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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-04-09 · 15 (9.4.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
15 (9.4.1937)
Date
1937-04-09
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite L des Fremden als etwas a n «I p r e rr. dringt beim G p i a - c Ii c 11 i c r 11 c 11 ins Bewußtsein ein. und damit erst das rechte Verständnis für das Eigene. Denn an der Fremdsprache erkennt man — und wie oft mit Erstaunen - . was von der eigenen Sprache nicht Re1bstv?r«tBnriHch ist, wzz z\zi, i'.ichi Ju optavüc der Menschheit m*^«■«>•"»•*, ______..............uiw Littcutuui isc. „Wer sich zum ersten Male mit der Erlernung einer fremden Sprache beschäftigt, setzt unwillkürlich voraus, daß jeder Form pines deutschen Wortes eine solche der Fremdsprache genau entspricht"4). Über derartige unerwartete Verschiedenheiten der menschlichen Sprache sollen folgende, recht willkürlich herausgegriffene Heispiele aus dem semitisch-indogermanischen Komplex ein Bild gehen: Die Kopula „ist" (da ist ein Haas) fehlt in den semitischen Sprachen, ebenso das Zeitwort „haben", das der Semit durch „mir (ist) ein Buch" (statt „ich habe ein Buch") ersetzt. Ein tiefgreifender Unterschied offenbart sich bei den Urwfü hsigen im Gegensatz zu den verlängerten oder zusammengesetzten Wörtern. So haben wir in den indogermanischen Sprachen eine Reihe urwüchsiger Wörter für weibliche Verwandtschaftsbezeichnungen wie Schwester, Tante, Tochter usw., die in den semitischen Sprachen durch Verlängerungen männlicher Bezeichnungen ersetzt werden. Dafür hat das Hebräische eigene Wörter für das weibliche Schaf, die Eselin und Kamelstute; der Araber unterscheidet den (auch juristisch geschiedenen) Onkel väterlicher- und mütterlicherseits, der Hebräei die verschiedenen Schwäger Im Hebräischen gibt es vier verschiedene Ställe, aber nur ein Wort für Pferd, Roß, Fohlen, Mengst usw. zusammen; im Arabischen gibt es einige Dutzend Wörter für Kamel. Das hebräische Wort für Lesen (kara) bedeutet, da es vom lauten Lesen her kommt (aus einer Zeit, in der die Lesekundigen andere an der Ausübung ihrer Kunst teilnehmen ließen), auch rufen, rezitieren« Das Wort Buch hängt mit Buche zusammen, da die alten Runen aus Buchstäbchen (daher Buch- ') Willing, Grammatik als philos. Propädeutik, Berlin 19t3, Seite 56/57. Das„Beth-Jisraer'-Werk in Haifa. Der Versuch einer religiösen Belebung in Palästina. Vor einem Jahr hat Dr. Elk, früher Rabbiner in Stettin, in Haifa einen bemerkenswerten Versuch gemacht: Er hat eine Vereinigung „Beth-Jisrael" geschaffen, deren Ziel ist, das kulturelle und religiöse Leber, des Landes in besonderer Weise zu beeinflussen, Grundvoraussetzung dieses Werkes ist die Oberzeugung, daß eine organische Entwicklung der Religion, ihre Verbindung mit allen Strömen des Lebens, einzig und allein in einem jüdischen Lände und im hebräischen Kulturzusammenhang möglich sein kann. Die religiöse Situation in Palästina ist außerordentlich schwierig. Streng konservative Haltung und Ablehmrvg jeder religiösen Bindung stehen unmittelbar nebeneinander und führen oftmals zu schroffen Gegensätzen. Während mit den ersten frühzionistischen Eiuwauderungswellen vielfach noch Menschen ins Land kamen, die sich religiös gebunden fühlten, war die spätere Einwanderung in starkem Maße rcligionsindiffcrcnt oder -verneinend. Die Alijah seit 1933 hat eine veränderte Lage geschaffen. Es kamen Menschen ins Land, die mit ihrer Zionsliebe starke religiöse Inipulse verbanden. Diese Menschen fühlten die' Verpflichtung, das Beste, was sie an jüdischen Werten mitgebracht haften, dein Aufbau des Landes einzufügen. Wie vieles in der Entwicklung des westeuropäischen Judentums verkrümmt sein mag, das eine kann es der Entwicklung Palästinas geben: Das Wissen um die Möglichkeit einer Synthese zwischen Religion und Leben, zwischen Oberlieferung und modernem Weltgefühi. Aus mehrfachen Gründen war es ein Wagnis, ein solches Werk zu schaffen. Es lag die Befürchtung nahe, einen Ableger des judischen Liberalismus in Deutschland zu schaffen. Das ist aber nicht das Ziei der Bewegung. Davor ist sie durch ihre starke Verbundenheit mit dem nationalen Aufbau des Landes geschützt. Die Impulse und die Aufgeschlossenheit der Menschen im werdenden Land sollen Hie Grundlage für ihre Iünführung 4U dein zentralen Problem jüdischer Existenz, dem religiösen Problem werden. — Menschen verschiedenster Richtung und Haltung haben sich zusammengefunden. Aber alle sind sie getragen und geeint in dem Gefühl, diß man neue Wege suchen muß, um das religiöse Leben zu erhalten und organisch in den Aufbau des Landes einzugliedern. Da sind Leute, die noch ganz im Leben der Tradition stehen, aber bereits den Riß und die Entfremdung bei ihren Kindern fühlen. Das sind Menschen, die von dem kommen, was man in vulgärem Sinn hberales Judentum nennt, und die spüren, daß hier in Palästina der alte Weg in der gewohnten Form nicht fortgesetzt werden kann. Da sind die Zionisten. denen Palästina von jeher Lebeusidea! war 9. April 1937 »laben) geschnitten waren; das entsprechende hebräische Wort (sefer) hängt mit erzählen (sipper) zusammen. Machbäret (Heft) hat den gleichen Stamm wie chawer (Kamerad, der Verbundene,; im Deutschen hängen Heft, Haft, haften, geheftet usw. /nsamm.