Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 13 (26.3.1937)
- Date
- 1937-03-26
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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R«*»? 2 GEMEINDEBLATT DER iSRAEUTiSCHEN RtLiÜlUNSÜEMEINDE ZU LEIPZIG 26 Mira 1937 HaChaßid, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte und wirkte, oder das Meßilat jescharim des Mosche Chajim Luzzatto aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aber diese jüdische Selbstkritik war weit entfernt von jedem liwtUi mim Spott: sie naue vieimenr inren testen uiiicrjjrunu in uer heißen Liehe zum jüdischen Volk und zu seinem l eben; war WCH entfernt von jedem Gedanken an zersetzende Zerstörung, wollte nichts üiideies, als was einst dem jirmejahu als seine Aufgabe auferlegt wurde, da er zum Künder des göttlichen Wortes berufen wurde: Hvvnoth w'lintoa, aufzubauen und zu pflanzen. Aus Liebe zu seinem Volke hat Mosche zu bitteren Worten und harten Strafen gegriffen; in brennendem Schmerze haben die Propheten vernichtende Urteile aus ihrer Seele herausgeschrien, wenn sie die Entarteten in ihrem Volke an den Pranger stellten. Und dies alles nur, und mit keinem anderen Ziele als zu bessern, die Menschen emporzuführen: sie wollten, daß ihr Volk sich zu einem Volke von Edeimenschen entwickelte, wollten, daß kein Fehl und kein Makel auch nur an Teilen ihres Volkes zu finden wäre, und litten unsäglich darunter, daß nicht alle ihre Brüder und Schwestern dem gleichen Ziele zustrebten. Solche liebende Selbstkritik brauchte nie an den guten Kräften im Volke zu verzweifeln, weil sie nie den inneren Zusammenhang mit der Gemeinschaft verloren hatte. Und das ist bei jener Gruppe zu vermissen, die heute den Weg zu jüdischem Denken und Leben nicht zu finden vermag, weil sie geneigt ist. Verfehlungen Einzelner zu verallgemeinern und sich über die Gesamtheit der Juden zu erheben. Sie sehen den und jenen Juden, der sich nicht unterzuordnen, weiß, keine Disziplin wahrt, und sprechen von jüdischer Disziplinlosigkeit; sie machen mit dem und jenem die Erfahrung, daß er sich nicht in geänderte Verhältnisse zu schicken weiß, und nennen „die Juden" unbescheiden. Würden sie jene Liebe für Juden und Judentum empfinde«, dann würden sie wissen, wie wunderbar die Juden in Palästina, mitten in dauernder Herausforderung durch Mordbrenner und zerstörungswütige Banden Zurückhaltung und Disziplin bewiesen; würden wissen, weiche überwältigenden Zeugnisse von Opferbereitschaft und Selbstentäußerung, von Umstellungswillen und Anpassungskraft Juden in diesen Tagen größter Anforderungen an jeden einzelnen Juden abgelegt haben, welche giußen, achtuiigsgehietenden Leistungen sie in der völligen Neuordnung, sozialer Lebensumstände aufweisen können. Jene Juden, die von der Peripherie jüdischen Lebens her heute Abravanels Kommentar zur Pessach - Haggada. Von Sl?rtfrfori fipller. t ti nun -rn nii-ni.->i-> .-vii Vrtlt-tmin nrnrinnir ^jnnrT nimn r» i t-i V AM - LlEti *lUi t" CtJUrvi* ä iujj^uUU. . ' . V Cl i üUö v'i ii Ltbil v Ü ii* iii CulCi Ci greifend geschriebenen Einleitung, in welcher er sein wechselvolles Schicksal beschreibt, sewach pessach. Denn dieser Kommentar, schieibi er, ist „mein Upter für „Gott aus einem gebrochenen Her zpn" Da« Werk ist zuerst im Jahre 1505 in Konstantinone! ersrhhmpti »»»••»•»• .'*.":"?::"""PCS mmuert Einveifrarvn „;,t-, i i-rv-^n» Unklarheiten in »In i l*«f«rHd,8 voran t*---' Kiiiic tiacii ücdinwortet. Dabei luhrt er jeweils zuerst die Ansichten anderer Gelehrter an, die ihm mehr oder minder einleuchten, und läßt dann seine Auffassung folgen. Nachstehend seien einige Erklärungen Abravanels zur Haggada wiedergegeben. Warum, so fragl >■<, Ist der Anfang der Haggada, nämlich das ho lachmo anjo, in aramäischer Sprache abgefaßt, während alle anderen Abschnitte hebräisch sind? Und er antwortet: wegen des Ausspruches: „jeder Hungrige komme und esse, jeder der bedürftig ist, komme und feiere Peßach"; im babylonischen Exil, wo dieses Stück abgefaßt worden ist, forderte der Hausherr die Armen, die am Tore standen, in der Landessprache auf, am Mahle teilzunehmen, da der größte Teil Hebräisch nicht mehr verstand. Warum wird die Mazzah „armseliges Brot" genannt? Hierfür gibt es eine Reihe von Erklärungen; Abravanel gibt zweierlei Gründe an: zunächst weil der ungesäuerte Teig, im Gegensatz