Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 47 (20.11.1936)
- Date
- 1936-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 47 Auflage 3400 Stück n iY U 20. November 1936 ^?aiafni DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICttTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Jüdische Wirklichkeit. Das Dasein der Juden in Deutschland ist in seinen < Irundfesten erschüttert. Das neunzehnte Jahrhundert hat sie aus dem Ghetto in das Bürgertum eintreten lassen; es hat sie Lebenssicherheit gewinnen lassen. „Lebenssicherheit, das ist das Bestimmende, das ganz Eigentümliche des Bürgers. Was er vom Leben verlangt, ist nicht zuerst eine Erfüllung des Qlückes, nicht ein Reichtum an Freude, nicht eine Höhe des Erlebnisses. Was er erhofft, und was in seinen und seiner Kinder l agen gegeben sein soll, ist vielmehr und vor allem diese Sicherheit, wie sie ein Besitz, verbürgt" (Baeck). Daraul war das Streben der Juden ein Jahrhundert lang gerichtet; es gab eine ganze Schicht, denen kein rechter Erfolg beschiedeu war; einer sehr großen Zahl aber war er gegeben: sie konnteil glauben, daß der Weg ihrer Kinder ein ebener sein würde. Nun sehen sie sich vor der harten Aufgabe*, den Boden, auf dem sie stehen, neu zu festigen; für sich selbst und dringlicher noch für ihn' Kinder. Nichts ist natürlicher, al4s daß dieser bittere Zwang das Sinnen und Mühet! der luden beherrscht. LS ist so UUciidlicll viel an verantwortungsvollen Entscheidungen zu treffen. Es ist zu prüfen, In welches Land der Bück zu richten ist, welche Daseinsmöglichkeiten da oder dmt winken, welche Voraussetzungen vorliegen oder erfüllt werden können, um der (iefahr eines Fehlschlagens zu entgehen. Und ist die Entscheidung getroffen, so ist das Mali an Sorgen nicht geringer geworden: gar vielerlei gehört zur Durchführung des neuen Planes. So sehen wir um uns herum geschäftige Menschen, die alle von einem Ucdanken getrieben werden: den Weg BUS dem er schüücrtcn Dasein in ein gesicherte* neues zu bereiten, viele, sehr viel' erkennrn darin ..{{Mische Wirklichkeit": der lag mit seinem »MÜhrrhörbaren OHwd läßt dem luden kein« tt'ah!: «jüt. itic Kräfte auf das eine Ziel des Neuaufbaus zu —t. t-iut uOeli d.iii dies liiiiniciitcii ai.^ „mdifecite wu*ki|Cukcit bc zeichnet werden. Es sind gewiß Juden, denen eine neue Wirklichkeit gegenübergestellt ist; aber das macht diese nicht zu einer jüdischen; eine solche sollen und können Juden aus ihr gestalten, wenn sie die Zeichen der Zeit nicht nur hören, sondern auch verstehen, nicht nur sehen, sondern auch begreifen. Juden, die als Grundlage ihres Daseins ausschließlich die Sicherheit des Lebens, der Berufs- Stellung, des Besitzes erachten, schweben, sich selber unbewußt, in einer ungeheuren üefahr: von ihrer Hingabe an die äußere Sicherheit aufgefressen zu werden, das bedeutet, die geistigen und seelischen Kräfte verkümmern zu lassen, in denen die Sicherheit verankert sein muß, wenn sie Bestand haben soll. Erst das ist „jüdische Wirklichkeit", daß alles Sinnen und Sorgen um das Kommende von einer i u n e r e n Sicherheit gelenkt wird. Diese innere Sicherheit ruht in der engen Beziehung zum jüdischen Wege; das ist der Weg, den uns unsere Geschichte lehrt, der Weg eines zuversichtlichen Vertrauens auch in wankender Situation, das Bewußtsein gegenseitigen Haltes, den das solidarische Einstehen aller für alle verleiht, des erhebenden Selbstgefühls, das ans rungen des Lebern bewußter Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft mit so hohen sittlichen Idealen, so reinem Streben nach frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit wächst. Innere Sicherheit kann gewiß nicht gezüchtet, doch kann sie wieder aufgerichtet werden, wo sie schwankend wurde, bewußt gemacht werden, wo sie von anderen Lebensgedanken verdrängt wurde. Aber nur dann, wenn neben all der äußeren Rüstung für die neue Zukunft auch die der geistigen und seelischen Kräfte als wichtig erachtet wird. Es unterschätzt die Größe der Gefahr, wer glauben möchte, daß er keine Stunde iang seine Aufmerksamkeit den Erfordernissen seines Neuaufbaus entziehen dürfe. Mag sein, daß er die Bedingungen eingehend studiert und erfüllt hat, unter denen er in eine neue Zukunft geht. Aber er darf nicht vergessen, daß Hindernisse über Hindernisse niederzureißen sind, oft von einer Art, über die kein Freund und Verwandter und kein Buch ihn unterrichten konnte, und daß er dem nur gewachsen sein wird, wenn er mit einem reichen Vorrat an innerer Stärke daran geht. Den Inden bedroht die (iefahr. daß dieser Vorrat an innerer Kraft sich erschöpft, daß die geistige Beweglichkeit, die ein unab- Wägbarer Reichtum des vergangenen Jahrhunderts war, zur Erstarrimg kommt, wenn nicht jedei rechtzeitig Sorge tür ihre Bewahrung trägt. Es wird so viel von der (iefahr der (ihettoisierung gesprochen. Es droht in der Tat jene Enge, die von der Angst um das Bedürfen des Tages beherrscht wird, und in dieser Angst dem Geist der Entfaltung in die Weite und in die Tiefe unterbindet. Und wenn der Jude unserer Tage sich der Gefahr des Ghettos nicht entgegenstellt, dann wird er Ärmer sein als der lüde des alten Ghettos: der Un~vA.\ wenigstens bcieu auU auch im kaum verstandenen Gebete nach seinem Verständnis Zwiesprache mit Gott pflegen. ücii juueii zu bewahren, d;c Aufgabt, das Geistesleben mixt V'*rl*""*'rr"*n11.'dl*'!' Aici.v .t'.. •* ... » dann »vuii die Bedingungen des äußeren Daseins erschüttert waren. Nicht etwa, als ob man den Blick vor den Tatsachen des Augenblicks verschlossen hätte: der Jude ist immer offenen Auges durch die Welt gegangen. Aber indem mau Erkenntnis schärfte, daß die höheren Werte des Menschenlebens, wie sie das Judentum entfalten möchte, lebenswichtig sind, erdnahe und darum von jedem ernsten Menschen unausschaltbar, stählte sie die Juden für den Kampf mit den Schicksalsgewalten. Das ist der tragende Gedanke, unter dem das Lehrhaus die Juden durch die Jahrhunderte der Gallith begleitete. Als feststand, daß der Tempel zu Jerusalem in Trümmer sinken und damit der Bestand der jüdischen Gemeinschaft bedroht sein würde, erstand das Lehrhaus in Jahne: mitten in der Verwirrung, die der schwerste Sturz jüdischen Daseins hervorrufen mußte. Als die Wanderung in immer steigendem Maße das Schwergewicht jüdischer Siedlung nach Babylonien verlegte, wo schwere Lebensbedingungen ganze Menschen erforderten, ging von den 1 chrstätten in Sura und Rumbeditha eine Stärkung der Geister aus, die die Juden auch den äußeren Fordekwarh?cn machte In Deutschland hat das Am 29. November 1936 Pfundsammlung! — Hausfrauen kauft rechtzeitig ein!