatzer ausgearbeiteten Register und Nachweise ergänzt. Der überaus rührige Schocken-Verlag, dem die jüdische Wissenschaft Und Allgemeinheit soviel wertvolle Gaben verdankt, hat sich um beide ein neues Verdienst erworben, indem er auf Grund freundschaftlicher Übereinkunft mit dem Verlag J. Kauffmann in Frankfurt a. M. den Verlag des Werkes übernommen hat, um seine jüdische Wirksamkeit zu fördern. Dadurch wird das bedeutsame Werk erneut in unser Blickfeld gerückt. Der Eindruck des inhaltschweren Buches bei seinem ersten Erscheinen in der bittersten Nachkriegszeit (1921) war ein großes Befremden. Man hatte zwar seit 1905 Auflage um Auflage von Leo Baecks »Wesen des Judentums« erhalten; 1919 kam das mächtige Alterswerk von Her mann Cohen heraus; im gleichen Jahre Max Brods »Heidentum, Christentum, Judentum". Auch waren Bubers „Reden über das Judentum« da, die wie seine übrigen Veröffentlichungen hoch gewertet, wenngleich nicht restlos verstanden wurden. Aber so eigenständig und umsturzlerisch, so überrasrhenH «.» \- fler Methode, dem Ziel und dem Ergebnis; dabei so glänzend-funkelnd in eherner Sprache, oft zwingend und bezaubernd durch poetischen Schmelz, zugleich umfassende Bildung, Kenntnisse und Kultur verratend; ein solches Werk besaß wenigstens die Judenheit nicht seit den Tagen Mendelssohns. Oerhard Scholem (in seiner Gedächtnisrede in der Hebr. Universität Jerusalem) erinnerte an Steinheims Werk üb:r »Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge" (dem wir die Religiunsphilosophie von Samuel Hirsch vorziehen würden) und an Lazarus »Ethik des Judentums". Aber der Abstand bleibt bedeutend. Was Rosenzweig seihst über seinen »Stern" zu sagen hatte, suchte er 1925 in einem größeren Aufsatz darzulegen: „Das neue Denken" (zuerst im „Morgen", dann im „Zweistromland" erschienen). Er wollte, tie das Titelblatt anzeigt, ein jüdisches Buch schreilmn. Ihm sind, so schreibt er, um das ganz wahr sagen zu können, was er zu sagen hatte, die alten Worte unserer heiligen Schrift auf die Lippen gekommen; und so habe er in ihnen sein neues Denken empfangen, und in ihnen weilergegeben. Darum wurde sein „Stern« ein jüdisches Buch. Jüdische Worte haben, „ob auch ait, teil an der ewigen Jugend des Worts, und wenn ihnen die Welt aufgeian wird, so erneuern sie die Welt«. Unser Denker hatte schon als junger Student sich bemüht und in 'eiferen Jahren nicht einmal mitten im Kriege, wo er in Mazedonien im Felde lag, aufgehört, in die Systeme aller andern Denker „von Jmiien "ia Jena« einzudringen; von l'armenides bis Hegel, welch let/.terem er ein 2 bändiges Werk widmete, das mit Unterstützung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gedruckt wurde. Alle Philosophie hatte nach dem Wesen gefragt, um sich vom „unphilosophischen Denken des gesunden Menschenverstandes" zu unterscheiden. Die Welt durfte beileibe nicht Welt sein, Gott beileibe nicht Gott, der Mensch kein Mensch; ändern alle müssen eigentlich etwas g?.nz anderes sein. Waren sie nicht «aderes, sondern wirklich nur, was sie sind, so wäre ja — behüte und oew'ahre — am Ende die Philosophie überflüssigi insbesondere bemühte "lan sich in neuerer Zeit uin Zurückführung oder Begründung der Wcltu"d Gotteserfahrungen auf das „Ich", das diese Erfahrungen macht, statt diese auf Gott und Welt sHbst zurückzuführen; und mußte darauf Jjerziehten, dem suchenden Geiste Wahrheit, dem Gemüte Trost, dem Rillen eindeutige Richtung zu geben. Die letzten Gegenstände der Philosophie glichen Zwiebeln, die man schälen kann, solange man will, jjfö immer nur auf 7wiebe!b!