mm Gesäuerten, niedrig und unansehnlich bleibt. Ferner, weil die Mazzah schwer verdaulich ist und man nur wenig von ihr genießen in den jüdischen Kreis hineingetreten sind, stehen gewiß vielfach vor der sehr schweren Aufgabe, eine Zusammengehörigkeit lebendii. zu machen, die bei ihnen kaum noch im Unterbewußtsein bestand Sic werden sich aber Klarheit darüber geben müssen, daß sie An srhamintren von sich weisen müssen Hie ihnen nur (relänfio/ werden konnten, weil sie Juden und Judentum nur von außen her sahen, und sich Urteile derer zu eigen machten, die uns nur von außen her sehen wollten. Sie werden sich mit jüdischer Vergangenheit liebend vertraut machen müssen, und werden dann an einer Tatsache nicht mehr vorübergehen können, die ihr Herz erschließen muß: der Scelengröße, die in dem Tragen jüdischen Schicksals in allen früheren Jahrhunderten offenbar wird, und die allen wahren Juden die Kraft zum Überwinden von mancherlei Obel verlieh. Und werden dann ihren jüdischen Brüdern und Schwestern innerlich nahekommen, sie kennen und verstehen, und sie — lieben lernen. Und werden dann nicht mehr wie der Bösartige der Haggada fragen: was soll euch dieser Dienst, sondern wie der Verständige: was bedeuten die Zeugnisse, die Satzungen und die Vorschriften. Verantwortung dafür, daß diese noch Fernstehenden Liebe für unsere Gemeinschaft gewinnen, ruht aber auf uns allen, die wir immer das Band mit der Gemeinschaft und ihrem geistigen Sein gepflegt haben. Es begegnen auch unter ihnen noch manche, die sich nicht immer von häßlich-abfälligen Urteilen fernhalten. Ist solches Verhalten bei denen, die abseits waren, begreiflich, so ist es durch nichts zu entschuldigen bei denen, die mit allem Jüdischen vertraut sein müßten. Fehier und Mißstände bei Einzelnen soiien gewiß nicht beschönigt werden. Aber der Tadel darf aus keinem anderen Grunde erfolgen, kein anderes Ziel anstreben, als zu bessern, emporzuführen und alle Juden, in ihrer Aufgabe der Verwirklichung der Gotteslehre, in größtmöglicher Vollkommenheit z." sehen. Wie soll der Fernstehende Liebe für unsere — und seine - Gemeinschaft gewinnen, wenn er sehen muß, daß sie auch da nicht immer vorhanden ist, wo sie durch feste Verwurzelung mit jüdischem Lebensgut erwartet werden darf. Nicht immer ist der Rascha, der Bösartige, für die Form seiner Fragestellung der allein Verantwortliche: Wir alle müssen uns Rechenschaft darüber ablegen, ob wir immer die rechte Haltung gezeigt haben: Jeder muß Erzieher sein; Erzieher an sich selbst und Erzieher in seinem Kreise. Und in allem nur und ausschließlich getrieben von der Liebe zu unserer Gemeinschaft und ihrer Aufgabe. kann. Die Ägypter, haßerfüllt gegen die Israeliten, gaben ihnen bei ihrer schweren Arbeit Mazzah zu essen. Hiermit ist der Satz gedeutet: „Seht das armselige Brot, welches unsere Väter in Ägypten hr.hr!'." V.'f*!"h.ftr Vr.rfri! hsHrn wir?r.inp? Ahl**1"-* *. ....... kühn, daß unsere Väter aus Ägypten - -■•"'.; UU« mm selbst im finsteren Gallith; vielleicht ■• uns ... Agjrptea sogar besser ergangen. Abravanel creht in R..nr+M*,~ ■ * -~- c-.,~.* ,iö„ M«fo*»ti .^ittn litis »**isziiii\?is t::;i, üK**-'rTt er -».-n-t ti.,,t * nur ,,»■ t uicscis ninm;^ I :..!.,. -»•. V..Ü . ic« wäi " .....* .t..". zu diesem Zweck sogar Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden mußten. Erst der Auszug ermöglichte es dein jüdischen Volke, Zeuge des gewaltigen Ereignisses am Sinai zu sein: dort erst hal die Nation das Rüstzeug bekommen, mit dem sie die schwersten Zeiten des Gallith überdauern konnte. Das sollten wir nie vergessen, daran werden wir auch in unseren Gebeten sieis ermahnt An die Wendung „hätte Gott unsere Väter nicht aus Ägypten befreit, wären wir und unsere Nachkommen heute noch dort" knüpft Abravanel ganz rationalistisch die Bemerkung: vielleicht hätten sie sich seiher befreit? Darauf gibt er eine Antwort, die wir nach dem Zeitalter der Assimilation vielleicht am besten verstehen können. Er sagt, daß dem Volke, das in der Knechtschaft geboren wurde, das nationale Bewußtsein mehr und mehr geschwunden wäre; eine Selbstbefreiimg hätte deshalb nie erfolgen können, wenn mein von außen her, aut'außergewöhnliche Art, da; Volle zur Sammlung gerufen worden wäre; das Werk der Väter fortzusetzen, damit die Verheißung in Erfüllung gehen kann: das Volk Gottes im I ande Oottes.