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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-06-11 · 24 (11.6.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
24 (11.6.1937)
Date
1937-06-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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c 13. Jahrgang - Nr. 24 Auflage 3200 Stack ' 9 11. Juni 1937 mm WW4WAü\ \%ä£&k DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU IE IPZI G AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEViRWAlIUNS- Hilfe und Aufbau. In diesen Tagen wird der Zeiltralausschuß für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland sich gemeinsam mit dem Vorstand der hiesigen Gemeinde durch Herrn Dr. Marx an unsere Gemeindemitglieder wenden, um ihre tätige Hilfe für das große Hilfswerk der Juden in Deutschland zu erbitten. Dies gibt uns Veranlassung, einen Überblick über die Leistungen und Aufgäbet! von Hilfe und Aufbau zu geben. Die Schriftleitung. Die Arbeiten des Zentralausschusses umfassen fünf große Gebiete: Die Wohlfahrtspflege. Das Schulwesen. Die Wirtschaftshilfe. Die Berufsumschiclitung. Die Wanderung. Auf dem Gebiet der W o h 1 f a h r t s p f 1 e g e lag die Leitung der beiden großen Sammlungen für die Jüdische Winterhilfe und die blaue lieitragskarte in den Händen der Zentralwohlfahrtsstelle. Unterstützt von den Gemeinden, wurde Hilfe für jeden Vinterhilfsbedürftigen Juden in Deutschland sichergestellt, und wurden gleichzeitig die Kiäfie auch der wirtschaftlich schwächsten Spender mobilisiert. Im Winter 1935/36 wurden so insgesamt 83 76L Hilfsbedürftige betreut, für die RM. 3044 000,00 aufgewendet wurden, wobei die Zentralwohlfahrtsstelie durch einen Aus- Ljeichstonds Hille für notleidende Menschen in den Kleingemeinden, die aus eigener Kraft keine Mittel hätten aufbringen können, brachte. Durch die Abteilung zur Unterbringung jüdischer Kinder aus Deutschland wurden bis Ende 1Q36 237 Kinder nach den Vereinigten Staaten gebracht, wo sie in jüdischen Familien Aufnahme und Ausbildung erfahren werden. Ihirch besondere Fonds wurde die Betreuung von Schulkindern und Heilkurbedfirftigen durchgeführt. Zahlreichen tiiiizeleinrichtungen der jüdischen W ohlfahrtspflege, insbesondere der Kriegsopferabteilung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, wurden erhebliche Beträge zur Durchführung ilirer Arbeiten zur Verfügung gestellt. Die Ausbildung von Wohlfahrts- \ legem, Lein Schwestern. Säuglingsschwcstei II, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen wurde in besonderen Kursen ermöglicht. Die Ausdehnung und der Ausbau des jüdischen Schulwesens erfolgte durch die Schulabteilung der Reichsvertretung, die für ihre Arbeiten über RM. 670000,00 aufwandte. (Hiervon erhielt Leipzig für swne jüdischen Schulen einen Zuschuß von RM. 26000,00). In 130 Schulen mit 1237 Lehrkräften werden die jungen Menschen durch die jüdischen Sehulen unterwiesen, für die in Aufbau, Lchipsangestaltung und Lehrti'ittelbeschaffung eine Arbeit von umwälzender pädagogischer Bedeutung getan werden mußte. Die jüdischen Gemeinden haben sich in enger Zusammenarbeit mit der Schulabteilung der Reichsv:rtretung als Leitung des gesamten Schulwcikes große Verdienste um die Ausgestaltung dieses Zweiges der sozialen Arbeit erworben, die für Hie wichtigen Gebiete der Bvrufsunischichuing und Wanderung die notwendige Basis schafft. Da in der Berufsumschiclitung in zunehmendem .Umfange an die Stelle der eigentlichen Berufsumsehichtung, d. h. der Überführung von Menschen * 3 ihren alten zu neuen handarbeitendeu Berufen, die EfStausbildtillg der schulentlassenen Jugend tritt, h.iben Einrichtungen eine immer größere Bedeutung bekommen, die zwischen dem Abschluß der Schulbildung und dem Beginn der Berufsausbildung in Form eines neunten Schuljahres die notwendige Abrundung der Schulbildung und die Vorbereitung auf die Ausbildung im gewählten Beruf bringen. (In Leipzig bestanden drei ¥ Hehrcklassen für Gärtnerei, Schlosserei und Tischlerei). Durch ein Netz von 66 WirKrhsttshüfcstcllcn, diu in da Zenirai- S,l-He f ü i jüdische Wirtschaftshilfe bei der Reichsvertretung zusammengffaßt sind, wurde die Beratung und Hilfe der im Berufsleben stehenden Menschen im Rahmen der vorhandenen Mitte! durchgeführt. Die Zentralste Ue für jüdische Darlehnskassen E.V. mit den ihr angeschlossenen 4> Orts- und 27 Bezirks-Darlehnskassen gab einer großen Zahl von Glaubensgenossen