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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-04-09 · 15 (9.4.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
15 (9.4.1937)
Date
1937-04-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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13. Jahrgang - Nr. 15 Aufläge 3300 StQck I Q Aitpil «A«7 / C w. ■ wrMwm DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRlCHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Ueber Sinn und Unsinn des Sprachlernens für Erwachsene. Von Carl Conen, Lehrer des Hebräischen in Frankhirt a. M. In diesem Artikel, der sicherlich manchen Widerspruch hervorrufen wird, ist ziemlich viel zitiert worden. Nicht deswegen, weil der Verfasser einem Zitat eine besondere Beweiskraft zuschriebe, sondern nur, weil es unnötig ist, noch einmal nach dem richtigen Ausdruck für einen Gedanken zu suchen, den ein anderer bereits in die gehörige Form gebracht hat. Hie heutige Zeit stellt an jeden Ansprüche, die Uber das früher für möglich gehaltene Maß weit hinausgehen. Es bleibt wenig Zeit für beschauliches Denken, für Nachdenken. Diese Entwöhnung führt aber zu nachteiligen Folgen. Denn wie jedes Können, so benötigt auch das Denken der Übung; wer es sich abgewöhnt, erleidet eine Atrophie der Denkfähigkeit, wird denkfaul, und Denkfaulheit ist oft, wenn nicht immer, die Ursache der Dummheit1). Wer aber verdummt ist, ist dem Lebenskampf nicht gewachsen, da der Lebenskampf oft schnelle und dabei gut durchdachte Umstellungen erfordert. So hat die kuKurwidrigC Einstellung gegen das — unpraktische — Nachdenken das Gegenteil des Zweckes zur Folge: Im Anfang wird zwar Zeit gewönnen, später aber sinkt die Leistungsfähigkeit. Man erreicht /war Routine in. seinem Fach, abci kein Können. Die Kulturkrise unserer Zeit läßt sich so ausdrücken, daß die gewaltige Anspannung eines jeden einerseits, die ungeahnten Fortschritte in Technik und Wissenschaft andererseits dem Aktiven kaum noch die Möglichkeit lassen, über sein Fachgebiet hinauszusehen, i )iese Einseitigkeit (geistig oder manueii) verursacht nicht nur eine Verarmung der geistigen Welt, eine Senkung des Bildungsniveaus, andern auch — das ist die moralische Seite der Angelegenheit — (ine Überschätzung des eigenen Gebiets und damit mehr oder weniger der eigenen Sache und Person. Die Bereitschaft, sich belehren in lassen, den anderen anzuhören, mit Sorgfalt Ausführungen aus fremden Gebieten zuzuhören; alles das laßt nach. Auch hier muß ein Mittelweg zu finden sein, der nur durch Denkschulung zu eri ichen ist, denn das Denken führt zu einer Methode, dort Verständnis zu besitzen, wo das positive Wissen fehlen muß. Die Lage, in der die Juden Deutschlands sich heute befinden, steigert diese allgemeinen Nachteile. Da die Juden zum großen Teil auswandern oder an Berufswechsel denken, sind sie heute gezwungen, ihren Kopf mit allem möglichen Wissen und Können voll- /usaugen. Praktisch will man sein, erlernt eine Technik nach der anderen, man hat keine Zeit mehr zum ruhigen folgerichtigen, un- » 'leingenoinmenen Denken. Man läßt es und verlernt es (l a b c i. Obwohl gerade die Juden das Nachdenken so nötig haben, fc'Cä sie in einer Umstellung begriffen sind, die sie bei Strafe de9 U ntergangs nicht dilettantisch vornehmen dürfen, die sie in allen ') I-ritz Künkel, Das dumme Kind, Dresden 1926, führt entsprt- ^liend der Grundauffassung