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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-07-25 · 30 (25.7.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
30 (25.7.1936)
Date
1936-07-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 25. Juli 193 hebe. Aber es war nicht immer so. Es mußte dreifach geläutert werden: von Eitelkeit über äuliere Schönheit, irdischer Liebe und Frauenminne; von Hartherzigkeit. In der Verbannung galten Schönheit und Liebe nichts mehr; und aus den harten wurden weiche, liebreich-mitfühlende Herzen. Niemals aber war es der Weg eines von Rene gepeitschten Ahasver, wie ihn ein Kaulbach in seinem Gemälde „Die Zerstörung Jerusalems" dargestellt hat; sondern über «■••Ti Jüngling schwebte verklärend die Schechina. Er ist ein Künder alter Herrlichkeit; zugleich ein ungekrönter Herrscher, der gewiß weiß, daß er in sein Reich wiederkehren wird; ein Erlöser für sich und die Welt. So sieht Bialik die Zukunft d u r c h Feuer zur Rettung. Wenige Jahre spater dichtete Stefan Zweig seinen Jeremias. Und merkwürdig: auch er sieht aus der rauchenden Stadt eine xuu Gottessehnsucht und Zuversicht verklärte Schar in die Fremde ziehen; und legt den Verbannten die tiefen Worte in den Mund:" Wir wandern in alle Ewigkeiten Die Letztgebliebenen Unendlicher Schar; heimwärts zu Gott, Der aller Anfang und Ausgang war; Bis daß er uns selbst die Heimstatt werde, Der ruh'los wie wir mit Sternen und Jahren Die Welt umwandelt und leuchtend umkreist Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren, Verlorenes Volk, unsterblicher O e i S t. Organisation der Diaspora. Das Juni-Heft Aufsatz von lgnaz gäbe der Juden in die l.psergruppe des M-;cr.aiSo».!ii Iii „Der Morgen" bringt einen Maybaum, der sich mit der gegenwärtigen Auf- Deutsehland befaßt Die Ausführungen«-die.über Morgen"- hi"ilaüs-"BeäcTitüng verdienen, bewegen sich in ähnlichen Gedankengängen, wie sie in Maybauins Buch „Parteibefreites Judentum" begegnen, lgnaz. Maybaum formuliert die Forderung: Organisation der Diaspora, die er glücklicher findet als die Formel „Aufbau Palästinas". Die Sonderstellung Palästinas soll damit in keiner Weise gemindert werden. Aber die jüdische Aufgabe der Zeit ist umfassender: sie darf nicht auf Palästina beschränkt werden, weil jeder Ort der Diaspora in sie mit einbezogen werden muß; und sie darf auch nicht nur politisch verstanden werden. „Der Nationalismus erwirkt die Gemeinschaftsbindung im geschlossenen Raum; die Bindung über weit auseinanderliegende Räume ist aber die zu lösende Aufgabe." Maybaums jüdischer Wille gipfelt in.der. B.* t-o n-tf fi g cies Kulturellen 'am judcntüni, des Religiösen. Darin sieht er das, was alle Juden aller Parteien und Richtungen zusammenführt. Darum kommt ei zu einem Vergleich der heutigen Situation des Judentums mit der nach dem Zerfall des jüdischen Staatswesens. Damals rettete das Lehr haus die Einheit, nachdem das jüdische Zentrum Jerusalem mit seinem Tempel nicht mehl zu wirken vermochte. Auch heute muß sieh das Judentum wieder um ein Schulzentrum sammeln. „Im Judentum ist die ,Schule' etwas anderes als die von einer akademischen Oberschicht dargestellte Gemeinschaft Das Lehrhaus, das das Judentum über alle Räume hinweg verknüpft, bewährt sich in seiner geiueinschaftsbindenden Kraft aucn gegenüber den sozialen Verschiedenheiten." Es will jeden