Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 31 (31.7.1936)
- Date
- 1936-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ÜEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 31. Juli 1936 Zusammenhang gefunden, wenn wir in unseren Geschichtsbüchern lesen: das sind keine interessanten Beobachtungen mehr, die wir in der Fremde anstellen, das sind u n s e r e Vorfahren, über deren Erleben, deren Sorgen und Freuden, deiCij Hoffuuugeu und uuttau-?chungcn y»« uI«Imcu. ja, uas sind Streuungen um! Wege, die den unseren gleichen; die wir deshalb verstehen, und von denen wir deshalb Weisung erhalten; jetzt wird uns alles das lebendig: wir erleben unsere Vergangenheit in unserer Gegenwart. Und wir lesen aus dem, was war, unsere Pflicht gegenüber kommenden Geschlechtern. Dan wir heute geschichtliches Erlebnis erfahren, ist in dein Bewußtsein von dem tiefgreifenden Wandel im jüdischen I )asein begründet, der sich eben vollzieht. Unsere Zukunft wird eine andere äußere — und innere Lebensform aufweisen, als sie unsere Gegen-, wart und unsere Vergangenheit zeigt. Es gab bis vor kurzem noch Juden, die das nicht sehen wollten; sie dürften wohl zu einer klareren Erkenntnis unserer Lage gekommen sein. Keiner vermag zu sehe:: und zu sagen, w i e sich die Entwicklungen vollziehen. Doch daß wir in bedeutsamem Abschnitt unserer Geschichte stehen, daß unsere Nachfahren das heutige Geschehen im jüdischen Leben aller Lander als eine Wendung betrachten werden — darüber kann kein Zweifel bleiben. Darin aber liegt für uns die Aufgabe vorgezeichnet, die uns Heutigen obliei't. Wenn wir den Sinn <•'■•- geschichtlichen DLbcus uuscrci i agc recht erfassen, nicht nur ein Wort sprechen, das die Situation bezeichnet, sondern den Zuruf beachten, der in ihm erklingt, dann müssen wir uns als ein Geschlecht erweisen, das seine Verantwortung vor der jüdischen Zukunft erfüllt. Allen Kleinmütigen galt in allen Zeiten das aufmunternd« Wort des Propheten, das in enger Anlehnung an den Tag tiefster Trauer am heutigen Sabbath in unseren Gotteshäusern verlesen wird: „Er gibt dem Ermatteten Kraft, dem Ohnmächtigen vielfältigt er Kernhaftigkeit." (Jesaia 40, 29.) So spricht der Gottcsküifcici zu einer Gemeinde in der Zeit schwerer Bedrängnis, um ihr das Vertrauen zu sich selbst und in ihre Zukunft neu zu vermitteln. Auch er weist in seinem Zuruf auf die Lehren der Geschichte und die sichernde Kraft der Hingabe an die geschichtliche Aufgabe. Immer haben Juden dieser Tröstung bedurft, immer durch sie gewonnen, wenn sie jüdische Geschichte erlebten. G. C. Zehnte Jahreskonferenz des Weltverbandes für Religiös-Liberales Judentum. mute juii wurde in London die Zehnte Jahreskonferen/ des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum (World Union for Progressive Judaism) abgehalten. Zahlreiche führende Persönlichkeiten der reiigiös-iibcralcn Bewegung nahmen an der Konferenz teil. Am Freitag nachmittag fand eine informative Aussprache in der Liberal Synagogue statt, bei der Berichte über die Erfolge der Arbeit der religiös-liberalen Gemeinden in Melbourne, Amsterdam, Bombay. Südafrika, Paris, Deutschland und Amerika und über die Schwierig keiten, mit denen die religiös-liberale Bewegung zu kämpfen hatte, erstattet wurden. Am Schluß der Sitzung überreichte Rechtsanwalt Stern der Ehrensekretärin des Weltverbandes Uly Montagti eine künstlerisch ausgestattete Dankadresse anläßlich ihies zehnjährigen Amtsjubiläums. Mrs. Kap n i k - Südafrika berichtete, daß es nach erst zwei jährigem Bestehen der liberalen Synagogengemeinde in Johannesburg bereits möglich warx anL.den_Bau „einer .Sypagoge Ju'-tatuugeiivu,- "Ttic~irn"Septemtlier Terfiggesfellt sein wird. Der Fassungsraum der Synagoge ist für 1200 Menschen berechnet. Die Gemeinde zähle zwar noch nicht so viele Mitglieder, sei aber nahe daran, diese Zahl /u erreichen. Man habe bei dem SynagGgcnbau AU /u ciwallende Starke Hutwicklung der Gemeinde vorbedacht. Besondere Schwierigkeiten bereite der liberalen Gemeinde die Erfassung der älteren Menschen. Die jüdische Bevölkerung von Johannisburg bestehe hauptsächlich aus eingewanderten luden, die sehr orthodoxe Vorstellungen mitgebracht hätten. Sehr gute Fortschritte mache dagegen die Arbeit bei den Kindern. Die Jugend werde dazu erzogen, den Gedanken des Judeseins als etwas Natürliches und Selbstverständliches zu empfinden, ohne deswegen stolz <u sein oder sich dessen zu schämen. Der neue Rabbiner Dr. Weiler leiste hervorragende Arbeit in dieser Richtung. Miß Montagu wies in dem zusammenfassenden Schlußwort zu der Aussprache daraul hin, daß er. die Aufsrabe des Weltverbandes sei, ilie .. ..