Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 17 (23.4.1937)
- Date
- 1937-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 23. April 1937 anderer Zeitperioden oder ist fremden Völkern entlehnt. So dürfte wohl auch die heutige Situation der Juden in D?a!scM»!ld in jüdischkuituiciier Hinsicht sein. Sie bestimmt Inhalt, Ziel — und auch Begrenzung unserer jüdischen kulturellen Möglichkeiten, die das Arbeitsgebiet der jüdischen KuftwrWtyr'<" dsrstcScs. Kurz zusoia^cügetaßt können wir uiis als Ziel setzen: wir müssen versuchen, die Die erste Taimud-Uebersetzung. Von Rabbiner Gustav Cohn. Vor einiger Zeit wiesen wir kurz auf die Vollendung der deutschen Talmud-Übersetzung durch Lazarus Goldschmidt hin, die in einer zwölfbändigen wohlfeilen Ausgabe im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienen ist. (Die zwölf hervorragend ausgestatteten Bände enthalten rund zehntausend Seiten; demgegenüber ist der Preis für das Gesamtwerk [M. 21b.— für die Ausgabe in Ganzleinen, M. 252.— für die Halblederausgabe] als gering zu bezeichnen.) Der Abschlug dieser Arbeit ist so bedeutungsvoll, daß er eine besondere Wütdigung verdient. Die Schriftl. Im Zusammenhang mit den neuen Bibelübersetzungen — der von Franz .Rosenzweig und Martin Buber unternommenen und bis zum Buche der Preisungen gediehenen, und der soeben abgeschlossenen Torczyner-Bibel —, haben wir in diesen Blättern wiederholt Wert und Unwert von Übersetzungen abgewogen. Mit allem Nachdruck wurde dabei betont, daß auch die beste Übertragung ein Schriftwerk nie ganz auszuschöpfen vermag, da jede Sprache etwas Ureigenes, bedingungslos Einmaliges ist und deshalb keine Sprache alle Entsprechungen aufweist, um alle Feinheiten im Denken und Fühlen einer anderen Sprache nachgestalten zu lassen. Diese Einschränkung, daß einer Übersetzung der Bibel, auch der besten, ein Letztes mangelt, kann allerdings ihre unvergleichliche Bedeutsamkeit nicht aufheben: nie mehr könnten wir auf die Übersetzungen der Bibel verzichten. In höherem Maße noch als für die Bibel gilt solche Einschränkung für die Beurteilung einer ersten Übersetzung de* Talmnd« Die Bibel ist das Buch eines Uroßteiles der Menschheit; dadurch sind ihre Gedanken in gewissem Umfange Geineingut geworden: wenn auch die letzten Tiefen des hebräischen Urtextes nur dem sich erschließen, dem die hebräische Sprache eigen ist — dies im buchstäblichen Sinne —, so ist die Bibel doch ein vertrautes Buch, dessen Richtung, dessen Lehren, dessen Milieu, dessen Farbe schon in den Menschen verwurzelt ist. Wer eine Übersetzung zur Hand nimmt, fühlt sich angesprochen, wed in ihm so etwas wie ein Sinn für das in ihr Ursprüngliche gewachsen ist. Wer in der Bibel liest, auch in einer Übersetzung, erfühlt aus Vorgängen, Persönlichkeitssehilderungen, aus Betrachtungen, aus Reden und Gesängen, den Geist der Offenbarung, die auch ihn ruft. Nicht so beim Talmud. Der Talmud knüpft an die biblische Offenbarung an; aber mit den Mitteln menschlichen Denkens, in einer methodischen Form, die sich nicht unmittelbar mitteilt, sondern ,,gelernt'' werden muß. Gelernt werden muß in intensiver Arbeit. Der rechte Tahnudbefhssene muß Jahr und Jahr immer wieder jeden und jeden Tag in konzentrierter Vertiefung nachdenklich lesen, ehe er davon sprechen darf, daß ihm der Talmud „eigen" geworden ist. Der Talmud hat seine eigene Formsprache: in knappster Formulierung, unter Fortlassung allen entbehrlich scheinenden Wortbeiwerks erfolgt Rede und Gegenrede, Frage und Antwort, und es bedarf vor allem anderen der Schulung in diesen sprachlichen und stilistischen Besonderheiten des Talmuds. Dann erst