>., viele Wörter haben mehrere Bedeutungen, ja oft sogai gcg«... sinnige. So ist die „Idee" Zucker, die die Hausfrau au den Salat tut, in fremden Sprachen etwas ganz anderes als die Idee des Erfinders oder gar die Idee (Tendenz) einer religiösen oder politische;! Richtung. Das deutsche Wort „sicher" hat gegensinnige Bedeutung „er kommt sicher (— möglicherweise)", „ich bin sicher, daß zweimal zwei vier ist". Im Hebräischen kann „berech" segnen und fluchen heißen usw. Es ist oft nicht leicht, im Lexikon das richtige Wort auszusuchen, man muß nachdenken und übt dabei Denken und Sprache zugleich. Ohne Sprache gibt es kein Gedächtnis, denn nur das können wir behalten, was wir einmal stumm oder laut — in Worten formuliert haben. „Die menschliche Sprache kann . . . jegliche Vorstellung wieder erzeugen"'). Wichtig für jeden Sprichlernenden, besonders schwer und deshalb schulend, sind die verschiedenen Bedeutungskomplexe der Wörter. So hat hebr. „rosch" einen anderen Bedeutungskomplex als „Kopf", „taam" als „Geschmack" usw. Auch Wörter der gleichen Sprache wandeln sich ständig; oft sind ihre Bedeutungen nui noch Reste des Früheren Das hebr. Wort „kabbala" hat je nach dem Jahrhundert eine ganz verschiedene Bedeutung; „Fräulein" isi heute weniger als zu Goethes Zeiten; „Kopf" kann heute auch führende Persönlichkeit bedeuten. Der Sprachlernende, der alle diese Dinge beachtet, der immer das Hauptaugenmerk darauf richtet, sein Denken zu üben und sieh in die fremde Sprache hineinzudenken, wird nicht nur die Fremdsprache erlernen. Er übt sich immer wieder von neuem im Nachdenken, und schließlich Denken zu können, ist wohl jeder Mühe wer;. ■'■) Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Leipzi < 1923, Band I, Seite 104. und die gerade in Palästina empfinden, daß der Ziouismu* Von jüdischen Kulturwerten erfüllt sein muß. Und es ist bezeichnend, daß nicht das Alter der Träger der Bewegung ist, sondern Menschen zwischen 30 und 40 Jahren. Nach einem Jahr Atbcit zeichnen sich die Linien des Werkes im Grundsätzlichen ab. Ein Teil ist geschaffen, ein I eil steht mitten in der Entwicklung. Und ein weiterer Teil wird im kommenden Jähr heranreifen Im Mittelpunkt des Werkes steht der Gottesdienst. Viel lügend nimmt daran teii, Schulkinder und berufstätige Jugend. Im Gottesdienst werden die Lebensformen des neuen Palästina lebendig. Es wird versucht, diese in Palästina geschaffenen heuen Formen -- 15. Sclicwat, Chag habikurim —, die außerhalb und ohie Beziehung zum religiösen Leben entstanden sind, religiös zu .vertiefen. All dies ist zunächst noch ein Tasten. Man versucht, t\.< tieue Lebensgefühi zu iormen und es zugleich organisch dem überlieferten einzufügen. Man kann gewiß noch nicht von Lösungm sprechen. Aber es ist von Festtag zu Festtag das Bemühen, dm Rhythmus des palästinensischen Lebens mit den geschichtlichen Werten in Einklang zu bringen. Der ständig wachsende Teilnehmerkreis und die starke Beteiligung der Jugend ist ein Beweis für die Lebendigkeit und Wirksamkeit der neuen Gemeinde. So sehr der Gottesdienst Mittelpunkt einer religiösen Gemeinschaft ist, kann sich die Arbeit einer Gemeinde doch nicht auf ihn allein beschränken. Zu der Aufgabe, die er stellt, kommt eine zweite von besonderer Bedeutung: Das Leben aus dem Geist und der Gesinnung der Religion heraus in seinen verschiedenen Form*" zu gestalten. Daher ist von Anfang an ein umfassendes Gesamtwerk geplant worden, das Gottesdienst und Schule, Volksbildung und soziale Arbeit im weitesten Sinne des Wortes umfaßt. Gera.le in der praktischen Bewährung wird sich entscheiden, ob die,-.'* religiöse Judentum eine lebengestaltende Kraft hat. Der geistig m und weltanschaulichen Auseinandersetzung dienen Vorträge und Arbeitsgemeinschaften. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Erfassung der Bibel als religiöse Quelle. Eine ungeheure Aufgabe für den, der weiß, wie sehr das Verständnis der Bibel als Quelle der Religion in Palästina verflacht ist, wie Bibel für weite Kreise nichts anderes ist, als ein Lehrbuch der Geschichte und Archäologie. Dieser Aufgabe werden besondere Lehrstunden gewidmet, die aber darüber hinaus auch den Zugang zu der Gesamtheit der Werte des jüdischen Geistes erschließen sollen. Die Voraussetzung für alle Bemühungen dieser Art "ist» der Gedanke, daß eine organische Entwicklung des religiösi n I ebens die Kenntnis dies1 ~ Lebens selbst fordert. Man versucht auch, sich mit den geistig11 Kräften, die Zeit und Leben beherrschen, in besonderen Veranstaltungen, Vorträgen und Diskussionsabenden auseinanderzusetzen. GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG

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