Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 32 (7.8.1936)
- Date
- 1936-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 32 Auflage 3500 Stück 7. August 1936 DER JSRAEtl TISCH EN I E I D7I f. AMTLICHES N&CHRICHTENBLATT RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIrtlU DER GEMEINDEVERWALTUNG „Tancred". \r,,.* |>A*t« ii/:**.,..- * ^-w. ..i •» utuwii Benjamin Disraeli, Lord of Beaconsticid, ist zwar als einer der genialsten englischen Staatsmänner und als Schöpfer des britischen „Empire" niänniglich bekannt. Neben der politischen Bedeutung und neben der hohen gesellschaftlichen Geltung, ist eine andere Seite dieses vielfältigen und vielspältigen Lebens mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Über dem erfolggekrönten Staatsmann, dem englischen Ministerpräsidenten, dem weltmännischen und weltkundigen „Dizzy", der eine sehr autokratisch gesinnte Königin mit blumigen Reden und Briefen zu gängeln vermochte, bis er, der fascinierende Peer, seiner Königin die Kaiserinkrone von Indien zu überreichen vermochte, hat man den Dichter und Träumer Benjamin Disracii, einen der Standardschiiftstellei seinei Zeit, ziemlich aus dem Uedächtnis verloren. Disraclis Romane schildern mit Vorliebe Lebenslaufe, die zur Höhe führten. Man hat sie oft zu romanhaft gefunden,' aber bühifer noch, unwahrscheinlicher, phantastischer war der Roman seines eigenen Lebens — getreu dem englischen Sprichwort: „truth is stranger than Hction" — Wahrheit ist unwahrscheinlicher als Dichtung — reicher als andere Erfindungen des Westens und alle Überlieferungen des Ostens waren die Eingebungen seines (ieistes, die er selbst mit Stolz auf sein jüdisches Blut zurückführte, vielleicht in eigentümlicher Bescheidenheit verkennend, dall die Einmaligkeit der genialen Persönlichkeit aus unergründlichen Tiefen emporsteigt. Kaiserin Friedrich, die ehemalige Princeli Royal, berichtet gelegentlieh ihrer Mutter, Bismarck, der eiserne Kanzler des Deutschen Reiches, habe in seinem Arbeitszimmer drei Bilder gehabt: ..Meine Frau, meinen Suuvciän, meinen Freund!*' Der Freund war DisraeH Und als im Jahre 1881, Jahre, uatatucui deu Zenit» seines Ruhmes auf dem Berlind Kongreß erreicht hatte, Benjamin DisraeH, Lord Beaconsfield, in den letzten Schlummer, hinübergiitt, schlug Oladstone, „the grand old man", ein öffentliches Leichenbegängnis und ein Grab in der Westminsterabtei vor. Doch die Testamentsvollstrecker iles Verstorbenen wandten ein, es sei Lord Beaeonsfields Wunsch gewesen, in Hughenden auf dem kleinen Friedhof hei der Kirche neben seiner Gattin zu ruhen. In eben dieser Kirche ließ die Königin auf ihre Kosten ein Denkmal errichten; unter dem Peerswappen sah mau das Marmorprofil Lord Beaeonsfields und darunter steht zu lesen: Dem Teueren und ehrenvollen Andenken an Benjamin (trafen von Beaconsfield ist dieses Denkmal gewidmet von seiner dankbaren Soiiveränin und Freundin Victnria R. I. „Die Kynige lieben die Stimme des Gerechten" Sprüche XVI, 13. Beniamin Disraeh, dessen Vater schon aus dem Judentum ausgetreten war und der seinen vergötterten Sülm Ben noch wti Erreichung des 13. Lebensjahres in das offizielle Christentum einführte, hatte als korrekter Christ gelebt und ist als korrekter Christ gestorben. Trotzdem hatte er niemals aufgehört, sich voller Stolz des sephardischen Judentums zu rühmen, dem er entstammte, und seine Ängehörigkeü zu dem „ü'radei der menschheif zu unterstreichen. Er hat unter seinen Zeitgenossen häufig den Spitznamen „die orientalische Sphinx" getragen, und wenn heutzutage bei den Palästinaverhandlungen im englischen Parlament ein Abgeordneter von DisraeH als von „einem orientalischen Träumer"...gesprochen hat, der die Stellung des Reiches im Mittelmeer geschaffen und besonders den Seeweg nach Indien gesichert hätte, so ist das nichts anderes als eine sehr feine Umschreibung des Dichters Disracii. Es hat auch sonst in vielen Ländern bisweilen Schriftsteller gegeben, die nebenbei Minister waren, aber es hat wohl kaum einen anderen gegeben, der seinen eigenen I Mchtertraum als Staatsmann zu erfüllen vermochte. Der Roman „Tancred" oder „Der neue Kreuzzug" war Disraclis Liebiingswerk. Der gleiche Benjamin Disraeli, der mit zwölf Jahren in den Schon der anglikanischen Staatskirche aufgenommen u in de, trat mit fünfundzwanzig Jahren jene grobe Reise an, die ihn "1331" 'über Spuirien, Albanien",- Griechenland, nach Palästina und Ägypten führte; auf ihr hat er im Angesicht des östlichen Sternenhimmels und angesichts jener Impressionen, die er von Jerusalem i:: iliiiuem Mondlicht und grellem Sonnenschein, von Bethlehem und Hebron, von der Steinwüste der Sinaihalbinsel oder von den farbenfrohen Bildern des ewigen Damaskus empfing, den Urquell religiöser Offenbarung erfühlt. Mit Recht hat Disraelis grolier Rivale, W illiam Qladstone, Lord Beaeonsfields ,,Loyalty to his raee" als die erste seiner Tugenden gerühmt. Wie er sein kirchliches Glaubensbekenntnis mit seinem Judentum in Linklang zu bringen vermochte, und was er au inneren Erkenntnissen diesem Zwiespalt, der 4m Grunde gar kein Zwiespalt war, verdankte, zeigt der Roman ..Tancred" plastisch dar .. I a n c r e d", der, wie ta-t alle Werke Disraelis, in Lngh'nc! als eine Art Schlüsselroman aufgefaßt wurde, ist von seinem jetzigen i'tU,._„..4 .... | .. | : .. „ c I u -.....u ----ft.r f>- . - f »i vaL-ll * ....! . L> UCiS VlZCi juiiua li u u u lim j.;iuiRi oui^iuil imii / i UHU VUII allen Breiten gereinigt worden. Fr erseheint in der nunmehrigen Form als ein Stück Prophetie, die heutzutage die Kontur höchster Aktualität tragt und darum besonderen Anspruch auf Beachtung erheben darf. Das Buch (erschienen in der Jüdischen Büch« Vereinigung, Berlin), soli uns unter anderem auch daran erinnern, dall Lord Beaconsfield in seiner Eigenschaft als Premierminitter einen jungen Privatsekretär namens Balfour in die hohe Schule der Politik einführte. Den gleichen Balfour, der 1917 die Deklaration des jüdischen Nationalheims in Palästina im Namen der englischen Regierung unterzeichnete. Ausgabe der Synagogenkarten. Die Erneuerung der Synagogenkarten Bildet bis 17. August d.J. im Gemeindeamt, Walter- Blümel-Str. 10, 1, von 9—13 Uhr, statt. Karten die nicht rerlit7pitlg abgeholt sind, werden anderweitig vergeben. — Eine schriftliche Erinnerung erfolgt nicht. Leipzig, den 3. August 1936. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.