Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 45 (6.11.1936)
- Date
- 1936-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 ÜEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 6. November 1936 Jüdische Geschichtsauffassung. <J Zum Vortrag Dr. Prinz. Daß Joachim Prinz ein brillanter Rhetoriker ist, der schon allein durch seine Stilknnst den Hörer in Atem zu halten vermag, da« wußte auch sein Kutturbutldpublikutn bereits. Audi dal? er mit rück- •ichtsloscr Schärfe die Emanzipaiioiisepoche J~ deuLdivu Judtotums verwirft, war nichts Neues, — wenn es auch kaum je mit der radikalen Eindeutigkeit geschah, daß die Geschichte der Juder. in Deutschland seit 1800 einfach aus der jüdischen Geschichte gestrichen und als ein „Leben neben der Geschichte" erklärt wird. Von dem Manne, der dazu auäcfsehen war, auf der Tagung der Kulturbünde die programmatische Linie zu weisen, erwartete man bei seinem ersten Gastspiel danach mit Recht Neues, Richtunggebendes. Daß es nun gleich eine neue Geschichtsdeutung wurde, die — so isi es doch wohl — das gewohnte Bild mit ganz ungewöhnlichen Farben beleuchtet, übertrifft das Erwartete bei weitem, ist aber jedenfalls ein bemerkenswertes Wagnis dieses temperamentvollen Denkers. Die älteren Darstellungen der jüdischen Geschichte so führte Prinz etwa aus die Versuche der Graetz, Dubnow, Achad I laam, glaubten den Ablauf des Geschehenen unter einem Thema zu begreifen, einer Antithese, die sie den Tatsachen „aufstülpten" und sie nach ihrem Blickfeld auswählten. Diese hleologisierimg der Geschichte, wie sie Graetz etwa unter den Leitbegriffen „Denken und l eiden", Achad Haam und seine Schule unter dem Thema „üeistigkeit und Moralität", der jüdische Denker der französischen Revolution, Salvador, mit den Schlagworten seiner Tage vornehmen zu können glaubte, vergewaltigt das lebendige Qeschehen. Geschielite wfnl dann Realisierung der in sie hin eingesehenen Ideen, wird „Konstruktion". OescWchte aber konstruiert sieh selbst. Joachim Prinz verlangt an Stelle dieser Systeme eine vitalistische Geschichtsauffassung, die dem Lebe n iu allen seinen Teilen gerecht wird. ..Indische Geschichte ist alles, w vielleicht schon der Sohn des Künstlers den lebenden Juden. Während mau in ücir Kieu/.zügen Juden zuhaut verbrannte, sang man in den Kirchen die Psalmen Davids... Ein Abgrund klafft zwischen den Epochen der Welt und den unseren, — der Abgrund, den unsere Geschichte ausfüllt. — Trostreich ein anderer Ausblick: unsere Kata- StrophSQZSitCZ] »SICH UÜUiCi buch Uübcic Meiiupienscusten. aus der Knechtachart in mi/raim erstand ein Mosche. aus den Trümmern Jerusalems erhob sich Jeremiah, — aus unseren Tagen der tiefsten Erniedrigung wird das Werk von Erez Jisrael geschaffen, und es wäre nicht ohne sie geworden. Unsere Kräfte wandeln Katastrophen! „Von hier aus reichen wir der Judengeschichte die Hand." Wenn wir erkennen, daß der Weg von Babylonien gar nicht so sehr von dem unseren verschieden ist, — wenn wir die Geschichte als unsere eigene empfinden, dann lernen wir sie richtig. Mit dem ausdrücklichen Bemerken der Subjektivität seiner Darlegungen und der bewußten Betonung ihrer Angreifbarkeit