Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 4 (22.1.1937)
- Date
- 1937-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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13. Jahrgang - Nr. 4 t2^£ Auflage 3400 Stack 22. Januar 1937 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG (i „Neujahr der Bäume in Swislowitz Zum 15. Schwat (27. Januar) von Shtnarya Levin. Wie stark trotz der fast 2000jährigen Entfernung vom Heiligen Lande doch die Verbundenheit selbst mit seinem Roden ist, die schon in den Naturfesten und den Gebeten für den Tau und Regen des Landes ihren Ausdruck fand, läßt der 15. Sch'wat (Chamischa assar biSchwat) deutlich werden. Dieser Tag gilt als das „Neujahrsfest der Bäume". In Palästina beginnen um diese Zeit, da bei uns zu Lande noch tiefster Winter ist, die Bäume zu knospen. In der Diaspora pflegt man an diesem freudigen Tage zehn verschiedene Früchte aus dem Heiligen Land als Zeichen der Verbundenheit mit ihm zu essen. Im heutigen Palästina pßanzen Juden, vor allem Kinder, an diesem Tage die für das Land so wichtigen Bäume. Ein schöner Beweis, wie Tradition zusammenwachsen kann mit einem neuen Leben. Dr. Manfred Swarsensky (Das jüdische Jahr) in seinem immer wieder erfreuenden selbstbiographischen Buch „Kindheit im Exil" (Berlin 1931) schildert Shmarya Levitl in seiner lebendigen Art, wie er zum ersten Male, im Glieder, mit der Feier des 15. Seliwat bekannt geworden ist. Wir geben aus dieser Schilderung die wesentlichen Stücke wieder. Die Schriftleitung. Ich habe herausgefunden, dal! allein an Neujahrsfesten nicht weniger als vier in unserem Kalender verzeichnet sind: das jüdische Jahr war ein Ungeheuer mit vier Köpfen. Da war zunächst das Neujahr, das hoch in Ehren steht, weil es unserem Gotte geweiht ist: Neujahr, der lag der Abrechnung und des Gerichts. Dann kam ein /weites Neujahr, das wir unseren Königen n\ Ehren besonder: '.'..'!••!< Dftfi Neujahr war der lag rein irdischer Abrechnungen, der Ta?, «n dfn» :(!•!►* bchuldsnu'nK Bh9 "Rechnungen Hiiiig wurden. Di«, nichtjudischen Ökonomisten, welche annehmen, daß die Juden die Erfinder des Wechsels sind, hätten dieses dritte Neujahr vielleicht als wichtigen Stutzpunkt für ihre Theorie betrachtet. Endlich gab es noch ein viertes Neujahr: das Neujahr der Baume. Wer die Bedeutung dieses vierten Neujahrs verstehen will, muß seineu Blick ostwärts wenden. Nur im Orient kann der Baum eine so überwältigende Rolle spielen: er gibt Nahrung, und er verbreite! Schatten, und dies /weite ist in Ländern, die neun Monate lang im Jahre tagaus, tagein der glühenden Sonne ausgesetzt' sind, nicht minder wichtig als das erste. Der Dankbarkeit gegen die Bäume entsprang dieses vierte Neujahr, von dem ich erst während meines eisten Chederjahres Kenntnis erhielt. Eines schönen Tages erklärte uns Mottje, daß wieder ein Feiertag bevorstünde und daß wir einen Nachmittag frei bekämen. Er erklärte uns auch, daß es au diesem Tage ein gottgefälliges Werk wäre, so viel Obst wie möglich /u essen; wir sollten daher mit den verschiedensten Früchten reichlich verseilen zum Glieder kommen. Nun fällt aber dieser Feiertag in den tiefsten russischen Winter, wo die Landschaft in Schnee gehüllt ist, wo die Bäume ihre weißen Gewänder tragen und die langen Eiszapfen wie nach unten gekehrte Lichte von den Dachern der Häuser herabhängen. Und die Geschichten, die der Rebbc uns über die Wiedergeburt der Bäume erzählte, klangen nicht überzeugend: sie versanken in dem Schnee, der uns umgab, und erstarben unter der Erostluft. Und ich konnte mit einem Feiertag, der mitten im Winter geboren war, nur Mitleid haben. Dieser Feiertay wird selten bei seinem richtigen Namen „Neujahr der Bäume", genannt. Für ein so kümmerliches Fest scheint der Name zu vornehm zu sein. So nennt man ihn populär — Ghamischa assar bi-schewat was einfach fünfzehnter Tag des Monats Schewat oder kurz „der Fünfzehnte" heißt. An diesem Tage feiert man die Auferstehung der Bäume. Nicht unserer Bäume — der Bäume in den Wäldern von Swislowitz. —, sondern der Bäume unserer Urahnen in Palästina. Dort — erzählte uns der Rebbe — gibt es weder Winter, noch Frost, noch Schnee. Das Land liegt dicht an den Pforten des Paradieses, und unter dem Hauch der warmen Winde, die duicii die I ore strömen, blühen dort alle Arten wunderbarster Früchte, Feigen, Datteln, Johannisbrot, Oiangen und Granaten. Und er sagte nochmals: „Vergeht nicht, an diesem Tage recht viel Früchte in den Glieder mitzubringen." Wir hatten den Eindruck, daß ihm viel mehr an den Früchten als an dem Feiertag gelegen war. Feigen, Datteln und Johannisbrot kannten wir, aber Orangen und Granaten waren uns fremd. Wir hatten keine Ahnung, wie sie aussahen, doch die klingenden Namen — Orangen und Granaten — hallten in uns nach und erweckten die Vorstellung von etwas Reichem und Goldenem. . . . Am Feiertag des „Fünfzehnten" — dem Baumtag Palästinns blich das Haus p» osaisch und unge»chmuckt. Die einzige Abweichung von der Norm war. da!', mir meine Multer getrocknete ■ elg< u. Datteln und Johannisbrot gab, die ich in den Glieder bringen sollte. Während sie das Päckchen (ür mich zurechtmachte, erzählte sie mir von den Herrlichkeiten Palästinas — dem Laude, in dem Milch und Honig fließt und dessen Bäume wundervolle Früchte tragen. Die Früchte, die wir im Exil aßen, hielten keinen Vergleich damit aus. Mit dein Johannisbrot fütterte man dort die Ziegen, oder die Ziegen kamen und knabberten die Frucht einfach von den Bäumen ab. Im Glieder schütteten wir Knaben unsere Früchte in einen gemeinsamen Haufen aui den Tisch. Wir aßen so viel wir konnten und der Rest blieb für Mottje. Au dem Tage wurde wenig gearbeitet. Mottje nahm uii Form wegen ein paar Verse mit uns durch und erzählte uns weite! < uschichten von Palästina. Es war ein kümmerlicher Feiertag für mich. Feigen und Johannisbrot und Datteln konnten wir das ganze Jahr hindurch in den I Jden von Swislowitz kaufen. Was hatten sie für eine Bedeutung? Die Früchte «auii hart, trocken abgelagerte Ware, deren Säfte längst aufgezehrt waren. Und mit diesen kümmerlichen Früchten suchte mau saftige, grüne Erinnerungen in uns zu wecken an ein fernes Land und an zarte Bäume, die selbst im ewigen Sommer hinsiechen und vom sanften Hauch des Neujahrs wiedererweckt werden müssen. Morgen, Sonntag, den 24. danuar 1937, Pfundsammlung.