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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-07-10 · 28 (10.7.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
28 (10.7.1936)
Date
1936-07-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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12. Jahrgang - Nr. 28 Auflage 3600 Stück 1 10. Juli 1936 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Ludwig Fulda. Der Von Doris Wittner. Jüdische Kulturhund. Berlinhringt FiiMnc .Jugendfreunde" zur Aufführung, um den Autor zu einen, der jetzt sein 75. Lebensjahr beginnt. Die Schriftleitung. Am 13. Juli d. J. tritt Ludwig Fulda in sein 75. Lebensjahr. Er verfügte bis zum Jahre Wi'i über alle repräsentativen Würden, die die Literatur zu vergeben hatte. Fr war Mitglied der vormaligen Dichterakademie, Ehrenpräsident der „Confcderation Internationale des Societes d'Auteurs et Compositeurs", Ritter der französischen Ehrenlegion; er gehörte fast allen prominenten in- und ausländischen Organisationen und Korporationen in ehrenvoller Stellung an. Und trotzdem weiß die heutige Generation von diesem hervorragenden Schriftsteller kaum noch, welche lebendige und bedeutende Wirkung er dereinst hatte. Es ist ein Hauptkennzeichen unserer rastlosen Zeit, daß sie Daigebotenes schnell aufnimmt, aber schnell wiedei vergißt. Für die seit Beginn des Weltkrieges herangewachsenen und noch heranwachsenden Geschlechter wird der Name Ludwig Fulda daher kaum mehr als einen musealen Wert besitzen. Wir aber, die wir auch den noch jungen Dichter und Sprachkünstler kannten, schätzten und zuweilen sogar bejubelten: wir wissen, daß hier einem Mann und Schöpfer bitter l Inrecht geschah, auch wenn die Zeil, den ihr eingeborenen Gesetzen folgend, Gerechtigkeit zu ü en schien. Ludwig Fulda, der seit Jahren die biblische Altersgrenze überschritt, ist umwittert von dem tragischen Schicksal all jener Menschen, die den Anschluß au die Zeit verpaßt und «ich selbst, obwohl -ilwj-»-*-« KV i-/m« ntnl/r.Mi Lttr,>n anfielt»]..... ......1» .w ............o.v*, ....r .... ...,.^..1 j**.iii.h — ü* RCIvu ITO ihrer schaffenden Kräfte, im uewuinscin der Zeitgenossen Überlebt haben. — Vor nahezu 44 Jahren haben wir den jungen Dichter bewundert, der in seinem „Talisman" Andersens entzückendes Märchen von dem „König auch in Unterhosen" dramatisch tu transponieren verstanden hatte. — Fulda stammt noch aus der romantischen Schule Paul llcyses, des Dichterfürsten mit den apollinischen Locken, dem die romanische „bellczza" des Wortes unanfechtbare! Dogma war. Fulda hat in Pietät vor diesem Lehrer seiner Generation außer manchen Bänden lyrischer Gedichte, die noch heute durch ihre geflügelte Anmut wirken, viel dramatische Werke voll ,,Seher/, Ernst, Ironie und tieferer Bedeutung" geschenkt, von denen wir nur eiiiigc wenige herausgreifen wollen, wie beispielsweise „Die Jugendfreunde", „Die Zwillingsschwcstern", „Noxeila d'Andrea", „Der heimliche König", „Der Dummkopf", „Die Rückkehr zur Natur" und andere mehr. Viele dieser Bühnendichtungen haben ungewöhnlichen Frfnig gehabt; keiner, vielleicht!•...; so allgemeine Verbreitung gefunden wie „Die Jugendfreunde", die wohl auf allen deutschsprechenden Bühnen ungezählte Male gespielt worden sind. All diesen Werken eignet gemeinsam die leichtbeschwingte (recrMnY«»;-» „-------t>^-" Grazie eines hellen und unbeschwerten Daseins, dessen Probleme noch nicht in der apokalyptischen Notstandszeit einer ganzen Welt verwurzelt waren. — Weil aber Fulda eben diese gewaltige Katastrophenerjochc des Universums nnH Ihre hrr-T-ende Dynamik, «tun er sie auch menschlich erfühlt haben mag, niemals dichterisch zu gestalten vermochte, gingen die Zeit und eine erbarmungslos gewordene Menschheit über ihn voreilig zur Tagesordnung über. Wir sagen mit Bedacht „voreilig"; denn Fuldas Wirken erschöpft sich nicht allein in seinen eigenen Werken. Hier mag er hinter den Forderungen des jeweiligen Tages zurückgebheben sein. Aber wir verdanken ihm die geradezu meisterhaften und vorbildlichen Übermittlungen fremdsprachiger (ieistes- und Kulturgüter, die wir durch Fulda in unser üeisteseigentum übernehmen konnten. Fuldas Ubersetzungen der Moliereschen Meisterwerke, der Shakespearesehen Sonette, des Rostandsciien „Cyrano von Bergerac" oder auch des „Figaro" von Beaumarchais sind allein durch Fuldas beispiellose Sprachkunst und seinen ehrerbietigen Dienst am Wort in den immanenten Besitz unseres Sprachschatzes übergegangen. At biet hat niemand Fulda überflügelt, geschweige denn Mithin sollten selbst jene, denen Fuldas eigene dichterische Produktion nicht mehr vertraut sein dürfte, an seinem Geburtstag dank bar dieses Meisters der Sprache gedenken. Fulda ist in Frankfurt a. M. als Sohn des patrizischen jüdischen Kaufmanns Karl Friedrich Fulda und dessen Ehefrau, einer geborenen Oppenheimer, zur Welt gekommen. Ur hat sein J u d e n t U m immer stolz und mannhaft behauptet und insbesondere den ans opportunistischen Gründen erfolgenden Obertritt zu anderen Konfessionen oft genug mit dem klaren und einfachen Worte gegeißelt: „Man entweicht nicht aus einer belagerten Festung'. Cierade darum, weil Hulda in einer Zeil, die »op. Li er!::•::- "^•.•i Probleuittün des; judentuma noch nichts wußte, seiue Stellungnahme freimütig und zweifelsfrei bekannte, beglückwünschen wir heute nicht nur den Dichter Ludwig Fulda, sondern auch den aufr e e h t e n j u d e r..!>er Jüdische Kulturbund erfüllt nur eine Ehrenpflicht, wenn er seine Bühne heute dem jüd i s c h e n I) i c h t e r Ludwig Fulda öffnet, auch wenn dieser Dichter der Exponent und Protagonist leichterer und fröhliche! er Geschlechter war. Redaktionsschluß für die nächste Nummer. Für die in der nächsten Woche erscheinende Nummer des Gemeindeblattes muß aus technischen Gründen der Redaktionsschluß um einen Tag vorverlegt werden. Wir bitten daher, alle für diese Nummer bestimmten Manuskripte und Vereinsnachrichten bis Dienstag, 14. Juli, 10 Uhr vorm. an das „Gemeindeamt" der israelitischen Religionsgemeinde, mit dem Zusatz „Gemeindeblatt" einzusenden.

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