Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 31 (31.7.1936)
- Date
- 1936-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 31 Auflage 3500 Stack tt k 31, Juli 1936 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Wir erleben beschichte. Zum Sabbath Nachamu. Was ist das: ,,Qeschlchtg erlefren"? Heute \vkd_ wifriff und wieder darauf hingewiesen, da II wir Juden zu einem solchen Erlebnis gekommen seien. Nicht alle, die das Wort anwenden, legen sich Rechenschaft darüber ab, was mit dem Begriff bezeichnet wird. Geschichte nennt man in erster Reihe d;is, was abgeschlossen hinter uns liegt, was einmal geschehen ist, so dali nun, da der spätere Mensch durch den zeitlichen Abstand einen zuverlässigeren Blick für das Wesentliche, für das Treibende gewonnen haben kann, das Gewesene in seiner Wirklichkeit klarer zu beurteilen ist als von dem, der mitten im Werden dieser Dinge stand. Die Geschichte hat oftmals Vofg4i«g^die-ifK41«w--^ — in ihrer Auswirkung ais groß, als einschneidend werten gelehrt; man sah, wie ein unscheinbarer Anfang eine immer weiter treibende Kraft ill sieh getragen hatte. Ebenso hat die Geschichte nicht selten feststelle!! müssen, daß eine Entwicklung, die von den Menschen, die in ihr standen, mit bewundernder Genugtuung bell achtel wurde, trotz jahrhundertelanger, fruchtbarer Wirkung schließlich als Irrtum überwunden und durch eine ganz anders gerichtete ausgeschaltet wurde. Der hohe Stand alter Kulturen in Ninive, Babylon, Ägypten hat keine Dauer bewahren können; das Weltreich Alexanders des Großen ist schneller verfallen als der siegreiche Eroberer hat ahnen können. Aber Sokrates, Copernikus, Coiumbus, die von ihrer Mitwelt verkannt waren, sind unsterblich geworden. — „Geschichte erleben" bedeutet die Erkenntnis, daß jede« lebend« Oeschlecht seine Wciliiicssei iiea twuren betrachtet. Das soll nun nicht etwa dazu verleiten, sich außerhalb seiner Gegenwart zu stellen. Geschichte zeigt, dali alles, was ist, in not- WIMH 1 i»r#»r )rtt\iri -IIVl't»-* * ^"fcs* Schlecht steht für sich da. Keii darf * * 11 ■ ■ V.IIII11UI tvui. 1111(1 \r «i im sie!', loslösen von dem, was hinter ihm war; es bleibt immer nur I ortsetzer dessen, was frühere Geschlechter gewirkt haben. Auch dann, wenn es meint, ganz neue Wege zu beschreiten. „Geschichte erleben" bedeutet, diese Zusammenhänge ZU sehen, aus ihnen die Aufgabe eigenen Tuns zu bestimmen. Jedes Oeschlecht hat gegenüber der Zukunft seine Verantwortung, die aus der Vergangenheit abzuleiten ist, und die um so schwerer wiegt, je tiefer die Vorgänge einer Zeit die übernommenen Verhältnisse erschüttert haben. Es gibt Zeiten, die wie der Lauf eines Baches in der Ebene ruhig dahinfließen. Andere sind dem Uber d*s Oestein dahinjagenden Qebirgsbach vergleichbar, in dem Die Menschen wissen, daß .».". i>. ,", I. tUICo SviiuUiiii, üiisiOili, UÜCfStUrZli dieses stürmende, tobende, hastende Fluten in ein ruhiges Dahin« gleiten übergehen wird. Ihnen obliegt es, diese Zeiten gestalten zu helfen. „Geschichte erleben" bedeutet, diese Verantwortung zu sehen und sie /in bewußten Triebkraft im eigenen Tun zu machen Wenn heute mehr als seit Jahrzehnten bei uns Juden vom ge- SchlChtUcUen trieben gesprochen wird, *r> muß SB all die;; gedacht werden. Manchen Anflug von Kleinmut und Verzagtheit, der ihn au> den Vorgängen im jüdischen Dasein