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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-08-28 · 35 (28.8.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
35 (28.8.1936)
Date
1936-08-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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12. Jahrgang - Nr. 35 Auflage 3500 Stück PiJ - t y rV <■ x , 28. August 1936 \i 1 isisaiiföi DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Vom Geist der mittelalterlichen Judengasse. Von Dr. Willy Cohn, Breslau. \\ ic in so vielem anderen, so vollzieht sich auch in der Auffassung der jüdischen Geschichte gegenwärtig eine völlige Neuwertung. Oewiß, der Historiker strebt ja an und für sich nicht nach Wertung, sondern nach Erkenntnis; trotzdem lieg! es in der Natur des Menschen begründet, dal! seine jeweilige weltanschauliche Stellung auch für die Wertung geschichtlicher Vergangenheil eine Rolle s|>icii. in der nun abgelaufenen Epoche jüdischer Qeschichte hatte man die mittelalterliche Judengasse in der Regel stark verneinend beurteilt. Man sah in ihr eine Stätte der Unkultur, des Rückschrittes, und sehr häufig wurden alle Bestrebungen, die auf eine Erneuerung des Judentums abzielten, von jüdischer Seite mit den Winten abgetan: Wir wollen nicht zurück ins Qhctto. Um so mehr liegt uns heute die Verpflichtung ob, nachzuprüfen, wie es in dieser Judengasse des Mittelalters, in der das Leben unserer Vorfahren pulsierte, wirklich aussah, heute soll nicht die Rede davon sein, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen sie lebten, womit,sie ihren Erwerb fanden. Heute soll nur einiges erzählt werden von dem, womit sie sich geistig beschäftigten, und es muH die Frage aufgeworfen werden, ob dieses Leben ihnen die seelische Ungebrochenheit gab, die notwendig war, auch schwere äußere Schicksale /u ertragen. Der J.ud>' des Mittelalters, im besonderen dir vor dem Einbruch irrnRerer vprfolcrtinorpn lebte in piner PPtatlB vfillic irem-hlnssenen 13 ., . i c» o o o W elt. Die Treue /ur Thora und die Beschäftigung mit ihr erfüllte sein Dasein. Kein größerer Ruhm für die ein/eine Gemeinde, als wenn *k da» Glück hatte, einen besonders hervorragenden Keooej i Thum in tilicii Mauern tu bergen. Daun w-u es sicher, daß diese Judengasse ein Anziehungspunkt für die Juden der ganzen Welt bildete ,.ud daß das 1 ehrhaus in ihr bald eine Statte wurde, in der die Diskussion kluger Männer den Raum erfüllte und davon Zeugnis ablegte, daß alle Nöte der Verbannung die geistige Arbeit und Portentwicklung nicht zu hindern vermochten. Line solche Gestalt, die ein ganzes Zeitalter erfüllte, war Rabbi Salomon Jizchakl, kurz K'aschi genannt, dessen Erklärungen zu den fünf Büchern Moses die I hre zuteil wurde, mit dein Text in unzähligen Ausgaben immer wieder gedruckt zu werden. Der Oeist, der gerade aus diesem einzigartigen Werke spricht, ist der (ieist edelsten Menschentums und höchster Sittlichkeit. Es bemühte sich Raschi, wenn er etwa von der Ehrfurcht vor den Litern sprach, die Menschen, die im Judentum heranwuchsen, so zu erziehen, daß für sie die Liebe zu den Eltern, die Achtung vor ihnen, neben der Bewahrung der religiösen Gebote und des Haltens des Sabbaths stärkste Verpflichtung war. Damals war es so unmöglich, den Sahbath zu verletzen, daß Raschi betonte, nur in diesem i alle, wenn Eltern ein Kind zur Entweihung des Sabbaths verleiten wollten, sollten die Kinder ihnen nicht gehorchen müssen. Dies aber wird als ein im Grunde unmöglicher Urenzfaß angegeben. Wenn in dieser mittelalterlichen Judengasse Dichter und Sähger Glückwunsch- Ablösung flnrch «las Geiiirfnffoltl »tt In diesem Jahre soll den Gemeindemitgliedern Gelegenheit geboten werden, ihre Glückwünsche zum Jahreswechsel im Gemeindeblatt abzulösen. Der Reinertrag soll für wohltätige Zwecke verwendet werden. Die Ablösung erfolgt unter Veröffentlichung der Namen in einer für alle Ablösungen gleichgearteten Anzeige in der Rosch haschono-Nummer des Gemeindeblatts. Der Mindestbetrag für eine Ablösimg ist auf RM. 3.— festgelegt worden. In Anbetracht der großen Notlage wird jedoch erwartet, daß dieser Beitrag nach Möglichkeit erhöht wird, damit recht viele Bedürftige bedacht werden können. Die Beitrage erbitten wir möglichst bald, spätestens jedoch bis 8. September, an die Gemeindekasse, Walter-Blümel-Str. 10,1 oder auf das Postscheckkonto der Gemeinde, Nr. 50533 Leipzig, mit dem Vermerk „für Giückwunschablösimg". Leipzig, den 21. 8. 1936. Der Vorstand der israelit. Religionsgemeinde zu Leipzig aufstanden, so nahmen sie selbstverständlich nur das Wort /.u religiöser 1 luldigung. Mag dies dem Menschen der Moderne vielleicht merkwürdig erscheinen: sein Geistesleben Umfaßt ja auch viele andere Bezirke, aber der Mensch des Mittelalters, nicht nur des jüdischen Mittelalters, stand ja zum (Ihmben in anderen Beziehungen. Für ihn war religiöses Leben nicht etwas, was neben seinem übrigen Dasein «fand, sondern es «-ir h -> c Dasein. Aus dieser Einstellung hcrauc;.^.,,ivn uii wiiin ein Meschuliam ben Kalonymos ein Gebet t;;r den Versöhuuugslag verfaßt, wenn er Gottes Alimacht preist, wenn ein Benjamin ben Serach über das Schicksal ludas klagt, wenn ein Rabbi Meir mit seinem Schöpfer rechtet über das Schicksal, das eisernem Volke zugemessen hat. So ein Mann der Ehre teilhaftig wurde, vor seinen Schöpfer als Sänger der Gemeinde zu treten, so war ausschlaggebend hierfür seine religiöse Einstellung und ob man glaubte, daß er würdig sei, Gebete der Gemeinde zum Herrn weiterzuleiten. Dieser hohen Aufgaben waren sich auch die Menschen bewußt, und nur, wenn sie glaubten, ihr gerecht zu werden, dann traten sie vor den Ewigen hin. In einer solchen Gemeinde des Mittelalters muß diese Stimmung entschlossenen Zueiiianderstehens gewesen sein, die die Menschen befähigte, alles und jedes Miteinander zu ertragen. Viele Probleme, die für uns heute, die wir inzwischen durch die westliche Zivilisation hindurchgegangen sind, bestehen und bestehen müssen, gab es nicht, und sie würden dem mittelalterlichen Juden, könnte er in unser Fühlen eindringen, \ö;ü;> unverständlich sein. Sein ludesein war eine Totalität und er wußte, auf welcher Ebene er sich zu bewegen hatte. Auch etwas anderes iiuili richtiggestellt werden. Wie leicht könnte man die Vorstellung gewinnen, daß dieser Jude aus der (lasse sich in einer ständig gedrückten Stimmung befand. Die Quel-

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