ein/einen Juden erlassen und ihm den Weg weisen, jüdisches Leben ZU gestalten. Jenes Leluhaus, das die Diaspora alter Zeit organisierte, wurzelte im Pharisäisinus. Die Leistung der Pharisäei bestand darin. das! K . haben: m wurde ■ J Cudlilt l ui i Hropheti das Prin2 ^eitaitet zu des Allgemeinpriestertums gewahrt; den prophetischen Forderungen und Hoffnungen gemäß lebte „nicht bloß eine geistige Oberschicht von Theologen und Klerikern". „Jedei Einzelne wurde lebendiger Repräsentant Der die heilige Geschichte entfaltenden Vergangenheit. Die ü!»*.i die Räume der Diaspora zer teilten Glieder Israels behielten dadurch ihre gemeinsame Zukunft, indem sie aus der gleichen Vergangenheit lebten." Almliche Aufgabe fällt auch heute einem Lehrhaus zu, das die Einheit der jetzt neu entstehenden Diaspora wahren soll. Das Judentum in Deutschland führte bis jetzt die Hegemonie im Judentum. Das „nach Palästina und Ubersee wandernde Judentum Deutschland! . . . nimmt seine gemeinsame Vergangenheit mit, die die Einzelnen noch weiter verbinden kann, wo sie durch weite Räume getrennt sind". Daraus ergibt sich ein Programm für das heute notwendige Leluhaus. „Die ganze zurückliegende Geschichte von Moses Mendelssohn bis heute muß auf ihre jüdische Bedeutung durchgeprüft werden. ... indem die jüdische Vergangenheit Gegenstand des Lernens wird, lebt sie weiter." Erst aus solchem Lernen wird sichtbar, was mitten im Kampf noch nicht gesehen weiden konnte. Bis heute konnte ein klares Urteil über die jüdischen Bewegungen seit Mendelssohn noch nicht gebildet werden. Darum muß das Ringen zwischen ortliuöoxeni und religiös-liberalem Judentum, zwischen diesen beiden und dem Zionismus Gegenstand neuen Lernens werden. An diesem Programm sollen sich die in Deutsehland Zuschriften an die Schriftleitung. Alle zur Veröffentlichung im Oemeindeblatt bestimmlen Berichte und Nachrichten sind vom 27. Juli an wiederum I an die Sehriftleitmig des liieniein«lpl>lattes, Walteri MMmel-Str&ße IC, III, «u richten. verbleibenden Juden orientieren; es soll von den nach Pal nach Obersee Wandernden mitgenommen werden, als Programm des Lernens, sondern angewandt aut Denn: wie rückhaltlos Erez Israel als heiliges ist, — „es ist heiliges Land nicht als Land, nicht stina und NiCM etwa nur jüdisches Leben. Land anzusehen als Stück Erde, sich sonden durch seine Geschichte; eine Geschichte allerdings, die dein Erdboden Palästinas deutlich sichtbar eingeprägt hat", — so muß.dochdie Diasjjuia als kaum für das Leben jüdischer Geschichte gelten: „Niemand hat das Recht zu sagen: Nur in Erez Israel kann man jüdisch leben ... Wo wir die Geschichte begreifen, durch die das Volk Israel in Wahrheit Volk Israel ist, da leben wir jüdisch: in der Diaspora nicht weniger als in Erez Israel, und in Erez Israel nicht mehr als in der Diaspora." Als wertvollsten Besitz, nehmen die aus Deutsehland Wandernden die Gemeinde mit. Sie hat ihren Untergrund im Lehrhaus. I )ieses allein kann die notwendige Erziehungsarbeit vollführen, durch die die g e s a in t jüdische Aufgabe gelöst werden muß. „Das harte Qegencinandei der Parteien und der Generationen ist vorüber." Die jüdische Partei gibt ihre Rolle an das jüdische Lehrhaus ab. Das pharisäische „Stellet viele Schüler auf" ist in keiner Zeit so wichtig gewesen wie heute: nur damit können „i:: den neu ctiUiciiendeo Punkten der Diaspora Lehrbaus, Gemeinde und Gottesdienst aufgebaut werden, jüdisch aufgebaut werden" . . . „Die Erneuerung des Judentums ist in eiiier Notzeit kein Paratlox".