Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 30 (25.7.1936)
- Date
- 1936-07-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 30 Auflage 3600 Stack 11 fc 25. Juli 1936 gBHm DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG ArMUlCH ES NACHRICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Die „Flammenrolle1'. Zum Gedenktag des 9. Ab. Von Dr. S. Samuel. Unter den poetischen Verklärungen, die das tragische Schicksal Jerusalemsvom Ab im Laufe der— Jahrhunderte -gtfutrden hat, wird fortan auch Ch. N. Bialiks Megillat Esch, „Die 1 lamme n i o 11 e", einen Ehrenplatz einnehmen. Nicht in Versen und Strophen, aber doch in gehobener Sprache, wie wir sie aus dem Midrasch kennen, wiil sie ein Weiterspinnen aggadischer Motive bieten, einen neuen Midrasch zu Megillat Echa. Der Untertitel besagt es ausdrücklich: „Aus den Agadot der Zerstörung". So vermissen wir hier das Geschlossene und Abgerundete der übrigen Dichtungen Bialiks; es fehlt an Symmetrie und Klarheit; aber ein Wogen und Brausen fesselt den Leser; die Sprache eines jihgriindtiefen Schmerzes hält ihn gefangen; er glaubt eine .Orgejfuge zu vernehmen über das Wort der Klagelieder: „Groß wie das Meer ist deine Wunde, wer mag dich heilen?" Welche Motive sind es vornehmlich, die Bialiks Seele so in Bewegung setzien, dai> er sie dichterisch variierte? Es sei bemerkt, daß ein furchtbarer Brand in Odessa, dessen Augenzeuge der Dichter war, in ihm zuerst den Gedanken geweckt hat, den Brand des Tempels zu verklären. Da tritt in den Vordergrund die schöne Agada von Gottes Schmerz bei dein von ihm selbst verhängten Strafgericht über seine heilige Stätte und seinen „Erstgeborenen", Israel. Ein Vater züchtigt; aber er fühlt mit. Der jüdische Volks geist findet darin nichts, was Gottes unwürdig wäre. Und er dichtet, daß Gott durch seine stumme Trauer an jenem Unhcilsmorgen des Q. Ab sogar den Diensteugeln den Mund verschlossen Habe, der ihn rt*W! >' 1111 Utar tiiti liMtf tH *tl 1 llft n I entströmen: „uott weint" — und mit ihm das Heer des Himmels; mit ihm alle Welt. Und täglich noch sind es zwei Minuten, in denen Gott weint; so, daß der Jude der Verbannung niemals die Fröhlichkeit und Ausgelassenheit anderer haben darf, weil sie die Trauer Gottes stören könnten. Wie stets, so hat Gott auch für die Geschlagenen und Verstoßenen seines Volkes den Balsam bereit. Er will, daß die in die Ferne Vertriebenen doch durch die Nähe Gottes getröstet werden. Darum erlaubt er seiner majestätischen Herrlichkeit, der „Schcchina", mit ihnen zu wandern. Den Tempel mit seinen Priestern und Opfern hat die Scheehina preisgegeben; die Hallen mit den Synhedrien ebenfalls; nicht aber die treue Gemeinde. Mit ihr zieht Gott, besonders mit der Jugend, die dem Studium des Gesetzes Tag und Nacht sich weiht; und sei es auch nur ein Einzelner, über ihm schwebt jene Herrlichkeit. Wir kennen dies Motiv aus Bialiks ^Matmid', dem beständigen Lerner'*; hier belauschen wir den Auspranp'sniinkt seiner Restimmiiiitr; er hat pjn dem Verlöschen nahe? Eeuer zu hüten. Dies Feuer ist nichts anderes als die üottesliebe, mag sie sich auch im Gottsuchen, d. h. in Studieren, Forschen und Lernen bekunden. Ihr Ursprung ist der Altar, auf dem ein beständiges Feuer l..