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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-10-02 · 40 (2.10.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
40 (2.10.1936)
Date
1936-10-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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12. Jahrgang - Nr. 40 Auflage 3500 Stack 18 H 2. Oktober 1936 DER ISRAELITISCH EN REUGIONSGEMElNDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DEfrßtMEINDEVERVVAlTüNG Neue Hütten. Von George Goetz. „. . . damit eure Geschlechter wissen, daß ich die Kinder Israel in Hütten habe wohnen lassen, als ich sie herausgeführt lullte aus dem Lande Ägypten" (Hl. B. M. 23,43) — dies die merkwürdige Begründung für die Einsetzung unseres Laubhüttenfestes, das jetzt an die Hohen Feiertage sich anschließt. Merkwürdig deshalb, weil die Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten vierzig volle Jahre gedauert hat, so daß nicht recht einzusehen ist, warum das Pest zur Erinnerung daran gerade Mitte Tischri begangen werden soll. Aber mag dieser Umstand erklärt sein durch die Verknüpfung des Chag hassukkoth des Hüttenfestes, mit dem Cbag haaßif, dem Fest der Einsammlung, der Herbsternte, ein anderer Umstand bleibt unerklärt und ist eigentlich noch viel merkwürdiger. Zur Erinnerung daran, „daß ich sie herausführte aus dem Lande Ägypten" ist das Pessachiest eingesetzt worden, das erste der drei Haupt- oder Wallfahrtsfeste; das zweite, Schawuoth. dient dann der Erinnerung an die siuaitische Offenbarung, die dem Zuy des Volkes die innere Richtung gab; — es hätte nahegelegen, daß das dritte und letzte Fest dieser Serie.nun der Erreichung des Zieles gegolten hätte, der Besitzergreifung der alten Heimat. Auch dies Ereignis erstreckte sich, genau wie die Wanderung, über viele Jahre, aber es hätte sich ja ebenfalls und sogar noch sinngemäßer mit einem Erntedankfest verknüpfen lassen. Denn ganz ohne Zweifel, war es ja der Sinn jener Wanderung gewesen, daß Israel im eigenen Lande seßhaft werden und die Früchte seiner Arbeit in diesem Lande ernten sollte. Auch der Sinn vieler Oebote, die gegeben werden, ist dies: „... daniil du lange li h. ni in dem Lande, «irr Ewige, dein Gull, dir gibt*' Und überhaupt Ist das Rechl des Menschen au? Verwurzelung mit üef Lrde ja eine ucr ürundlehren des Judentums: spätestens nach Verlauf von fünfzig Jahren soll „jedermann zu beinern Erbe zurückkehren" (Iii. B. M. 25, 13). Oerade das Judentum aber, das dieses Ideal aus sich heraus entwickelt und aufgestellt hat, hat es nie an sich selbst verwirklicht sehen dürfen; eher umgekehrt: wenn auch nicht nach fünfzig Jahren, so doch immer nach einigen Generationen hat es sein Erbe wieder verlassen müssen. Und gerade das heute lebende Geschlecht erlebt au sich selbst das, was man die Paradoxie der jüdischen Existenz nennen muß: ein festes Haus zu erlangen, ist uns nicht beschieden; wir wohnen in leichten, schwankenden Hütten, von denen es zwar schön und wahr heißt: „Die Sterne schauen oben herein", von denen aber schlimm und wahr auch gesagt werden muß: alle Sturme fahren in sie herein! Ein hartes und schwere« Schicksal und doch ist es diese ewige Unsicherheit, die uns — das beweist unsere Geschichte — zur Sicherheit geworden ist; oft zum Abbruch unserer Hütten genötigt, haben wir gelernt, sie ebenso rasch an anderem Orte aufzuschlagen. Und wurden Trennung und Neuaufbau dem Einzelnen auch noch so schwer, doch ist ein jeder — sei es nun mit, sei es gegen