Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 28 (10.7.1936)
- Date
- 1936-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ÜEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 10. Juli 1936 Wirtschaftliche und soziale Schichtung der Juden in Deutschland. Im Aprilheft der Zeitschrift (der Zentraiwohh'ahrtssteiie und der Abteilung Wirtschaftshilfe bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland) „Jüdische Wohlfahrtspflege und Soziaipn"*»M' ..... V' '\. H^l^il ivunn, DcilUI, uic wuibciiciiiliche und so/iale Schichtung der Juden in Deutschland, wobei er die Wandlungen seit Bestehen des Deutschen Reiches in den Vordergrund stellt. Diese Betrachtungsweise lenkt das Augenmerk auf Gesichtspunkte, die wohl auch bisher nicht unbeachtet geblieben waren; im Zusammenhange aber und in der Auswertung dürfen sie stärkeres Interesse beanspruchen, als ihnen meist entgegengebracht wurde. Sachlich wird die Untersuchung dadurch gerechtfertigt, dali die im Juni 1933 vorgenommene Volks-, Berufs- und Betriebszählung mit dem Abschluß der seit der Begründung da» Deutschen Reiches ein- «ft/t»mli'n wirtschaftliche!!. Undsozialen F.ntwVklune der luden in Deutschland zusammenfällt. Wir entnehmen der für die ein/einen Teilgebiete äußerst wesentliche Einblicke gewährenden Arbeit folgende geschichtlichen Feststellungen: Die Umlagerung in der Wirtschaftsstruktur der Juden in Deutschland läßt sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. „In diesen mehr als hundert Jahren haben sich die Juden immer stärker von den Wirtschaftszweigen und Berufen entfernt, die bei ihnen, teils aus Zwang, teils aus Anlage, Gewohnheit oder auch Neigung, traditionell waren. Nicht zuletzt hat der Einfluß der Umwelt, insbesondere der Umbau des DeuUchcn Reiches zu einem Industrie- und Handelsstaat, weitere Möglichkeiten erschlossen, ihre Wirtschaftstalente fruchtbar einzusetzen. Im 7iig.> dieser Entwicklung Imucu die jüdischen Massen sich in ihrer wirtschaftlichen Betätigung stark differenziert und sozial aufgelockert. Sie haben ihre Erwerbsintensität gesteigert bei fortschreitender Kinderarmut und bei stobweise sich wiederholender Entlastung ihres Lebcn8raumcs durch plötzlich verstärkte — freiwillig oder erzwungene — Auswanderung." In den sechzig Jahren zwischen der Gründung des Deutschen Reiches und 1933 haben stell die Juden in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Struktur dem Aufbau der Gesamtbevölkerung in starkem Malle angeglichen, teils aus eigenem Antrieb, teils durch Erziehung, Geschichte und Wirtschaft bedingt, vor allein aber auch dadurch, dal! der Wandel in der deutschen Wirtschaftsstiuktur energisch in dieselbe Richtung drängte, in der sich die Juden bereits befanden. So näherten sich beide Gruppen und paßten sich immer stärker einander an. Überspitzungen, die im Lustrum 1925 bis 1933 in bestimmten Berufszweigen, z. B. in den freien Berufen, auftraten, waren durch eine geistige und seelische Umschichtung beim Nachwuchs, die sich bereits in der Berufswahl auswirkte, schon in den Jahren 1930—1932 in der Rückbildung begriffen. Um so eingreifender ist die vollkommene Neuorientierung, die dann einsetzen mußte. Vier Haupttendeiuen lassen sich für diesen Zeitraum skizzieren: Die erste Reichszählung der Juden in der Wirtschaft (1893) zeigt als wirtschaftliche Lage der Juden: Soziale Differenzierung, Aufstieg in Handel und Industrie, Schrumpfung der Wirtschaftsgruppeu Häusliche Dienste und Hausier- und Straßenhandel. Eine gesteigerte Besetzung der freien Berufe beginnt. Die letzte Vorkriegszählung (1907) zeigt die Juden auf dem Höhepunkt des Wohlstandes; durch vermehrtes Einströmen erreicht die Betätigung In Industrie und Handwerk zahlenmäßig ihren höchsten Stand. Bei der ersten Nachkriegszählung (1925) ergibt sich, daß der Wohlstand der Juden nach Krieg und Inflation zusammengebrochen ist: die mobilen Reserven werden -inf.., -.