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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-04-02 · 14 (2.4.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
14 (2.4.1937)
Date
1937-04-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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13. Jahrgang - Nr. 14 Auflage 3300 StQck 2. April 1937 ^mmmmmm DER 3S RAE LITIS CH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Die Golemsage Von Dr. Sally Rabinowitz. Der Vers der Schrift: Und der Ewige Gott bildete den Menschen aus Staub von dem Erdboden und blies in seine Nase Hauch des Lebens: da ward der Mensch zu belebtem Wesen (Gen. 2, 7), ist die Keimzelle der Golemsagc. Aus diesem biblischen Schöpfungsi>ericht von Adam, dem einzigen Menschen, der nicht aus Mutterleib hervorging, sondern von Gott seihst aus Erde geschaffen wurde, bildet sich die Adamslegende der talmudischen Zeit, die bereits zur Bezeichnung des noch unbeseelten unfertigen Adam als unförmigen Erdklumpen das Wort „golem" kennt, das sich zum ersten Male in Psalm 139,16 findet: meinen „golem" sahen Deine Augen, oder, wie Luther übersetzt: Deine Augen sahen mich, da ich noch unhereitet war. Von diesem Adanuuyihos ist der Schritt mm Golemmythos nicht weit: die Golemschöpfting bedeutet ja eine Nachahmung der Schöpfung Adams, und im talmudischen Traktat Sanhedrin (65 b) erhalten wir rli? erste Kunde vom künstlich geschaffenen Menschen: Raba1) schuf einst einen Menschen und sandte ihn zu R. Sera; als dieser aber mit ihm sprach und er keine Antwort gab, sagte er: du stammst also von Genossen, kehre zu deinem Staube zurück. Aus dieser Anekdote bleiben der Golemsage zwei Momente: die Sprachlosigkeit des Gelen) und die Rückführung des Golem in seinen Urstoff, die Erde. Über das Prinzip der Schöpfung, über das magische und mystische Rezept, wird nichts ausgesagt. Erst las Mittelalter wird versucht, die Legende zü deuten. Raschi2) erklärt: er (Raba) schuf einen Menschen mit Hilfe des Sefer Jezira"). das ihn über die Buchstabenzahl des Gottesnamens belehrte. Die mannigfaltigen Spekulationen der talmudischen Mystik über die Problematik der Schöpfung aus dem iNichts durch das göttliche Wort fanden ihre systematische Prägung in dem rätselhaften Buch Jezira, welches lehrt, daß die 21 Buclisiabetl des hebräischen Alphabets und die 10 Sephiroth (Zahlen und zugleich Sphären), zusammen die 32 „Pfade" bilden, aus denen Gott die Welt erschaffen hat. Hieraus entwachsen die vielen Rezepte zur Golem-Schöpfung: weil in den Buchstaben alles enthalten ist, gewinnt man aus bestimmten Buchstabenkombinationen die Kraft des Schöpfers, ein Geschöpf zu machen. Von den zahlreichen, im deutschen Chassidismus des 12. und Ü. Jahrhunderts erörterten Kombinationen gehen der vierbuchstabige (jottesname, der, ..schein hamfnrasch" und das Wort „Enietli" (Wahrheit), das durclf Tilgung des ersten Buchstaben! Aleph ZU „Mcth" (Tod) wird, in die literarischen Bearbeitungen des Golemmotivs ein. Scii jener Zeit bilden sieh, bis ins 19. Jahrhundert hinein, lim das Qotemmotiv volkstümliche Sagen, denen allen gemeinsam ist, Qa8 der Golem seinem Erschaff er als Knecht dient. Dieses Motiv des Knechttums, ebenso wie das Erscheinen eines gewissen Mechanismus der Golemgestalt, stammt aus dem Legendenkreis des Aulohateumemchen. In der Zeüi vom 14. bis it. Jahrhundert müssen Kcli Gdiemlegendcn in großer Zahl gebildet haben, und zwei Fasi) 280 -352 