kann an das sachliche Verständnis gegangen werden, an dieses Forschen nach Sinn und Deutung des Gesetzes und seiner Übung. Und dann: im Talmud ist alles miteinander in einer wundersamen Weise verwoben. Alles gehört zu allem. Es gi^t nichts, was isoliert betrachtet werden darf, was für sich verstanden werden kann. Voraussetzung für ein wahres Erfassen ist, daß man Einblick in dieses Ganze, die Geschlossenheit und Einheitlichkeit des talmudischen Denkens, gewonnen hat. Dazu aus dem Talmud in seinem Urtext zu gelangen, war um vieles schwerer noch al« bei der Bibel. Seine Sprache ist nicht die schlicht klassische der heiligen Bücher, sondern ihre Fortentwicklung durch sprachliche Neuprägungen, Aufnahme von griechischen und anderen Fremdwörtern, Vermischung mit chaldäischen Worten und ganzen chaldäischen Stucken. Solche Schwierigkeiten machen eine Übersetzung des Talmud notwendig. Notwendig ist sie, weil der Talmud der übergroßen Mehrheit der Juden ein fremdes Werk geworden ist. Hatte es im Zeitalter des Ghetto zu den Lehrzielen jedes jüdischen Unterrichts gehört, den Knaben mit wenigstens einigen Talmud-Traktaten bekaiintzumarhen, so besitzt heute nur ein ganz enger Kreis von Juden Kenntnis des Talmuds. Das wird oft genug bitter empfunden. In einer Zeit, die das Interesse für alles Jüdische wieder erwachen ließ, erkannte man mit Recht, wie unerläßlich wichtig für das Verständnis des Judentums die Vertrautheit mit diesem seinem bedeutsamen Quellwerk ist. Es wäre falsch, zu meinen, daß der Talmud nur zur Klärung religionsgesetzlicher tragen heranzuziehen ist: er gibt grundlegende Aufschlüsse über die mannigfaltigsten jüdischen Beziehungen, jü disv-iit Persönlichkeiten, sittliche Anschauungen, kulturelle Dinge jeder Art. Gerade deshalb ist er ja auch so vielumstritten, und oft genug haben Juden es beklagt, wenn sie schweigen mußten, ais kulturellen Güter, die unser Volk bisher geschaffen hat, auszugestalten und die schöpferische Kraft zu neuen Arbeiten im jüdischen Volksgeist anzuregen. Andererseits muß unsere Arbeit den kulturellen Stand der Gesamtheit zur jüdischen Zielsetzung haben J. L aeiue oujeKiive tvuitur zum subjektiven Gut aller seiner Einzel- Individuen?m «t»?»»**»^ sie über Äußerungen des Talmud befragt, als ihnen Sätze vorgelegt wurden, die ihnen als Irrtümer oder falsche Deutungen erschienen, und über die sie aus eigener Kenntnis nichts zu sagen, die sie auch nicht nachzuprüfen vermochten. Eine Übersetzung kann ihnen den Weg zu solcher Kenntnis erleichtern. Erleichtern — nicht aber ohne weiteres vermitteln. L>enn auch in der Übersetzung muß der Talmud „gelernt" werden. Sie enthebt wohl der sprachlichen, kaum noch der stilistischen Hindernisse, keineswegs aber der sachlichen Erklärung. Man glaube nicht, daß die Übersetzung wie ein Roman oder auch nur wie ein wissenschaftliches Buch gelesen werden kann: man muß sich um das Verständnis mühen und darf sich keinem Zweifel darüber hingeben, daß sich die Methode nur durch ernstes Arbeiten erschließt. Nur dem, der mit solchem Willen an die Übersetzung geht, kann sie auch den Geist des Taimuds vermitteln. Ein weiteres Moment für ihre Notwendigkeit: Der Talmud ist so viel umstritten, weil so oft geglaubt wurde, man verstehe einen Satz oder ein Stück, wenn man seine fremden Worte in eine geläufige Sprache übersetze, weil man übersah, daß jeder, aber auch jeder Satz nur im taltnudischen Zusammenhang verstanden werden kann. Seit Jahrhunderten ist die Forderung nach der Übersetzung des Talmud nicht verstummt. Nun ist sie da. Ihr Vorhandensein widerlegt eine alte Behauptung: wir Juden hätten ein Interesse daran, den