hat Prinz der Kritik die Spitze genommen. Noch ringt er selbst mit seinem Weg; noch will er nicht lehren, sondern anregen, anreizen zum eigenen Nachdenken über unsere Geschichte. Ganz zweifellos ist aber das Ziel ein weiteres. In dieser neuen Darstellung wiU Prinz den modernen Auffassungen des Judentums, die in ihrer absoluten Form unleugbar eine Umdeutung der herkömmlichen Anschauung vom Wesen des Judentums darstellen, ihren Platz in der jüdischen Geschichte erobern. Eine Auseinandersetzung damit ist unvermeidlich, muß aber anderer Stelle vorbehalten bleiben, e. Unsere Gemeinde .1. .,!..!,( I, U Ifidtsche Geschichte ist a 1! e 9 was Ii uj-.—*--.* ~ ..^..^.......^ . .<. l J *" --- Damit — so behauptet Prinz verzichtet er auf eine Beantwortung der Präge: was isi Judentum.'' und nimmt eine bewußte Relativieiung vor. Aus einein festen Begriffsgebäude „Judentum" — so Frau Amalie Zander zum Gedenken. Zum Gedenken an seine verdienstvolle und hochverehrte langjährige Vorsitzende, Frau Amalie Zander, legt der Israelitische Frauen verein im Gemeindeamt, Wab>r«B!üme!-Str.!!>,! (Kasse) eine Spendenliste aus, die zur Ablösung von Blumenspenden gedacht ist. Nachricht des Sozialamtes. Das hiesige Beth-Chaluz des Baehad, GottschedstraBe J8, benötigt dringend einige größere Schränke. Angebote von Spenden erbittet das Sozialamt. Handarbeitsausstellung. Ablieferung der Handarbeiten für die Handarbeitsausstellung des Sehwesternhundes der Leipzig-Loge Donnerstag, den 12.11., zwischen 4 und 6 Uhr, Huniboldtstr. 1 p. Anläßlich des Beginns der Winterarbeit des jüdischen Lehrhauses wird eine Eröffnungsfeier am Sonntag, den 15. November 1936, nachmittags pünktlich 4,30 Uhr im Kulturbundtheater (Battenberg), Tauchaer Straße 32/34, veranstaltet (Einlaß 4 Uhr). Den Pestvortrag hält Herr Dr. ARTHUR ELOcSSck, Beriin-Uiarlottenburg 5, Lietzenseeufer 1, über das Thema Heinrich tieines Rückkehr zum Judentum. Zu dieser Feier sind sämtl. Gemeindemltgiieder eingeladen. Es wird ein Unk.-Beitr. v. 30 Pf. (einschl. Gard.) erhoben. Jüdische Ulinterhilfe Postscheckkonto Nr. 20516 Israel. Religionsgemeinde, Abt. Winterhilfe). Zum Eintopfsonntag am 8. November 1936. 4 * * * ' n Ii r\ i i v : Vergesset niemals, daß unsere Helfer ihre Kraft ehrenamtlich in dcnJDdpnst der guten Sache stellen. Zeigt euer VentiSfidnis für Sammler und Werk durch freundliches Entgegenkommen und reichliche Spenden. kann man das Oemeinte erläutern wird ein unbegreifliches, nur erlebbares und schaubares „Leben der Juden". Symbolhaft für die Verschiedenheit der beiden Deutungswege ist Prinz die Geschichte von Jakob und Esau. Von dem Augenblick der Segnung Jakobs an scheidet die traditionelle Auffassung (nun nicht etwa nur die Graetz- Achad Haamschc, sondern jede bibeltreue, — Prinz wechselt hier bereits die Frontrichtung!) die Wege Jakobs und Esaus. Hie Israel, hie Edom, — hier Segen, dort Fluch. Aber Judentum ist nicht nur die Naclitolge Jakobs; „Judentum ist Jakobtum und Esautum"; nicht nur Abel, sondern auch Kain. (?) Als Prototypen des Juden-»»-! tums gelten etwa für Buber (die Auseinandersetzung mit Buber kommt öfters zum Vorschein) der Priester und der Prophet. Aber dazwischen mhr es hundert a:vJe , ist :i:t-ü nr* iinnvi'tipi! niniiirni) WinT*>rniiTn *..