•!..! Verstärkte B-t::.t:r'."*~ im frHeti Handel. Uuikruppieiuug innerhalb der einzelnen Wirtschaftszweige und der Berufstätigkeiten in Industrie und 1 laudwerk. Die letzte Zählung (1933) endlich: Starke Betätigung der Juden in der Industrie, insbesondere im Vertriebswesen. Ausdruck des Aufstiegwillens in der Umschichtung des Nachwuchses auf die freien, vom Staat unabhängigen Berufe. Endphase äußerlich unbeschränkter Wirtschaftsbetätigung der Juden. Die Wandlungen im Wirtschattsbau iassen einige bevölkerungspolitische Erscheinungen erkennen, die für die Juden in Deutschland besonders charakteristisch sind. Der Verstädterungsprozell der Juden. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts wohnten die Juden zum weit überwiegenden Teil in Dörfern und kleinen Städten. Es gab im Jahre 1816 nur vier jüdische Gemeinden mit mehr als 3000 Mitgliedern (Berlin, Breslau, Hamburg, Frankfurt a. M ). Schon In der Mitte des vorigen Jahrhunderts macht sich ein verstärkter Zug der Juden zur Stadt bemerkbar. 1871 wohnten in den sieben größten jüdischen Gemeinden bereits 16,8o/0, 1925 50,3 o/o und 1933 51,8% aller Juden (= Glaubensjuden). Diese Tendenz erhielt in den Nachkriegsjahren dadurch einen besonderen Antrieb, daß die Juden aus den abgetrennten Gebieten, die ins Reich zogen, sich vorzugsweise in den Großstädten niederließen. Die Zahl diesoi Juden dürfte rund 67000 betragen haben. (Bei der Abtrennung lebten in diesen Gebieten nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamts 76112 Juden.) Nach anfänglichen Schwierigkeiten war es diesen Juden, die für Deutschland optiert hatten, möglich, sich in die Wirtschaft organisch einzufügen. In den letzten fünfzig Jahren hat sich die Erwerbstätigkeit bei der jüdischen Personengruppe ähnlich wie bei der (iesamthevrilkerung erheblich gesteigert. Sowohl aus wirtschaftlichem Zwang als auch aus Neigung unter dem Eindruck der Zeitströmung suchten die Familienangehörigen.! r a u c n n n d T r\ r h ♦ <> r Ihren Mge uen Unternalt in beruflicher Tätigkeit. Während der Anteil der „Angehörigen ohne Hauptberuf" bei der Gesamtbevölkerung 1933 noch 41,6 o/o betrug, war er bei den Juden aut 39,7 0/o zurückgegangen. Bemerkenswert ist auch die besondere Schichtung der auslandgebürtigen bzw. ausländischen Juden, die aus anders strukturierten Wirtschaftsgcuiiden kamen. Die Zugewanderten waren noch mehr in Großstädten konzentriert als die inländischen Juden (88o/p); nahezu die Hälfte lebte allein in Berlin. Ist auch 1925—1933 die Zahl der nichtreichsangehörigen Juden um 9000 zurückgegangen, so zeigte sie doch gegenüber der letzten Vorkriegszählung (1910) noch eine Zunahme von 22360; diese is/ unschwer als eine natürliche Zunahme der in jungen Jahren ins Deutsche Reich gekommenen Auslandsjuden zu erkennen. Bei der Zählung 1933 besaßen 39000 im Reich geborene Juden nicht die deutsche Staatsangehörigkeit: „in der Hauptsache Kinder von zugewanderten Auslands juden". Dr. Herbert Kahn geht nun den Wandlungen in den einzelnen Wirtschaftszweigen nach und kann dabei äußerst fesselnde Beobachtungen vorlegen. Die Arbeit, die in den weiteren Heften der genannten Zeitschrift fortgesetzt werden soll, darf weitestes Interesse beanspruchen. . Ii'irl