„v ,i gemeinsamer Aibeu im Dienste der Wahrheit zu vereinigen. Am Sonnabend wohnten Delegierte und Gäste einem Gottesdienst in der West London Synagogue bei. Die Predigt hielt Felix Levy - Chicago. Der Sonntag war einer Round Table-Konferenz über das Tlu m.i „I reiheii und Autorität im religiös-liberalen Judentum" gewidmet. Die Konferenz fand in der Liberal Synagogue statt. Dr. Claude Montefiore richtete begrüßende Worte an die Teilnehmer. Ihre Bereitschaft, au diesem entlegenen Winkel der Welt zusammenzukommen, zeuge von Ihrem lebendigen Interesse au der Sache des religiös-liberalen Judentums und von ihrer Verbundenheit mit dem weltverband. In diesen Tagen, erklarte Montefiore, empfinden wir in steigendem Maße die Gewißheit, daß in der Religion nicht nur Trost und Kraft, sondern auch die ein/ige endgültige Lösung der heutigen l eiden und Übel gefunden weiden kann. Dr. Mattuck gab der Fi Wartung Ausdruck, daß das Problem „Freiheit und Autorität" nicht nur in seiner Beziehung zur gegen* wältigen Situation, sondern auch in Verbindung mit den Grundprinzipien religiöser Entwicklung, die bei allein politischen Wechsel unverändert bleiben, einer Betrachtung unterzogen werden wird. Ais fortschrittliche Juden seien sie dem Gedanken verpflichtet, daß neue Theorien den ihnen zukommenden Platz finden müssen; aber der Ewigkeitscharakter jüdischen Lebens und Denkens sei von gleich hoher Bedeutung. Rabbiner Dr. Dienemann führte aus, daß Autorität sich in der Regel nur da geltend machen könne, wo eine bestimmte "stpllp als Trägerin der Autorität mit Strafbefugnis anerkannt sei oder wo die öffentliche Meinung Gehorsam erzwingen kann. Seit der Abschaffung des Synhedrions und der rabbinischen Gerichtsbarkeit gehe es im juueuiuiu eine solcne Autorität nicht. Seine ganze Struktur beruhe auf dem Glauben an Gott als den Gesetzgeber. Dieser Glaube könne als gesichert gelten in Dingen der Moral, aber nicht mehl uu"religiösen' Leben. Die Entwicklung des letzten Jahrhunderts habe gezeigt, daß da, wo religiöse Angelegenheiten vollkommen dem Individuum überlassen blieben, es zur Auflösung der Geineinsehaft und zu Kämpfen zwischen den Finzelnen gekommen ist. Religiöses Gemeinschaftsleben sei unmöglich ohne Autorität. Er glaube, daß das Gemeinschaftsbewußtsein des Volkes an die Stelle des alten (ilaubens treten könne, daß Gott das Gesetz für das Handeln des Einzelnen festgelegt habe. Die allgemeine Ideenrichtung von heute setze sich in steigendem Maße für die Unterwerfung unter die Autorität der Gemeinschaft ein. Zum Schluß erklärte der Redner, daß es eine echte Anstrengung erfordern würde, Regeln für das gegenwärtige jüdische Gemeinschaftsleben einzuführen. ________________________________ ---------Rabbi GffTTTö n erkläife, es gebe in Wirklichkeit keinen Konflikt zwischen dem für Autorität eintretenden talmudischen oder orthodoxen und dem für Freiheit sich einsetzenden religiös-liberalen Judentum; denn es sei unrichtig, das orthodoxe Judentum als blind autoritär und das religiös-liberale Judentum als einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit zu charakterisieren. Von den Rabbinen der Vergangenheit seien die liberalen Juden nur der Methode nicht aber den Grundsätzen nach verschieden. Rabbi Rauch war der Ansicht, daß die höchste Art der Freiheit die Freiheit des Dienstes sei. Die Verpflichtungen, die dieser Dienst auferlegt, seien in verschiedenen Zeitaltern verschieden. Die Juden hätten es stets vermocht, religiöse Autorität und religiöse Freiheit miteinander zu verbinden; es würde aber zu Schwierigkeiten führen, wollte man versuchen, eine exakte Definition dieser beiden . Begriffe zu geben. Zusammenfassend konnte Dr. Mattuck feststellen daH R!......:...... :*....;«; :... ..II. Rednern vollst« llhereinsuinmuiig geherrscht iiabe. nämlich, daß;!er Gemeinschan höchste Bedeutung zukomme. Man könne sich den einzelnen Juden nicht losgelöst von der Gemeinde, die Gemeinde nicht unabhängig vom einzeuieu Juden vorstellen. MUirUT an die jüdische Jugend in Deutschland Unsere Palästinawanderung droht durch schwerwiegende politische Entscheidungen gefährdet zu werden. Aus tiefer Sorge um das Schicksal der jüdischen Jugend in Deutschland wenden wir uns an alle, denen die Lösung der Fragen unserer Generation am Herzen liegt. Die äußeren Gefahren, die die Verwirklichung des chaluzischen Zionismus in diesen Tagen hemmen, drohen die kollektiven Bemühungen um die Lösung der Judenfrage in Deutschland ZU schwächen. Jeder junge Jude in Deutschland steht vor der Alternative, für sich allein einen Weg zu suchen, der seine persönliche ökonomische Not vielleicht aufhebt, oder mit uns vereint in gemeinsamen Bemühungen um die Erlösung unserer Generation zu kämpfen. \\':r dürfen nicht ertrage::, daß die Sto&k'äit der Bewegung, die allein aufbauend das Schicksal der Juden in Deutschland gestaltet, durch äußere Ereignisse erlahmt. Nur die Vereinigung aller Kräfte wird den Druck erzeugen können, der notwendig ist, um den Kampf aufzunehmen, den wir heute gegen viele Fronten zu führen haben, fede Lethargie. ICuCi Defaitismus, jede form der 7«»r«nliit«'n»nji i"