•*.....'*• iÄti«i . v I 3V ' ' iv II* UV. II -luiunii h, ütui, zu gieicüer c.cu existierten. Zwischen Arnos, dem von der Weide angerufenen üottesmanne und Amaziah, dem „königlichen", — in des Königs Dienste stehenden — Priester, steht ein Mann wie Samuel, dem man „ein Geldstück gab, um zu erfahren, wohin ins Gebirge sich die Ziegen verirrt hätten". Durch die ganze Geschichte des Judentums stehen sich die beiden Grundtypen, der halachische und der aggadische Mensch gegenüber. Neben den Rabbinen die Jesus-Jünger, die Essener. Neben den „Lernenden" die Astrologen. Baal Schein und Wilnaer Gaon. Alles ist Judentum, alles, was eine Generation lebt, die noch jüdisch und mit einer als jüdisch erkennbaren Sprache lebt. Alles was „bis etwa 1800 jüdisch gelebt wurde" (!). Nur eins war allen denen gemeinsam: das Leben im Gesetz. Dies zentrale Heiligtum gab es immer. Nur der falsche Messias gab es auf. Die Juden haben der Welt den für jene Zeit geradezu absurden, unfaßbaren Gedanken eines unsichtbaren Gottes gegeben. Aber diesen einen Gedanken gab es in tausendfacher Vielfalt, — eben weil es tausend Welten für uns gab ... Tausend Welten .. Es ist mitunter lehrreich, unsere Geschichte unter dem Aspekt der jeweiligen Umwelt zu betrachten, — so wie es kürzlich Höxter unternommen hat. Was bedeuten etwa Europas Epochen für die Juden? Eine tragische Paradoxie, wo wir auch hinsehen. 1492 — Europa im Frühling der Renaissance, höhepunkte auf allen Gebieten der Kultur, — für die Juden Tage der Katastrophen Bamberg: Geniale Künstlerhnnd formt unvergleichliche Prophetenreliefs, Köpfe von Juden, — und auf der Straße mordet tag, den Iü. Nuvcmber 1936, in der Ausgabesteue, urutii 47 (Hof) statt und zwar von Q1/, bis I2l/i für die Gruppen 1 und 2, von 14Vj bis 17 Uhr für die Gruppen 3—-10. Wir bitten bei dieser Gelegenheit nochmals um strikte Einhaltung der angegebenen Zeiten, da eine nachträgliche Ausgabe nicht erfolgen kann. Anträge auf Sonderzulagen und Sonderbetreuung. Derartige Anträge können nur Berücksichtigung finden, wenn die Dringlichkeit wegen chronischer Leiden durch ärztliche Atteste nachgewiesen wird. Wir bitten daher unsere Betreuten, nur in wirklich dringenden Fällen diesbezügliche Anträge zu stellen. Körbe für die Pfundsammlung. Zur glatten und schnellen Abwicklung unserer Pfundsammlungen ist erforderlich, daß wir über genügend Körbe verfügen, in denen die gesammelten Lebensmittel transportiert werden können. Wir bitten deshalb noch einmal herzlich, uns recht viele Körbe zu leihen. Wir lassen die Körbe abholen und stellen sie den Eigentümern am Schlüsse der Winterhilfe wieder zu. Meldungen erbitten wir telefonisch unter 23602, Hausanscllluß 25 oder schriftlich an die Jüdische Winterhilfe, Leipzig, Walter- Bhunel-Str. 10. Gottesdienste Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst,: Freitag, 6. November 1936, Abendgebet 16»/j Uhr mit Predigt. Sonnabend, 7. November, Morgeugebet <) Uhr, Nachmittagsgebet 16,50 Uhr, anschließend Lehrvortrag, Abendgebet 17,20 Uhr. Gottesdienst an Werktagen in der Ez-Chaini-Synagoge.