überlallen könnte, wehrt der \ t juüe ah, der aus der Versenkung in die Jahrtausende jüdischer Geschichte zu einer Betrachtung der Gegenwart gelangt, weil sie, soweit dem Lebenden dies möglich ist, einen gewjsscn_Abstand vom Tage gewahrt. Sie weifet" den Blick; sie läßt erkennen, daß die Propheten, von ihrer Mitwelt oft genug verspottet, verachtet, verfolgt, nur von wenigen verstanden, die große Linie im jüdischen Lehen vorgezeichnet haben; dali jüdische Lehrer und Denker, die umstritten und angefeindet waren, maligebende Autorität bei ihrer Nachwelt erlangt haben; dali, als die Syrer ein Leben in jüdischer Glaubenstreue zu untergraben suchten, die Makkabäer einen ungeahnten Aufschwung in der religiösen Festigkeit herbeiführten; daß, als Titus die Brandfackel in den Tempel werfen ließ, das jüdische Lehrhaus die Einheit der ülaubensbewährung sieherstellte; daß, als der 1ot/tc^muTh~Bär~Kcc1itnnr,~ ttreimllunale Oemtflnichaft aller Juden neu aufzurichten, fehlgeschlagen war, aus der Schöpfung von Mischna und Talmud ein Band um die Juden aller Länder geschlagen wurde: wohl wai es anderer Art, als es die anderen Na tionen der Erde miteinander verknüpfte: aber die Gleichartigkeit jüdischen Brauchtums gab eine so starke Verbundenheit, dali die Juden auch ohne die äußere Geschlossenheit des Zusammenlebens die Jahrhunderte im lebendigen Bewußtsein ihrer Gemeinschaft uberdauerten. Solche Beispiele zeigen, daß Zeiten, in denen Juden um die Zukunft bangten, Entwicklungen von wahrer, weil bleibender Größe anbahnten; so lehrt die Geschichte, dali wir den Blick für das jüdische Leben aus der Enge des Augenblicks in die Weite der Jahrhunderte gerichtet halten müssen. Denn dir Weite ucr früheren Jahrhuiidcric gehört uns; es ist unsere Vergangenheit, und wir gehören zu iiir. Das erleben wir, wenn wir geschichtlich denken. Und manchem wird es, wie wenn eine Binde von seinen Augen fällt. Seit mehr als einem Jahrhundert sind Forscher um die Aufhellung uei jüdischen Geschiente bemüht. Es halte den Anschein, als sei für die Juden ein Zeitalter herangebrochen, das ihnen die Lostrennung von ihrer Vorzeit gebiete: die klar Sehenden wußten, dali solches nie geschehen kann und deshalb nie geschehen darf Der Kulturverein von 1S1(), aus dein heraus Leopold Zunz zur Grundlegung einer Wissenschaft des Judentums, insbesondere seiner Geschichte, kam, sah die Gefahr einer Geschichtslosigkeit der Juden; darum entstanden alle diese Arbeiten, die sieh mit der jüdischen Vergangenheit befaßten. Wir besitzen eine Fülle wertvoller Darstellungen; sie wurden gelesen und gelehrt. Vor etwa vier Jahrzehnten wurden erneut Anstrengungen eingeleitet, um die jüdische Geschichte lebendig zu machen: die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur wollten den Sinn dafür aufschließen. Sie standen lange Zeit In Blüte. Aber was sie erreichtet!, w.u nur ein oberflächliches Interesse. Man ließ sich von dem Gebotenen Tür eine llüchtige Stunde fesseln. Man bewunderte den Scharfsinn der Gelehrten. Man spendete den Rednern Beifall. Man staunte auch bisweilen über das, was die Einblicke in einzelne Perioden Verhältnis«?, Persönlichkeiten verflossener Jahrhunderte an packenden Bildern entrollte. Aber man blieb an der Oberfläche. Als ob man Sehenswürdigkeiten, Sitten und Menschen in der Fremde betrachtete. Heute ist ein innerer