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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-06-04 · 23 (4.6.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
23 (4.6.1937)
Date
1937-06-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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$ rc 43. Jahrgang - Nr. 23 Auflage 3200 Stück 4. Juni 1037 WH^^m^Mf^^^mäWi^mkwm IIJ B ■^X/V^^AA ^^S^-^ A\ ^^^nv^-^bi HANN Bi MBT Iii Rill iBTi i 1 fiil i 18W lllllllblJlIll l^^^^^^üay^^^^^g^g DER ISRAELITISCH EN 1 C I D7I ß AMTLICHES NACHRICHTENBLATT REUGIONSGEMEINDE ZU LC I U DER GEMEINDEVERWALTUNG Zur Situation des jüdischen Erzählers. Wir sind ein Volk des Wortes. Wir sind — unsere Literatur von der Bibel bis über die talmudischen Geschichten, bis zu den Schriftstellern modernster Zeit weist es aus — besonders begabt dafür, Oedanken, Hoffnungen, Proteste, Seibstdarlegungen, Forderungen in das Gewand der Erzählung zu kleiden. Juden sind nicht nur Philosophen und Rechtslehrer und Wissenschaftler, wenn sie Schreibern Sie sind auch Fabulierer. Sie haben Phantasie und leben gern mit Gestalten einer besseren Welt, die sie träumen und andere mitträumen lassen. Es erübrigt sich, hier Namen aus der Weltliteratur aufzuzählen. Nicht von den Großen, nicht von den Vergangenen und den gegenwärtig Arrivierten soll die Rede sein, sondern von denen, die zwar schreiben können und etwas zu sagen haben, denen die Fabel einfällt und die Gestalten erscheinen, die das Bild haben und das Wort, mit dem sie es vor die anderen hinzustellen vermögen, denen aber jede Möglichkeit genommen ist, in der einzigen Form vor ihr Publikum zu treten oder sich Publikum überhaupt erst zu suchen, wie es dem Erzähler möglich ist: im Buch. Für den Erzähler der Kurzgeschichte, der kleinen Novelle, findet sich immer Raum in den Blättern der jüdischen Presse in Deutschland. Erzählende Werke kleinen Umfangs vereinigen die Buchverlage eher zu leicht verkäuflichen, billigen, schmalen Bänden. Aber dem jüdischen Roman scheinen seit Monaten fast alle Tüieu Und Tore verschlossen. Die beiden großen Verlage in Berlin, Schocken-Verlag und Philo-Verlag, halten eine strenge Linie ein, veröffentlichen innerhalb eines scharf umrisseuen Programms, in dem der größere Roman schon keinen i Platz mehr hat. Die Jüdische Buchvereinigung bringt in festgelegten Abständen erzählende Werke heraus, hat jedoch jüngst erst zur Neuherausgabe eines Disraeli-Romans gegriffen, weil offenbar der Veröffentlichung mancher guter jüdischer Erzählungen gegenwärtiger Schriftsteller Bedenken entgegenstanden. Ein anderer jüdischci Verlag hatte sogar Bedenken, ein Buch herauszubringen, das er selbst als. eine Dichtung von hohen Graden bezeichnet, weil er fürchtet, daß das jüdische Publikum nur schwer an den Stoff, in diesem Fall einen biblischen, heranzubringen sei und er daher einen nur mäßigen Verkauf voraussah. Die Erfahrung lehrt aber, daß auch Verleger sich schon getäuscht haben, besonders Verleger, die bis vor verhältnismäßig kurzer £eit spezifisch jüdische Dichtung überhaupt nicht, sondern nur Werke jüdischer Schriftsteller herausbrachten. Mach der Haltung des jüdischen Lesers im besonderen und des jüdischen Publikums überhaupt wäre eigentlich zu schließen, daß ein ausgesprochener Hunger nach der guten jüdischen Erzählung und dem guten jüdischen Roman vorhanden ist, der keineswegs auf dem Niveau des Familienromans stehenzubleiben braucht. Im Gegenteil: gerade dem Lespr von Niveau müßte man etwas bieten, etwas zu bieten wagen. Der jüdische Erzähler, dei in deutscher Sprache schreibt, schreibt heute buchstäblich für sich allein. Er schreibt, weil er muß. Er schreibt, weil er etwas zu sagen hat. Er schreibt nicht, weil er einen Bucherfolg will. Wenn er gedruckt werden möchte, so nur darum, «eil er erzählt und