----------- Jüdische Zeitschau Die Auswanderung der Juden aus Deutschland. Der Wänderungsausschuf) der Reichsvertretung der J u d en in Deutschland hat eine Untersuchung der bisher verfügbaren Materialien über die Statistik der Auswanderung von Juden in Deutschland gemeinsam mit dem Hilfsverein der Juden in Deutschland und dem Palästina-Amt durchgeführt. Diese Untersuchung soll dem Zweck dienen, für die Erörterung der Wanderungsfrageii und der Wanderungsplanung eine einheitliche zahlenmäßige Grundlage festzustellen und damit etwaige Unklarheiten oder ■•Differenzen" in bisher erfolgten privaten Publikationen zu beseitigen. Das Ergebnis dieser Untersuchung stellt eine bei dem Fehlen völlig ausreichender exakter Unterlagen unter Berücksichtigung aller für die Wanderungsbewegung maßgebenden Faktoren vorgenommene Schätzung dar. Zugruudegeiegt wurden hierbei für die Palästina-Wanderung die statistischen Veröffentlichungen der Jcwish Agency, für die Wanderung nach den übrigen Ländern die Zahl derjenigen Auswanderer, deren Wanderung mit Mitteln jüdischer Organisationen durchgeführt wurde. Dabei mußten die Zahlen derjenigen Auswanderer, die ohne Unterstützung der jüdischen Organisationen und daher auch ohne Registrierung ausgewandert sind, durch Schätzung ermittelt werden. Das Verhältnis der freien zur unterstützten Auswanderung wie.; in den letzten Jahren starke Schwankungen auf. Es kann angenommen werden, daß die freie Auswanderung mindestens ebenso groß wie die unterstützte Auswanderung gewesen ist, ja zeitweilig sogar das doppelte .!.. unteritttt? cht hatte. sich für die Zeit vom Auswanderung in die 1.2. 1933 bis 1. verschiedenen I. 1936 Länder Im einzelnen eiyibt nach der Richtung der folgendes Gesamtbild: Europawanderung: Die 1933 nach Westeuropa Ausgewanderten sind auf 30000 zu schätzen, davon sind zurückgewandert nach östlichen Ländern 3000, weitergewandert nach Palästina Mino, weitergewandert nach Übersee 8000, zusammen 14000, so daß insgesamt in westeuropäischen Ländern verblieben sind '22000. Diese 22000 in Europa verbliebenen Auswanderer verteilen sieh .mi: W esteuropa (Belgien, England, Frankreich, Holland) 15600, Mittel- und Südosteuropa (Schweiz, Österreich, Italien, Tschechoslowakei, Jugoslawien) 3000, nordische Länder 1000, Südwesteuropa (Spanien, Portugal) 2000, sonstige europäische Länder 100, zusammen 22000. Rückwanderung von Juden ausländischer Staatsaugehörigkeit in ihre Heimatländer, besonders nach Osteuropa (Polen, Randstaaten, Balkan) 18000, Palästina-Wanderung JlOOO, Übersee- Wanderung: Vereinigte Staaten von Nordamerika 9500, Brasilien 1500, Argentiniern 2000, Chile 000, übrige stiil- und zentralameriUanisehe Länder 2000, Südafrika 3000, sonstige überseeische Länder 100, zusammen 22000, im ganzen 93000. Die Zahl der Glaubensjuden in Deutschland betrug nach der Volkszählung vom 16.6.1933 499682. Die Zahl der Qlaubensjuden in Deutschland am!. I.!936 kam; untei Berücksichtigung der gesamten Auswanderung seit dem 1.2.1933, die also teilweise schon vor dem Stichtag 3er Volkszählung erfolgt ist und der natürlichen Bevölkerungsverminderung durch Sterbeuberschuß auf 409000 geschätzt werden.

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