-.......... «••>(.. **mA »i. ----1 - ~ i----J---1*. DU rr..--• - i- - - - - i i . . k««VMMWt MAMWtfc UHU III«. «tl UUI IU. I Hl l Ji:;v I . U ' 1 , 9U U1MIICI Hialik höchst anmutig, sei es gewesen, der an eben jenem Morgen sich vom Himmel herabgesenkt habe, eine Glutschaufel in der Hand Ilm da< heinahp «rhnn ^''^gl^JHmene, iet/te Feiler VO'H Ariel'' zu retten und auf eine Insel der Verlassenheit zu bringen. „Ein junger Engel aber, traurigen Blicks, lichten Gefieders, erschaute" über der TTüidirf der" Morgenröte schwebend, "eine verwaiste Feuerlocke; nur noch den Rest des Gotteslöwen, wie sie zuckte und zitterte im Todesringen zwischen den verkohlten Steinen am Berge des Gotteshauses. Und sein Herz erbebte vor Angst, daß verlöschen könnte die letzte Gottesglut, und es schwände das heilige Feuer von der Erde, und damit für ewig der Boden des Heils dem Volke des Herrn und seinem Hause." „Da flog er eilends hinab, eine Glutschaufel in der Hand, senkte sich zu den Trümmern am Berge des Hauses, eilte zitternd zur Stätte des Altars, scharrte die Flamme des Herrn aus dem Brande •hervor, breitete seine -Schwingen- und iiog auf. "Siedend fiel eine Tränenperle aus seinen Augen und versank in den Aschenhaufeii. Eine Träne nur war's, verloren aus. dem Becher des stummen Grams, aber eine Träne des Heils und des Erbarmens, daß gerettet werde ein Rest des göttlichen Feuers. Und er preßte die heilige Flamme ans Herz und ließ sie an seine Lippen gelangen und flüsterte leise: Gott des Heils und des Erbarmens! Laß deine letzte Opferglut nicht für ewig erlöschen!" „Und Gott ließ die Flamme leben. Und so sprach er zur Morgenröte: Hüte, meine Tochter, die Glut, daß sie nicht verlösche. Wie mein Augapfel sei sie dii. Verweile und erschaue, was ihr begegnen soll!" So der Dichter. Die Jugend aber, der dies Feuer anvertraut ist, sie verkörpert sich, wie gesagt, bei Biaük /nlet/t in der lichten Idealgestalt eines juiigiings iiüi unergründlich tiefen, wutabgewaniiten Augen. Hier gewinnt das rührende Motiv des Midraschs neue Form, wonach Titus, nicht zufrieden mit seinem Siege, drei Schiffe mit den edelsten Jünglingen und Jungfrauen "ach Rom entsandt habe, damit diese J__i. ct.!,,.„_.,,•!•«•' erhtlmmBH» C4,„.l. ----ballte \Aar i)nr vi* n l /.lii OKi&l w ci i im aiiiiiniiiiif ir Oiuailui vnnauii uuci vcischenkt würden. Und weiter spann die Oberlieferung das Thema aus, iieß jene Jugend freiwillig den Tod in den Wellen suchen, um sich vor Schande zu bewahren. Bialik führt eine Schar von Jünglingen und eine gleiche von Jungfrauen auf eine öde totbringende Insel, läßt aber jene Idealgcstalt gerettet werden und den schweren Weg in die Lander des Galut antreten. In ihm sieht Bialik den Rest des Volkes verkörpert, der die Erlösung herbeiführt. Im Herzen jenes Jünglings glüht zuletzt nur Gottes- und Thora- Ausgabe der Synagogenkarten. Die Erneuerung der Synagogenkarten findet vom 27. Juli bis 17. August d. J. im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Str. 10, 1, statt. Karten, die nicht rechtzeitig abgeholt sind, werden anderweitig vergeben. Eine schriftliche Erinnerung erfolgt nicht. Leipzig, den 14. Juli 1936. Der Vorsiaud der israeiiiisciieu Reiigionsgeiiieiiide z.u Leipzig.