der Individualpsychologie die Dummheit darauf zurück, daß das Kind viele Fragen stellt, auf die die 1 i wachsenen aus Faulheit oder Trägheit nicht antworten. Das Kind Kewöhtlt sich das Fragen allmählich ab und damit auch das Nachdenken. Eine angeborene Dummheit gibt es für diese Richtung nicht. Einzelheiten und von Fall zu Fall in aller Konsequenz vordisponieren müssen. Der ungeheuren Gefahr dieser Situation entgegenzuwirken, ist die Aufgabe des Sprachlehrers. Denn die Fremdsprache ist oft das ein/ige Geistige, das die heutigen Juden treiben. Wird eine Sprache richtig gelernt,'so kann der Wert unermeßlich sein, so erhält sie dem Lernenden die Denkfähigkeit oder gibt sie ihm. Lernt man aber Sprachen so, daß man damit seinen Kopf nur noch voller pumpt (vielleicht gar-auf Vorrat), so mag man Worte und Wörter lernen (und schnell wieder vergessen); aber der große Wert für die geistige Fortentwicklung, der bei jedem richtigen Lernen — ob Kochen oder Philosophie — eingeschlossen sein soll, bleibt dieser Übung versagt. Sprache ist nicht nur Sprechen, und man kann Sprache nicht nur als Sprechen lernen, man bleibt sonst an der Oberfläche kleben, übt nicht das Denken und lernt letzten Endes nicht einmal das Sprechen richtig. Denn dazu gehört, sich in die - andere Sprache hineinzudenken, ihre Gesetze und Regeln zu erfassen; und das geschieht ausschließlich durch das urteilende, nie durch das mechanische Gedächtnis. Die „Sprachpumpmethode" bringt Vokabel:: und Redensarten bei, man kann baid ganz nett darauflosplappem, aber die Eigenart der fremden Sprache wird nicht Eigentum des Studierenden. Wer eine fremde Sprache in der richtigen Weise lernt, lernt seine eigene Sprache genau kennen. Denn nur am Gegensatz sind die Eigenarten zu erkennen. Und die eigene Sprache kennen, sie in ihren Tiefen und Breiten zu durchmessen, die Entwicklung der Wörter zu beobachten, das ist gewiß wertvoll. Denn das ist Dc.ikschulung. Klares logisches Denken setzt klares logisches Sprechen voraus; nirgends wird so klar und exakt gesprochen wie in der Mathematik; nirgends ringt man so starte um den richtigen Ausdruck, um den letzten Schliff des unmißverständlichen Wortes wie dort. „So führt ein sorgfältiger Betrieb des mathematischen und nhvsikalischcn Unterrichtes gewissermaßen zwangsweise zu einer Präzision des sprachlichen Ausdrucks, und damit zu einer geistigen Zucht, die dem Denkverfahren selbst wieder zugute kommt"2). Die richtige Übersetzung von „ich saß" nach dem Infinitiv etre assis erfordert die gleichen Denkanstrengungen wie die Berechnung der Anzahl der Diagonalen des Sechsecks nach der allgemeinen Formel. Die Sprache ist für uns — sie sei laut oder stumm - Erinncrungsmittcl, Notizbuch des Verstandes. i „Gedanken und Sprache stehen in innigem, altem Wechselverkehr miteinander . . . Darum ist das Wort mehr als Zeichen und Form"8). Die Sprache ist die einzige Kunst, die durch Auge und Ohr einwirkt. Sprachen lernen und damit Denken üben, heißt, ungeahnte Schätze aus unserem Verstand heben, heißt, unsere Fähigkeiten auf eine höhere Stufe bringen. Die Fremdsprache erschließt den Sinn für das Fremde überhaupt. Nicht nur in dem Sinn, daß man das andere Volk ohne Kenntnis seiner Sprache nicht kennenlernen kann. Die Existenz!) Keisciieiisieiner, Wesen und Wert des naturw. Unterr., S. 112. ') A. v. Humboldt, Kosmos, Einleitung.

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