spricht und Gestalten schafft, damit die Unseren ihn und mit ihm sieh selbst erkennen. Es ist unendlich schwer für einen Künstler, zum Schweigen verurteilt zu sein. Für den Komponisten, den Maler, den Bildhauer, den Dramatiker finden sich immer "och Möglichkeiten, findet sich ein Saal, finden sich nachschaffende Künstler. Der jüdische Erzähler aber ist auf das Buch angewiesen. Wird er nirhf abdruckt, SO ist er nicht da. Und sc reich sind wir nicht an Werten unter uns, daß wir auch-nur auf einen verachten könnten, der uns etwas zu sagen, uns zu trösten, zu mahnen, zu fördern, auf den Weg zu weisen hat, M. W. An die Leser des Gemeindeblattes. Das Bezugsgeld für das Oemeindeblatt für das Rechnungsjahr vom 1. April 1937 bis 31. März 1938 ist auf RM. 2.40 jährlich festgesetzt worden. Wir bitten unsere Gemeindemitglieder, den fälligen Betrag bis zum 19. Juni 1937 während der üblichen Kassenstunden, werktags von 9.30—1 Uhr, an unsere Gemeindekasse zu entrichten oder mittels beiliegender Zahlkarte auf das Postscheckkonto der Gemeinde Nr. 50533 zu überweisen. Bei den Gemeindemitgliedern, die dieser Zahlungsaufforderung nicht nachkommen, wird das Bezugsgeld nach Ablauf dieser Frist durch Gelderheber eingezogen. Leipzig, den 31. Mai 1937. Der Vorstand der israelitischen Keligionsgemeinde zu Leipzig. Ludwig Lehrfreund: Fahrt zum Urahn. Am 23. Ijar jährte sich zum hundertsten Male der Todestag Rabb. Eleasars, der nach seinem berühmtester. Werke der Schemen Rokeach genannt wurde. Er liegt in Abaujszanto, seiner letzten Wirkungsstätte, begraben. Die Gemeinde dieses ungarischen Ortes veranstaltete zur hundertsten Jahrzeit ihres unvergessenen Rabbiners eine Feier, zu der sie seine Nachkommen und zahlreiche Gemeinden eingeladen hatte. Mein seliger Vater hatte mir in meiner Kindheit oft vor: Schemen Kokeach, seinem Urgroßvater, erzählt. Er hatte mich nach ihm genannt. Ich fühlte die Verpflichtung, diese Jahrzeit mitzumachen, und so fuhr ich nach Abaujszanto. Etwa 250 Kilonieter östlich von Budapest, inmitten der gesegneten Gefilde gelegen, in denen der Tokaier wächst. Ein kleiner Ort, 5000 Einwohner, davon 1000 Juden im verhältnismäßigen Wohlstande lebend. Die Gemeinde seit altersher das jüdische Zentrum der ganzen Gegend mit dem „Szanter Raw" an der Spitze, der gleichzeitig der Rosch der dortigen Jeschiwah ist. Eine außerordentliche Erscheinung, groß, vierschrötig, mit langem Bart- und Schläfenhaar, den Tallis auf dem Kopfe, so stand er in der großen, hellen, überfüllten Synagoge und hielt einen zweistündigen Vortrag über seinen großen Vorgänger, den Schemen Rokeach. Ich traute zunächst ineinen Ohren nicht, denn das was ich hörte, stand irgendwie im Gegensatz zu dein, was ich sah. Es war kein jiddisch- oder ungarisch-Deutsch, sondern ein klassisches, akzentfreies, formvollendetes Deutsch, natürlich gespickt mit zahlreichen hebräischen Zitaten. Zu beiden Seiten des Redners au der Stirnseite der Synagoge ein Parkett von Rabboiiim, eindrucksvolle Gestalten, die mich an Figuren der riabimah und der WUnacr Truppe gemahnten. Da, der greise Patriarch mit dem silberweißen, langen Bart, dort ein duukelunrahmtcs, edelgefonutes Gebiclit mit blitzenden, schwarzen Auger. üer Konnte, so wie er steht, de» Sabliauii Zwi spielen, fiel mir ein und da ein Ekstatiker mit großen blauen, nach oben gewendeten Augen und. blonden Schläfelocken, die dicht unter dem hreiten srhu-nr/on Huto' hervorquollen. Sic alle tfcWaMÜeu Leben in der der Syuagogeufci< r folgenden „Sude sehe! Mizv.ah".!;*• einem groSefl Saale wui an langen Tischen für mehrere hundert Personen festlieh gedeckt, mit allem was eine gute ungarische Küche bieten konnte und mit unzähligen Haschen goldgelben, selbstgekelterten Tokaiers. Aber Speise und Trank, wie

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