durch Kredithilfe die Möglichkeit zur WeiU-iFührung ihres Berufs. Daneben wurde für Wirtschaflshilfskredite im Etat des Zentralausschusses ein Betrag von KM. 100000,— zur Verfügung gestellt Die Vorbereitung und Ausbildung der heranwachsenden Generation durch die Abteilung für Berufsumschiclitung und Berufsausbildung bildet das Kernstück der Arbeit des Zentralausschusses. In der Berufsumsehichtung befanden sich Ende 1936 im Inlande 1850 Personen, in der Erstausbildung 4806 Personen, zu denen 920 Menschen hinzukommen, die in Alisbildungsstellen des Auslandes untergebracht sind, Insgesamt mußten also 7576 junge Menschen betreut werden, für die ein Betrag von fast einer Million Mark aufgewendet wurde. Da die Berufsausbildung der Jüdischen Jugend in zunehmendem Maße in eigenen Ausbildungsstätten erfolgen muß, mußten zu den bereits bestehenden Ausbildungsstätten eine große Anzahl neuer geschaffen werden. Immer weniger Eltern sind in der Lage, die Ausbildung ihrer Kinder aus eigenen Mitteln aufzubringen; immer größer wird daher der Bedarf der zu leistenden Zuschüsse, in die sich die Gemeinden und der Zentralausschuß teilen. Der Frühjahrstermin, zu dem eine neue Generation junger Menschen die Schule verläßt, wird eine immer größere Sorge für die Leiter des Berufsumschichtungswerkes i linier jedem jungen Menschen, Hessen Ausbildung bezuschußt werden kann, stehen andere, die aus .Mangel an Mitteln abgewiesen weiden müssen. Mit de.ni sinkenden Durchschnittsalter der zur Berufsausbildung kommenden Menschen verlängert sich gleichzeitig die für die Ausbildung erforderliche Zeit und bringt damit eine neue Steige, rung der Anforderungen an die zur Verfügung stehenden Mittel. Schulbildung und Berufsausbildung können nur dann sinnvoll gestaltet werden, wenn die Durchführung der Auswanderung nach erfolgter Ausbildung sichergestellt werden kann. Die Planung der Wanderung durch die Reichsvertretung in Zusammenarbeit mit dem Patästinaanil der Jewish Agency, dem Hilfsverein der Juden in Deutschland und den Gemeinden mußte von einer Untersuchung über Umfang; und Ziele der Wanderung ausgehen. Eine statistische Untersuchung schuf hierfür die Grundlagen. Bis zum 1. 4. 1936 sind 22 000 Menschen nach westeuropäischen Ländern und 18O0O Juden ausländischer Staatsangehörigkeit in ihre Heimatländer gewandert. 31 000 Menschen gingen nach I aiastma, 22000 nach Ubersee, sodaß insgesamt 93000 Menschen bis zu diesem Zeitpunkt Deutschland verlassen haben. Das Jahr 1936 stellte an die Wanderungsorganisationen mit einer Gesamtauswandemng von etwa 21000 Menschen ungewöhnliche Anforderungen. 9000 von ihnen gingen nach Palästina, 10000 nach Ubersee während die Europa-Wanderung nur noch 1500 und die Rückauswandcrung 3500 betrug. — Für die vom Palästinaamt betreute Palästina-Wanderung und die vom Hilfsverein durchgeführte Übersee-Wanderung mußten aus Mitteln des Zentralausschusses über 1.4 Millionen Mark aufgebracht werden. Aile Uebiete der Arbeit, die wir hier in einigen Stichworten andeuteten, erfordern auch in diesem Jahre gewaltige Mittel. Es wird von der Höhe der der Reichsvertretung zur Verfügung gestellten Mittel abhängen, wie vielen jungen Menschen Gelegenheit zur Ausbildung in einem aussichtsreichen Beruf gegeben werden kann, wieviele Wanderungspläne zur Durchführung kommen können. In dem Maße, in dem die wirtschaftlichen Kräfte der Juden in Deutschland in den Kleingemeinden, aber auch schon in den mittleren und größeren Gemeinden abnehmen, steigen die Anforderungen an die öffentlichen Mittel, die für Wohlfahrtspflege und Wirtschaftshilfe zur Verfügung stehen. Wie kommen nun die Mitlel zusammen? Die Jüdischen Gemeinden in Deutschland leisten durch ihre Landesverbände einen regelmäßigen Beitrag zu den Arbeiten der Reichsvertretung. Daneben haben die ausländ ischen jüdischen Hilfsorganisationen seit 1933 große Betrage für die Arbeiten des Zentralausschusses gegeben. Die Höhe der ausländischen Hiifsgeider hängt jedoch entscheidend von dem Ausmaß der Opferbereitschaft der Juden in Deutschland selbst ab. Nur dann, wenn die führenden Persönlichkeilen des Hilfswerks dei luden in Deutschland mit gutem Gewissen darauf hinweisen können, daß unsere Freunde hier in ihrer Opferbereitschaft bis an die Grenze des Möglichen gegangen sind, werden sie airf eine nennenswerte Hilfeleistung des ausländischen Judentums rechnen können.

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