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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-04-23 · 17 (23.4.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
17 (23.4.1937)
Date
1937-04-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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13. Jahrgang - Nr. 17 MÜH im 11 ji Auflage 3200 Stück fi t 23. April 1937 DER ISRAELITISCHEN REUGIONSGEMETITOFTU I C I D 7 I f. AMTLICH« HACHRICHTEMBtATT trr I rtTÜDER Gemeindeverwaltung Sinn und Aufgabe jüdischer Kulturarbeit. Aus einem Vortrage. Von Dr. Kans Abeisohn. Die Frage der jüdischen Kultur wurde in den ersten Jahrzehnten des Zionismus — ähnlich der Frage, ob die Juden ein Volk seien — oft und leidenschaftlich diskutiert. Ein für uns Juden bitteres Geschehen hat diese Fragen im deutschen Judentum völlig geklärt, •" der nic'iii oder weniger starken indi- und werden unabhängig viduellen Bindung an das Judentum wohl einstimmig bejaht. Es ist immer mißlich, ganze Ideenkreise, zumal wenn sie sich mit den Kultur kreisen decken, auf eine Formel zu bringen. Die Menschen, welche die Träger dieser Kultur sind, sind zunächst Menschen mit Bedürfnissen, die aiien Menschen gemeinsam sind; erst die Art und Weise, wie sie diese Bedürfnisse befriedigen, insbesondere der Gesichtswinkel, unter dem sie zu den Bedürfnissen überhaupt und zum Leben insbesondere Stellung nehmen, bedingt die Verschiedenheit der Kulturen und ihres Ideengehaltes. Wir können darum definieren: Jüdische Kultur ist die begriffliche Zusammenfassung der dem jüdischen Volke eigenen Erscheinungsformen, seiner geistigen Anlagen und der daraus entspringenden Lebens'ormen auf sozialem, politischem und iuleilektueii-künstierischem Uehiete. Ursprünglich war die Kultur der Hebräer zu der Zeit, in der sie in den Gesichtskreis der Geschichte eintritt, eine auf monotheistischer Grundlage beruhende Nomadenkultur. Ihre Träger handeln in der Zeit der Volkwcrdung unter dem Zwange, aus Nomaden ansässige Bauern, aus Wüstcnhcwohnern Gebauer und Erbauer des gelobten Landes /u machen. In einem einzigartigen Schicksal hat das jüdische Volk eine Reihe verschiedener Kulturphasen durchlaufen, nicht nur — wie alle Völker — zeitlich bedingte Phasen, es ist darüber hinaus stets in eine einzigartige Wechselwirkung zu anderen Kulturen eingetreten, hat ihren Einfluß erfahren und hat seineu Einfluß ausgeübt. Stets bedurfte es neuer, aus der Kulturseele aufsteigender Bewegungen, um die alten Ideen wiederum in irgendeiner Weise zu beleben. Die Äußerungsformen der bildenden Künste, die die griechische Kultur auszeichneten, waren ihr, wohl meist aus religiösen Gründen, fremd, wie die der römischen Kultur eigenen Formen Staatsorgan!- ierender Fähigkeiten; und so war es immer bei der Wanderung des jüdischen Volkes durch die Jahrtausende und durch die Well. Der Auseinandersetzung von Judentum und Hellenismus — der Griechen LuSttinn und der Gottgedanke Judaeas — folgten mehr oder weniger kämpferische oder zu Symbiosen führende Begegnungen mit dem Kulturgut der Israel umgebenden Völker. Die Diaspora als alleinige Existenzform des jüdischen Volkes durch Jahrhunderte mitfite dazu führen, daß aus den sich notwendig entwickelnden Kräften sehr oft Lagen sich ergaben, in denen die alten Kulturgüter Schaden erleiden mußten. Das ist das tiefe Wesen jeder jüdischen Assimilation, die notwendige Folge des Zusammenlebens Israels mit den Völkern, des Entbehrens von Land und Sprache. Es war klar, daß in der Neuzeit der Zionismus als die Kenaissancebewegung des jüdischen Volkes auch hier wirksam wurde, weil eine Erfüllung des zionistischen Zieles auch die Vorbedingung für eine neue originale jüdische Kultur schaffen mußte. Es war darum kein Wunder, daß zionistischen