n. *) 1040 -1105 .') Buch Jezira (=■ Formung), einer kr ältesten mystischen (exte des Judentums, dessen Entstchungs/eit umstritten ist (zwischen 200 v. bis 800 n.). sungen haben jene Popularität erreicht, die Grundlage wurde für die dichterische Verwertung des Stoffes. Diese beiden Sagenfassungen knüpfen sich an zwei Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts, an Rabbi Elijahu von Chelm und an den „Hohen Rabbi Low" von Prag. Der Golem des Elijahu von Chelm, eines polnischen Rabbiners, der sich den Namen eines Baal Schern, eines des Gottesnamens kundigen Mystikers erworben hat, wird in einem Responsenwerk seines Enkels Zwi Hirsch Aschkenasi erwähnt, im Anschluß an die Frage, ob ein „durch das Buch Jezira Geschaffenet" zum Miujan gerechnet werden dürfte, und bis ins 17. Jahrhundert zurück kann verfolgt werden, wie diese polnische Golemsage in das jüdische und sogar in das christliche Schrifttum eingegangen ist. Dagegen fehlt für die von allen Fassungen am volkstümlichsten gewordene Prager Sage, die sich an die Gestalt des Hohen Rabbi Low4) knüpft, jede schriftliche Überlieferung vor dem IQ. Jahrhundert, nachdem Gerhard Scholem nachgewiesen hat, daß die angeblich von einem Zeitgenossen Rabbi Löw's herstammende Legendensammlung „Niflaoth Maharal" (Die Wunder des Rabbi Lüw) eine Fälschung jüngsten Datums ist. Zudem erscheint es rätselhaft, daß diese reiche Legendenbiidung sich an einen Mann knüpft, der historisch außerhalb aller kabbalistischen Tradition steht. Es ist anzunehmen, daß die gewaltige Popularität, die er ais volkstümlicher Moralist und Prediger, mehr noch als Mann der Tat, innerhalb der großen und homogenen Prager Judengemeinde genoß und die durch die berühmte geheimnisvolle Audienz des Rabbi beim Kaiser Rudolf II. (1592) noch erhöht wurde, Anstoß gegeben hat zu dieser üppigen legenden büdung, zu welcher die Fama um die Person des Kaisers als Liebhaber von Mystik und Magie das ihrige heigptragen haben mag. Jedenfalls erscheint es nicht merkwürdig, daß auch das populäre Golemmotiv zu diesem Sagenkreis um einen Großen in Israel Zugang gefunden hat. Um Rabbi Low als Mittelpunkt hat sie sich deiart mit lokalen Prager Elementen verquickt, daß sie als die Sage vom Prager Qolem die größte Popularität erlangt hat. In dieser Form, durch immer neue Hinzufügungen wachsend, erscheint sie im 19. Jahrhundert in mancherlei Fassungen, von denen die „Sippurim" von S. Weisel die bekannteste geworden ist. Die erste Veröffentlichung, die die deutsehe Literatur mit der Golemsage bekannt machte, betrifft aber nicht die Prager Fassung, «sondern die obenerwähnte polnische. Das Itttcic»»« der Romantik an alten volkskundliehen Stoffen und ihrer Freude am Kuriosen zog aus Chroniken nichtjüdischer Autoren über jüdische Merkwürdigkeiten auch die (iolemsage ans Lieht. In der „Zeitung für Einsiedler" vom 23. I. 1808 veröffentlichte Jakob Grimm die folgende Fassung der polnischen Golemsage: Die polnischen Juden machen nach gewissen gesprochenen Oebeten und gehaltenen I asttagen die Gestalt eines Menschen aus Thon oder Leimen (Lehm), und wenn sie das wundertätige Schemhamphrtrac HnrübM.- spreche", cc muß ü ieui-ndig weiden. Reden kann er zwar nicht, versteht aber ziemlich, was man spricht und befiehlt. Sie heißen ihn Golem und brauchen ihn zu einem Anwärter, allerlei Hausarbeit zu verrichten. Allein er darf nimmer «) gest. 1609.

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