ätter. nicht s«' etwüj „ganz andeies" zu "ü'innen. Rosenzweig, der große Hegelkenner, gelangte zur Ablehnung a"er Dialektik, befragte die Erfahrung, vertraute den Dingen wie sie **ren, wurde Existenzphilosoph. I Seine Methode nennt er die des Spi achdenkers, und verweist -^"'»pieishalber auf die Anmerkungen zu seinem »Jehuda Halevi«, und aü' seine Gedanken zum Problem des Gottesnamens. Von letzterem An die Leser des Gemeindeblattes Das Bezugsgeld für das Gemeindeblatt für das Rechnungsjahr vom 1. April 1937 bis 31. März 1938 ist auf RM. 2.40 jährlich festgesetzt worden. Wir bitten unsere Gemeindemitglieder, den fälliger. Betrag umgehend während der üblichen Kassenstunden, werktags von 9V2—1 Uhr, an unsere Gemeindekasse zu entrichten oder auf unser Postscheckkonto Nr. 50533 zu überweisen. Bei den Gemeindemitgliedern, die dieser Zahlungsaufforderung nicht nachkommen, wird das Bezugsgeld nach Ablauf dieser Frist durch Gelderhebcr eingezogen. Leipzig, den 15. Juni 1937 Der Verstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. sagte er, daß er durchaus nicht „Schall und Rauchsei sondern Wort und Feuer; den wir allein kennen und bekennen, aber aus Ehrfurcht nicht ausdrücklich nennen. Und er gesteht, daß ihn auch theologisches Interesse geleitet und seinem Denken zum Durchbruch verholfen habe. War die Philosophie im idealistischen System mit Hegel zu einem toten Punkte gelangt (nach ihm gab es nur noch Verneiner und Skeptiker wie Schopenhauer, Nietzsche, Spengler), so konnte ihre Erneuerung und Erhöhung nur von der Theologie ausgehen; das abstrakte »voraussetzungslose" Denken mußte das wissenschaftliche Gottsuchen zuhilfe nehmen; am besten in einer Personalunion. Philosoph und Theologe in einem, das wollte Rosenzweig im „Stern der Erlösung« sein; darum belrat er jene Brücke vom Subjektivsten zum Objektivsten, und machte sich den Offenbarungsbegriff der Theologie zueigen. Von ihm aus entdeckte er rückschauend Oott als den Schöpfer aller Kreatur; und vorwärts als den Erlöser und Vernichtcr des Todes in der Ewigkeit. Sein Werk stand ihm in den Grundzügen vor Augen. Es mußte zum Hauptinhalt haben eine Welt- und Lebensansicht über Schöpfung, Offenbarung und Erlösung. Rosenzweig führt uns aber nicht nur aus den Elementen und der Vorwelt zu der allzeit erneuerten Welt, sondern bis hinan zur ewigen Oberwelt, wo das Reich Gmles allmählich Gestalt gewinnt. Er zielt darauf ab, uns soweit als möglich der ewigen Wahrheit nahe zu bringen. Und wir begreifen, daß ihm auf diesem steilen Pfade Bilder, Gleichnisse und Symbole unentbehrlich sind. Um das Verhältnis von Judentum und Christentum zu verdeutlichen, führt er Jehuda Halevis Gleichnis vom Saatkorn an (aus dem Kusari), das in die Erde getan verloren scheint, aber einst in der Frucht wiedererkannt wird. Er selbst hat sich den Stern zum Sinnbild der Erlösung gewählt, mit seinem Feuerkern und seinen Strahlen. Uns Juden gab Gott ewiges Leben, indem er uns das Feuer des Sterns seiner Wahrheit in unserm Merzen entzündete. Die Christenheit stellte er auf den ewigen Weg, indem er sie den Strahlen jenes Sterns seiner Wahrheit nacheilen machte in alle Zeit bis hin zum ewigen Ende. Wir schauen so in unserm Herzen das treue Gleichnis der Wahrheit, doch wenden wir uns dafür vom zeitlichen Leben ab und das Leben der Zeit sich von uns Christen hingegen laufen dem Strom der Zeit nach, aber sie haben die Wahrheit nur im Rücken; sie werden von ihr geieitet, denn sie folgen ihren Strehlen; die ganze Wahrheit gehört weder ihnen noch uns. Vor Gott sind die beiden Ameiter am gleichen Werk. Gott kann keinen entbehren; „er hat s>e aufs engste wechselseitig aneinander gebunden«. Wie Offenbarung nicht in Allliebe sugleicu allen zuteil ward, sondern sich Ort und Zeit und Volk wählte, um von durt aus zu wachsen über die ganze Erde, so kann Wahrheit nur unsre Wahrheit sein; sie muß als solche bewahrt werden.