Talmud den Augen der Welt zu verbergen; diese Übersetzung ist von einem Juden geleistet, von jüdischen Verlegern unter großen Opfern veröffentlicht worden. Wem es um Wahrheit geht, der kann mit ihrer Hilfe in ernstem Suchen dahin gelangen, den Zusammenhang zu erfassen und dann dip l ehren und Anschauungen des Talmud zu prüfen: wie es gelungen ist, durch Übersetzungen den Sinn für die biblischen Bücher zu wecken, so kann auch die Talmud- Übersetzung das Verständnis für Wesen und Inhalt dieses gesetzlichen Grundwerkes im Judentum bereit machen. Die Größe dieser Aufgabe, die die Talmud-Übersetzung zur Lösung führen soll, läßt das ungeheure Verdienst ermessen, das sich Lazarus Goldschmidt mit seinem Werk erworben hat. Seit Jahrhunderten sind Gelehrte an der Arbeit: sie haben nur einzelne Teile zu übersetzen vermocht. Dieser eine Mann hat die Riesenaufgabe bewältigt, den gesamten Talmud zu übertragen. In vierzigjähriger Arbeit hat dieser ausgezeichnete Talmud-flelehrte vollendet, woran sich eine ganze Reihe früherer Forscher versucht haben: zwölf Bände mit rund zehntausend Seiten! Solange der Talmud studiert wird, haben die, die in ihm forschten, immer wieder an seiner Erklärung gearbeitet. Oft in heißem Geisteskampf standen sich Meinungen gegenüber. Kein Zweifel: auch GcidschiViidts Übersetzung —• übersetzen ist ja auch erklären — wird manchen Widerspruch der Talmudkenner hervorrufen. Das aber kann die überwältigende Lei stung nicht verkleinern, die ihm gelungen ist! Mag das Werk nun anlegen. Irrende aufklären, Geister gewinnen. Herzer. erschließen! Kein ehrlich Suchender wird sich darin ohne reiche Befriedigung versenken. Jüdische Zeitschau Die Fortbildung jüdischer Ärzte. Nach einer Mitteilung in den von der Rcichsve-iiiciimg herausgegebenen „Informationsblättern" hat der Beauftragte des Reichsärzteführers für das ärztliche Foiibildungswescn eine Rahmenanordnuug über die Durchführung der ärztlichen Fortbildung für judische Arzte gegeben und den Leiter der Gesundheitsverwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde uml Referenten in der Reichsvertretung, Prof. Dr. Seligmann, mit der Durchführung der Fortbildung jüdischer Ärzte beauftragt. Die Reichs Vertretung, Abtlg. Heilberufe, deren Leiter Dr. Fritz Aron im Einverständnis mit dem Beauftragten des Reichsärzteführers zum ständigen Vertreter von Professor Seligmann ernannt worden ist, hat bereits mit den Stellen im Reich, die bisher Fortbildungskurse veranstaltet haben, Fühlung genommen und wird diese Fühlungnahme im Sinne des Auftrages fortsetzen. Wichtig ist, daß den jüdischen Beauftragten eine Meldepflicht auferlegt worden ist, die die Reichsvertretung, Abtlg. Heilberufe, nur dann sachgemäß durchführen kann, wenn ihr rechtzeitig von geplanten und in Durchführung begriffenen Fortbilduugsunternehmungen für jiid. Ärzte Mitteilung gemacht wird. Abschluß des Sportpädagogischen Lehrgangs. Die Presseabteihing der Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Nachdem, wie seinerzeit mitgeteilt worden war, der Kursus A des .Sportpädagogischen Lehrgangs in der Zeit vom 9. bis 11. Dezember 1936 in Stuttgart die Abschlußprüfung gemacht hat, hat nunmehr in der Zeit vom 1*). bis 17. März 1937 die Abschlußprüfung für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen* des Kurses B stattgefunden. Aiie 24 Teilnehmer und Teilnehmerinnen nahen h2£ Examen bc standen. Der Kursus war ebenso, wie der" Kursus A, von der Reichsvertretung und dem Reichsausschuß jüdischer Sportverbände gemeinsam veranstaltet worden, und zwar im Anschluß an das oithopädisch-gymnastische Institut von Frau Alice Bloch, Stuttgart, Zep-