sein Wollen und Empfinden — Glied jener unübersehbar langen Ocnerationenreihe, deren von Oolt bestimmte« Schicksal es zu sein scheint, sich die Seßhaftigkeit immer aufs neue und immer nur für kurze Zeit erringen zu müssen und so, in ewigem Kampf um de« höchsten Ideales willen, alle Katastrophen zu überwinden und selbst der alles bezwingenden Zeit siegreich standzuhalten. Dies allein kann die Deutung des Hiittenfestes sein, wollen wir es lebendig hineinstellen in die Geschehnisse unserer Epoche. Denn wir erleben ja nicht nur den Abbruch unserer Hütten am alten Ort, sondern gebieterisch fordert von uns das Leben, daß wir sie in der Ferne neu errichten, so wetterfest, so erdverwurzelt wie nur möglich, damit wir . . . lange leben auf dem Lande oder in den Ländern, die unseren Kindern und den Generationen nach uns zum bleibenden Erbe werden mögen, so lange es Gott gefällt. Neue Erde . . . Fast auf den Tag genau sind unabhängig voneinander zwei Veröffentlichungen erschienen, die uns von Jieser neuen Erde, von den Zielen der heutigen Judenwanderung sprechen. Und nicht erst der heutigen, denn Dr. Michael Traub beginnt seine Ausführungen') mit der Erinnerung daran, daß in der Zeit von 1881 bis 1914 über 2l/2 Millionen Juden Osteuropa verlassen haben, in den Jahren IQ 15—1925 eine halbe Million und 1926 1935 abermals eine halbe Million. Das sind Zahlen, die uns das geschichtliche Ausmaß dieser Wanderungen erkennen lassen, und jeder, mag er auch noch so sehr von seinem persönlichen Trennungsschmerz bewegt sein, wird sich nun über alles Persönliche erheben und fragen: Wohin ging, wohin geht dieser Weg — unser Weg? Außerordentlich reichhaltig ist das Zahlenmaterial, das Dr. Traub in seiner Eigenschaft als Vizepräsident des „Keren Hajessod in Deutschland" zur Verfügung gehabt und das er klar und anschaulich für seine Leser verwendet hat In den früheren Jahrzehnten mm? der Hauntatrom nach den Verelnfrtcn Staat« *iit ■. i rrt-ur timi oputmsttsen »innen wir sein, wen« wir :-r:a;uca1 uau_ au uaim von dreißig Jahren 660 OÜO jüdiickc Handwerker nach Amerika eingewandert sind, dafi in diesen dreißig Jahren bl'-y,, Sämtliche! eiwerbstätigen jüdischen Immigranten verschiedenen Handwerkerberufen angehörten, und daß, wie Traub hinzufügt, „kein Volk der Frde prozentuell oder absolut eine so gewaltige Anzahl gewerblich vorgebildeter Menschen aufwies wie das jüdische" (S. 12). Die Berufsflage stellt Dr. Traub in den Vordergrund seiner Erörterungen, deren eigentlicher Kernpunkt die Untersuchung der Auswanderungsmöglichkeitcn ist. Traub weist darauf hin. wie die Vereinigten Staaten zwar immer noch eines der Haupteinwanderungsländer sind, aber dennoch ihre überragende Monopolstellung in dieser Beziehung verloren haben: von den 500000 Juden, die während letzten Jahrzehnts Europa verlassen haben, hat Palästina mit 177115 Juden ebenso viel indische Einwanderer aufgenommen wie alle transozeanischen Länder zusammengenommen, und von den hunderttausend Juden, die In dreieinhalb Jahren aus Deutschland ausgewandert sind, ist ein Drittel nach Palästina gegangen. Dr. Traub, der einen detaillierten Wanderungsplan für die nächsten fünf Jahre aufstellt, verlangt, daß bis 1941 abermals 100000 Juden Deutsch* laiul verlassen sollen und daß davon die Hälfte, das sind jährlich ') Dr. Michael Tiaub. „Die jüdische Auswanderung aus Deutschland"; Verlag Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin, 1936, 44 S.

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