Denkern, wie vor allem Achad Haam, gerade diese Seite des zionistischen Programines besonders am Herzen lag, und sie jede Vernachlässigung der kulturellen Fragen zugunsten der politischen streng verurteilten. Die fortschreitende Entwicklung Erez Israels hat auch die Richtigkeit der Achad Haamschen Gedanken gezeigt: die Bodenständigkeit und die eigene hebräische Sprache haben verheißungsvolle Anfänge kulturellen Neubeginns entstehen lassen; und es isi kein Zufaii, wenn das repräsentative, jüdisch-hebräische Theater, die Habimah, aus dem Osten nach Palästina gegangen ist. Daß die Habimah, die Wilnaer Truppe, eine große jiddische und hebräische Literatur im Osten entstanden sind, isi ein Beweis für die eigene jüdische Kultur des Ostjudentums, wenn diese auch zweifellcs von dti slawischen Umweh naturgemäß beeinflußt wurde, und daher von uns nicht als die repräsentative jüdische Kultur angesehen werden kann. Jedenfalls ist für uns das Eindringen in die Kulturwelt des Ostjudentums in jeder Beziehung wertvoll. Auch das Ostjudeutum hat ja sehr schwere Zeiten durchgemacht und macht sie zu einem erheblichen Teil noch durch. Achad Haam rief seinen Brüdern zu: „Der Tag des Unglücks ist auch der Tag der Zurechtweisung", und er fordert von den jüdischen Schriftstellern, keine Lobeshymnen anzustimmen über Israel und sein Volkstum, über die Vorzüge der jüdischen Rasse, über ihre Intelligenz und Barmherzigkeit, sondern die Trägheit und Torheit des Herzens zu züchtigen. Das soll dem Volke vorgehalten werden, nicht mit Hohn und Spott, sondern mit warmem Heizen. Sein Ruf verhallte nicht ohne Erfolg. Der Not zum Trotz entwickelte sich ein starkes nationales jiddisches und hebräisches Schrifttum, das in seiner Bedeutung und in seinem Umfang in keinem Verhältnis zu der schweren Not der Ostjuden stand. Allerdings bestand im Osten eine kompakte Volksmassc. Anders ist es mit den Westeuropäischen Judenheiten, bei denen die Emanzipation und oft bewußte Assimilation die früher vorhandene kulturelle Schaffenskraft In der Richtung der Umwelt, weg vom Judentum leitete. Nun sagte Achad Haam weiter: Die Kulturstufe kann in doppelter Hinsicht Gegenstand der Untersuchung sein: im Hinblick auf die Kultur, die es selbst geschaffen, oder auf den kulturellen Stand, in dem es sieh befindet. Kultur ist ein objektives Gut, in dem sich in jeder Zcitpcriodc die besten innerhalb des Volkes wirkenden Kräfte offenbaren und eine greifbare Form annehmen, in der sie erhalten bleiben. Der kulturelle Stund ist nur eine subjektive, zeitlich wechselnde Erscheinung: der Grad der Ausbreitung der Kultur unter den Individuen des Volkes und ihre Geltung in ihren privaten und gesellschaftlichen Einrichtungen. Die Entwicklung dieser beiden Seiten des kulturellen Lebens ist nicht immer eine gleichmäßige. Es gibt im Leben des Volkes Zeiten, wo seine Kraft in einigen wenigen hochbegabten Menschen sich konzentriert, die ihm eine große originale Kultur schaffen, die manchmal das Volk nach seinem kulturellen Stand in jener Zeit nicht einmal recht zu begreifen in der Lage ist (z. B. englische Periode 16.-18. Jahrhundert, Shakespeare, Bacon, Locke usw.). Anderseits tritt manchmal die geistige Kraft eines Volkes in dem Hochstand aller Kulturgrade zutage: alle Einzclindividuen sind des Lesens und Schreibens kundig, in allen Zweigen des Lebens sind die Spuren von Kenntnis und Biiduug in hohem Maße vorhanden, aber trotzdem trägt seine Kultur keine h nicht, bringt nicht schöpferische Geister hervor, die Neues und Originales im Geiste ihres Volkes schaffe», und sein gesamter geistiger Besitz entstammt dem Erbe Die Werbung für die blaue Beitragskarte hat begonnen. Zeichnet für die blaue Beitragskarte.!

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