ior»Urt « v.U IVJUI 11/ Ä Ä ~ Z : .CliOVrllCLU Der Preußenverband führt Meldepflicht ein. Zur möglichst vollständigen Erfassung der jüdischen Binnen- und Auswanderung hat der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden die Einrichtung einer Meldestelle für Binnen- und Auswanderung beschlossen, der von den ihm allgeschlossenen Gemeinden alic Wegzüge von Gemeindemkgtiedern (auch Kindern und Minderjährigen) regelmäßig gemeldet werden sollen. Der Verband wird diese Meldungen den inländischen Zuzugsgemeinden weitergeben, so daß im Gegensatz zu dein bisherigen Zustand eine genaue Übersicht über die Binnenwanderung gewonnen und daraus notwendige Folgerungen für die praktische Arbeit der Gemeinden und Organisationen gezogen werden können. Der Preußenverband hat sich mit den ihm nicht angeschlossenen außerpreußischen Verbänden zwecks Durchführung einer entsprechenden Regelung in Verbindung gesetzt. Die Bewegung zur Einrichtung von Wohnheimen breitet sich aus. Bereits vor einigen Jahren hatte der Inhaber eines großen Zeitschriftenlesezirkels in Leipzig Altersheime für Abonnenten eingerichtet. Vor einiger Zeit wurde als sogenanntes viertes Abonnentenheim nach ganz neuen Gesichtspunkten ein Wohnheim für zweiköpfige Familien eröffnet, über dessen Einrichtung und Führung Dr. Batzner im Juniheft der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" berichtet hat. Es ergab sich eine außerordentlich billige Unterbringungsmöglichkeit und die Tatsache, daß sich in diesen Wohnheimen in Leipzig, die von S. Schußheim propagiert worden sind, ein gewisses Kollektivbewußtsein unter den Bewohnern ausgebildet hat. In jüngster Zeit ist auch von der Selbsthilfegruppe jüdischer Körperbehinderter die Idee einer Wohnheimgemeinschaft von Körperbehinderten durch einen Aufruf an die Öffentlichkeit gebracht worden. In Stettin plant der Israelitische Frauenverein ebenfalls ein Wohnheim ehuuriehten und leere oder möblierte Zimmer mit und ohne Pension davon abzugeben. Die Bewirtschaftung des Wohnheimes soll von einer Hausfrau übernommen werden. Bei genügender Beteiligung wird dem Wohnheim auch ein Mittagstisch angeschlossen werden (JTA). Unsere Gemeinde Zuschriften an die Schriftlattung. Bis au! weiteres sind alle -ur Veröffentlichung im Gcmeindeblatt bestimmten Berichte und Nachrichten ausschließlich an das „Gemeindeamt der israelitischen Religionsgerneinde" mit dem Zusatz „Gcmeindeblatt" zu richten. Alijahfcicr der Zionistischen Vereinigung Leipzig gemeinsam mit dem Hechaluz und dem Brith Chaluzim Datiim. Am Donnerstag, 2. Juli 1936, fand in der Turnhalle der Höheren israelitischen Schule eine gemeinsame AHjahfeler der obigen Organisationen statt. Im Namen der Zionistischen Ortsgruppe verabschiedete Herr Direktor Altert hu in die 30 Leipziger Chaluzim, die im Laufe des Monats juii nach Erez Israel gehen werden. Er betonte dabei besonders, daß die Antwort auf die heutige Situation in Erez Israel und die Lage der Juden in der Welt ein eindrucksvolles Bekenntnis des ganzen jüdischen Volkes zu Palästina notwendig mache. Er glaube, daß die bestell Wünsche der gesamten Leipziger Gemeinde die Olim auf ihrem Wege begleiten. Die Chaluzim sollten drüben ein Werk des Friedens und. Auf baus vollbringen. Die hebräischen Abschiedsworte wurden von Simche F r i e d m a n n gesprochen, während der Leiter des hiesigen Hechaluz, Kurt Gold mann, im Namen der gesamten chaluzischen Jugend Leipzigs sich an die Oüm wandte. Er wies dabei darauf hin, daß ebenso wie die Chawerini in Erez Israel für das indische Volk auf <lt»r Wacht stehe